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ÖBB-CEO Andreas Matthä: Die grüne Bahn

Wie wird die Mobilität von morgen aussehen? Warum soll man mehr Bahn statt Auto fahren? Wie grün sind die Österreichischen Bundesbahnen tatsächlich? Und wie viel CO2 spart ein Konzern dieser Größenordnung pro Jahr ein? Andreas Matthä, Vorstandsvorsitzender der ÖBB, erklärt im OOOM-Interview seine grüne Strategie für die Zukunft. Und warum die Bahn immer „mehr und mehr im Trend“ liegt, neue Features von Wellness-Abteilen bis zum Bordkino kommen und ein eigenes Auto zu besitzen immer unwichtiger wird.

Georg Kindel8. Mai 2019 No Comments
nightjet ooom öbb magazine

Die Bahn ist eines der nach­haltigsten Verkehrsmittel. Warum sollen die Leute mehr Bahn fahren, als mit Auto oder Flugzeug zu reisen?

Gegenüber dem PKW hat die Bahn ganz klar einen großen Vorteil: Sie ist 15-mal klima­freundlicher unterwegs. Damit sind die ÖBB Österreichs größtes Klimaschutzunternehmen und übernehmen eine aktive Rolle beim Umweltschutz. Denn die Bahn ist ein wichtiger Partner im Kampf gegen den Klimawandel. Wer also entscheidend zum Klimaschutz beitragen will, fährt mehr Bahn.

Wie viel CO2 sparen Sie jährlich ein?

Gemeinsam mit unseren Kundinnen und Kunden ersparen wir der Umwelt jetzt schon jährlich rund 3,5 Millionen Tonnen CO2. Um diese Menge aufnehmen zu können, ist ein Wald in der Größe Vorarlbergs nötig. Mich beeindruckt das. Und dieses Bewusstsein setzt sich auch in der Bevölkerung immer weiter durch. Die Bahn liegt mehr und mehr im Trend!

Wie stark forschen die ÖBB im Bereich umweltfreundlicher Technologien?

In den letzten 180 Jahren war das System Bahn stets ein Vorreiter für Technologie und Mobilität. Und ich bin davon überzeugt, dass sie auch in den nächsten Jahrzehnten noch mehr an Bedeutung gewinnen wird. Zu den wesentlichen Gründen zählt, dass die Bahn der umweltfreundlichste Verkehrsträger und angesichts des Klimawandels ein Teil der Lösung ist. Aufbauend auf bisherigen Erfolgen wie der fortlaufen­den Elektrifizierung des Schienennetzes und der Steigerung der Energieeffizienz, forschen und testen die ÖBB in vielen Bereichen: Nach dem ersten Testbetrieb eines Wasserstoffbusses, mehreren E-Bus-Projekten, innovativen Mobilitätskonzepten wie dem Mikro-ÖV und unserem Rail&Drive-Service für die letzten Kilometer soll auch die Eigenproduktion von grünem Bahnstrom weiter gesteigert werden. Daher investieren wir aktuell auch in den Ausbau unserer eigenen Kraftwerke.

Verwendet die ÖBB ausschließlich grünen Strom?

Wir haben im Sommer 2018 unseren Betrieb auf 100 Prozent grünen Bahnstrom umgestellt. Ein Drittel des benötigten Bahnstroms wird von unseren eigenen Wasser- und Solarkraftwerken erzeugt, der Rest wird von Partnerkraftwerken geliefert und zugekauft. Die Eigenproduktion von grünem Strom soll aber weiter gesteigert werden. Ab sofort werden auch alle Bahnhöfe, Büros, Werkstätten, Containerkräne mit 100 Prozent grünem Strom versorgt. Dadurch ersparen die ÖBB der Umwelt zusätzlich über 30.000 Tonnen CO2 pro Jahr.

Wie sehr spart die ÖBB im Personen- und Güterverkehr CO2 ein?

Mit jeder Bahnkarte, jedem mit der Bahn transportierten Paket, mit jedem Auto auf einem unserer mehr als 115.000 Park-&-Ride-Stellplätze tragen unsere Kunden und Mitarbeiter zu mehr Lebensqualität für die nächste Generation bei. Denn Bahnfahren ist der beste Klimaschutz! Fahrgäste, die anstelle des Flugzeugs die Bahn in den wohlverdienten Sommerurlaub wählen, reisen 31-mal „grüner“. Auch wer seinen PKW zugunsten der Bahn stehen lässt, ist 15-mal klimafreundlicher auf Reisen. Jede Tonne Fracht auf der Schiene anstatt auf der Straße ist 21-mal klimafreundlicher unterwegs.

Wie wird die Mobilität von morgen aussehen?

Zugfahren ist Teil des Life­styles. Um an ihr Ziel zu kommen, nutzen die Menschen unterschiedliche Verkehrsmittel. Der Zug ist dabei das zentrale Fortbewegungsmittel. Ein eigenes Auto zu besitzen wird immer unwichtiger. Denn Bahnfahren ist klima­freundlich und wird immer bequemer und schneller. Die Digitalisierung spielt in der Entwicklung eine wesentliche Rolle. In Zukunft werden die Züge noch leiser und schneller. Und auch Störungen werden dank laufender elektronischer Überprüfungen der Anlagen bis auf ein Minimum reduziert. Die Fahrgäste erwartet künftig ein vielfältiges Angebot im Zug: von ruhigen Wellness-Abteilen bis zum Bordkino – und das alles, wenn sie in zwei Stunden und 40 Minuten mit dem Railjet von Wien nach Klagenfurt an den Wörthersee düsen. In Zukunft gibt es an allen großen und kleinen Bahnhöfen die Möglichkeit, ein Elektroauto für die letzten Kilometer zu buchen. Das macht nicht nur die Bahnhöfe selbst attraktiver, sondern wird auch positive Auswirkungen auf die betreffende Region haben. Viele kleinere, „versteckte“ Orte werden für die Urlauber bequem und komfortabel erreichbar sein.

Sie kooperieren mit Greenpeace. Was wollen Sie damit erreichen?

Gemeinsam mit Greenpeace machen die ÖBB die Bahn „grüner“, also noch umweltfreundlicher. Schritt für Schritt werden Maßnahmen gesetzt, um das langfristige Ziel CO2-neutrales Bahnfahren zu erreichen. In den vergangenen Jahren konnten die ÖBB ihre Energieeffizienz bereits deutlich steigern. Green­peace begleitet uns bei der Umsetzung mit ihrer Expertise.

Welche großen Infrastrukturprojekte stehen in den nächsten Jahren an – und wie sehr wird dabei auf Klima- und Umweltschutz geachtet?

Klima- und Umweltschutz haben sich die ÖBB groß auf die Fahne geschrieben. Denn die Energie gilt völlig zu Recht als Rückgrat unserer hoch technisierten Gesellschaft in fast allen Lebensbereichen. Im Rahmen der Kooperation mit Greenpeace stehen drei konkrete Leuchtturmprojekte im Mittelpunkt:

Beim Energiemix haben wir im letzten Jahr mit 100 Prozent grünem Bahnstrom bereits einen Meilenstein erreicht. Seit Jahren setzen wir auch Maßnahmen, um die Energieeffizienz zu erhöhen. Ein Schwerpunkt dabei liegt zum Beispiel auf den österreichweiten Standorten der ÖBB – Büros, Werkstätten und Bahnhöfe. Durch thermische Sanierungen und Standortoptimierungen wurden jetzt deutliche CO2-Einsparungen möglich. Der Ausbau der Bahn ist auch immer ein Ausbau des Umweltschutzes. Bestes Beispiel: In der Ostregion haben wir in den vergangenen acht Jahren ein Drittel mehr Fahrgäste befördern dürfen, und dies vor allem auch aufgrund des attraktiven Ausbaus der Weststrecke mit deutlich kürzeren Fahrzeiten.

Wie sehr leben Sie auch privat nachhaltig und umweltbewusst?

Ich verrate ihnen gerne, dass ich ein großer Fan von Italien bin. Die Reisen dorthin kommen leider oft zu kurz. Aber ich freue mich jedes Mal darauf, mit dem Nightjet nach Venedig zu fahren und morgens um 9 Uhr den ersten Ristretto auf dem Markusplatz zu trinken. Warum? Ganz einfach: weil ich entspannt und umweltfreundlich in den Urlaub starte. Ich möchte nicht nur als Chef der ÖBB mit gutem Beispiel vorangehen, sondern auch als Privatperson zum Umweltschutz beitragen.

8. Mai 2019