Inspiration

Norbert Zimmermann: Cacao statt Coca

Norbert Zimmermann ist Industrieller, Musiker und neuerdings auch Bauer in Kolumbien. Der Selfmade-Millionär hat aus der ehemaligen Berndorfer Besteck-Fabrik einen internationalen Technologie-Konzert geschmiedet, die Berndorf AG, eine Holding mit 60 Unternehmen und Niederlassungen rund um den Erdball. Wann immer es seine Zeit zuläßt fliegt Zimmermann nach Kolumbien, wo er große Landstriche aufkaufte, auf denen früher Cocasträucher für die Kokainproduktion angebaut wurden. In OOOM schildert der Unternehmer, warum er mit 70 Jahren zu reiten begann, Kakao zu seinen Lieblingspflanzen zählt, er Österreichs einzigen Astronauten zu seinem Nachfolger macht und sogar die US-Flagge am Mond von einem seiner Unternehmen hergestellt wurde.

Christina Zappella Kindel 20. Dezember 2019 No Comments
norbert zimmermann ooom magazin

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Ist es ein Risiko für Sie? Kann das auf Kolumbien überschwappen?

Es ist bereits übergeschwappt. Es gab letzte Woche Unruhen in manchen Städten. Nicht bei uns draußen, da gibt es zu wenig Menschen für Unruhen. Aber  Südamerika ist ein Pulverfass. Der Friede ist dort die Ausnahme und die Turbulenzen sind die Regel. Wenn jetzt in Bogota Ausgehverbot herrscht, dann gehe ich eben nicht auf die Straße.

Fühlen Sie sich nicht als Eindringling aus Europa, wie es früher der Fall war?

Die Frage ist immer, was man dort aufführt. Ich glaube wir bringen den Menschen dort einen Sinn und nehmen niemanden etwas weg. Wir beschäftigen dort jede Menge Leute, wir tun etwas, zum Beispiel fördern wir eine Schule. Die wird wie ein Internat geführt, gerade haben wir einen Stromgenerator beschafft, damit sie Laptops betreiben können, wir haben ihnen einen Sportplatz gestaltet, wir bauen gerade eine Krankenstation, alles sehr einfach. Das finanzieren wir dort. Wir sind nicht peinlich und aufdringlich.

Fühlen Sie schon ein wenig wie ein Kolumbianer?

Ja, wir dürfen dort nicht die „Herren“ sein. Wir gehen mit den Leuten gut um, wir bezahlen sie ordentlich, wir wollen natürlich auch, dass sie etwas leisten, das steht außer Frage. Aber das ist alles ausgewogen. Jetzt habe ich auch begonnen besser Spanisch zu lernen, damit wir auch mit den Leuten kommunizieren können.

Welches Vermächtnis macht Sie eigentlich mehr stolz: Eines Tages den besten Cacao Südamerikas herzustellen oder ein Industrieunternehmen aufgebaut zu haben?

Eigentlich beides. Warum ich mich als glücklicher Mensch bezeichne ist einfach: ich darf alles machen. Wer darf das schon? Ich bin als Kind total bescheiden aufgewachsen. Für mich war Urlaub, bis meine Frau und ich geheiratet haben, ein Fremdwort. Ich habe mich sogar immer gefragt, warum Menschen überhaupt Urlaub machen.

Wie wurden Sie Millionär?

Ich bin nicht angetreten, um Millionär, sondern um Gestalter zu werden. Das war meine Ambition: frei zu sein. Ich finde es toll dass ich keine finanziellen Sorgen habe, aber das treibt mich nicht wirklich an. Das ist nur ein sehr angenehmes Ergebnis.

Ihr Lebenslauf ist bemerkenswert. Sie haben immer schon über Grenzen hinaus gedacht. Gibt es einen Rat an Ihr jüngeres Ich?

Ich würde vielleicht etwas weniger rücksichtslos agieren. Ich habe ja Jahre gehabt, da hat es keinen Acht-Stunden-Tag gegeben. Das war rücksichtslos mir selbst gegenüner und natürlich gegenüber meiner Familie. Meine Tochter hat da leider wenig von ihrem Vater gesehen während dieser Zeit. Im Karriereaufbau war ich zu sportlich, zu energetisch, zu fokussiert, das würde ich heute anders machen.

Wird man weiser?

Ja, schon. Ich habe halt auch Glück gehabt. Erstens, dass meine Tochter Sonja sich für das Unternehmen interessiert und wir jetzt sehr viel Gemeinsames tun können. Das ist ein spätes Geschenk, das ich da erhalte und zurückgeben kann. Das Zweite sind die Enkelkinder. Ich bin sehr früh in den Aufsichtsrat gegangen, mit 61 Jahren hört man ja normalerweise noch nicht auf. Meine Enkelin vom Kindergarten abzuholen, gemeinsame Mittagessen oder lange Gespräche haben da Priorität für mich gehabt. Da hat es keinen anderen Termin gegeben. Ich habe also das Glück gehabt, etwas nachholen zu dürfen.

Wie haben Sie es geschafft Saxofon spielen zu lernen?

Das ist dann schon später gekommen, das habe ich erst so vor 20 Jahren – da war ich über 50 Jahre alt – begonnen. Ich habe mal als Bub Klarinette gespielt, so zwischen 8 und16 Jahren. Ich dachte mir einfach: mach nochmal etwas Neues. Das hat mir auch die Gelegenheit gegeben mit jungen Menschen zusammen zu sein, ich bin auf Jazz-Seminare gegangen und gehe auch heute noch. Es ist toll, wenn man etwas mit jungen Leuten zusammen macht.

Fehlt Ihnen noch etwas zum Glück?

Ich habe die Gelegenheit gehabt, die Welt kennenlernen zu dürfen. Dass man alles tun darf, gesund bleibt dabei  und auch mit 70 Jahren noch mit dem Reiten anfangen kann ist ja an sich ein Geschenk. Ich nehme das demütig an und es ist eine große Freude. Das Glück in meinem Leben kam immer häufiger als das Unglück zu mir.

Fotos: Roland Unger

20. Dezember 2019