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Oliver Hirschbiegel: Das Böse steckt in uns

Er dreht mit Naomi Watts, Nicole Kidman und Daniel Craig. Oliver Hirschbiegel gehört zur ersten Liga der deutschen Regisseure. „Der Untergang“ über die letzten Tage Adolf Hitlers im Führerbunker brachte ihm eine Oscarnominierung ein. Gerade stellte er den deutschen Teil der neuen Netflix-Serie „Criminals“ fertig, die in vier verschiedenen Ländern spielt, in Deutschland nur in einem einzigen Raum. OOOM traf das Mitglied der Oscar-Akademie zum Gespräch über seine Liebe zu den dunklen Ecken der Seele, seine Arbeit in Hollywood, das Drama um Kevin Spacey – und warum Donald Trump einen schlechten Film abgeben würde. Die Fotografin Paula Hummer, Hirschbiegels Tochter, inszenierte ihn für OOOM.

Christina Zappella-Kindel10. Oktober 2019 No Comments
oliver hirschbiegel ooom magazin

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Oscarpreisträger Stefan Ruzowitzky sagt, dass es durch die Streamingdienste so viele Jobs gibt wie nie zuvor. Ist das richtig?

Ja. Das hat sich in den letzten sechs bis sieben Jahren um fast mehr als 100 Prozent erweitert. Es ist ein bisschen wie ein Candystore für Regisseure: Wir können uns aussuchen, was wir wollen. Es ist ein Sellers Market. Wir verkaufen unser Talent und wir sind jetzt mehr gefragt als noch vor einigen Jahren. Auf der anderen Seite sind durch die Erstarkung des Fernsehens auch die Autoren stärker geworden. Die Autoren sind oft die Showrunner und entwickeln das ganze Konzept, aber für die visuelle Umsetzung brauchen sie uns.

Angst vor dem Scheitern haben Sie keine?

Die Angst vor dem Nicht-Gelingen ist der dauernde Motor, um weiterzuarbeiten. Wenn ich jemals begriffen haben sollte, wie das, was ich mache, eigentlich funktioniert, dann höre ich wahrscheinlich auf. Ich sehe mich immer noch als staunender und lernender Student. Diese absoluten Großmeister wie Stanley Kubrick, wo man gar nicht lernen, sondern nur staunend zuschauen konnte, das ist wie ein Arschtritt für einen selbst.

Welcher Regisseur hat Sie am meisten inspiriert?

Die drei großen „H“: Hitchcock, Huston, Hawks.

Burgtheaterstar Johannes Krisch meint, Schauspiel sei vergleichbar mit Schamanismus.

Wenn Sie mich fragen, wie meine Arbeit ausschaut, dann sage ich immer, dass es Energiearbeit ist. Schamanen betreiben Energiearbeit. Das, was nicht abstrakt zu beschreiben ist, das, was nicht durch ein Handbuch zu erlernen und zu befolgen ist –  das ist das, was der Schauspieler tut, und auch das, was der Regisseur macht. Schauspieler bist du von Geburt an. Viele Menschen wissen das gar nicht oder finden es über einen Zufall heraus. Wenn du das studierst und im Studium erfolgreich bist, dann weil du immer schon Schauspieler warst. Das ist ein Stamm. Wir Regisseure sind bedingt auch Mitglieder dieses Stammes. In jedem Fall verstehen die guten Regisseure diese Seele. Mit dem Schauspieler energetisch arbeiten kann man über ein Wort, einen Satz, einen Hinweis.

Sollen sich Menschen in exponierten künstlerischen Berufen – wie Schauspieler, Musiker, Regisseure – politisch engagieren?

Das politische Engagement an sich ist im Prinzip für jeden wünschenswert. Als Künstler gibt es aber keine Verpflichtung, sich politisch zu äußern oder politische Elemente in die Arbeit einfließen zu lassen. Das kann man machen, muss man aber nicht, auch nicht aus Gründen der Political Correctness. Kunst ist das Gegenteil von dem, mit dem wir in der rationalen Wirklichkeit leben. Das sind meistens Sätze mit einem Punkt, ein Versuch der Erklärung im Austausch mit Ideen. Unglücklicherweise geht es durch diese unsägliche Zunahme des Populismus nur noch um Wahrheiten, die Leute für sich behaupten und als allgemein gültig hinstellen. Kunst ist das absolute Gegenteil. Sie stellt Fragen, sie arbeitet mit dem Komma und mit der Auslassung.

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Verfolgen Sie die österreichische Politik?

Nicht wirklich. Man ist natürlich amüsiert. Wenn ich so ein Video wie Ibiza in einem Film inszeniert hätte, hätte man es mir um die Ohren gehauen: „So etwas gibt es nicht in der Wirklichkeit.“

Was sagt es über die Österreicher aus, dass es der Partei nicht geschadet hat?

Aus meiner Sicht sind die Österreicher eigentlich ein kosmopolitisches Unternehmen. Nur 25 Prozent wählen und unterstützen diese Partei. Wenn man es richtig macht, wird man hier als Ausländer freundlich und herzlich aufgenommen. Ich bilde mir auch ein, dass Wien multikulturell ist, und das funktioniert hervorragend. So ein Gefühl von Rassismus oder Ausgrenzung ist für mich hier nicht die dominierende Energie. Es gibt eine große Tradition im Antisemitismus, speziell in einer Stadt wie Wien, die früher fast mehr Juden hatte als ganz Deutschland. Das wird stets auch gerne vergessen –  dass Wien so jüdisch war. Parallel dazu war der kalte Antisemitismus in Polen oder Ungarn schlimmer, auch die Franzosen waren eigentlich schlimmere Antisemiten. Österreich hat das nicht erfunden.

Wenn ich so ein Video wie Ibiza in einem Film inszeniert hätte, hätte man es mir um die Ohren gehauen: „So etwas gibt es nicht in der Wirklichkeit.“

Zu Political Correctness gesprochen: Wie finden Sie es, dass Kevin Spacey keine Rollen mehr bekommt?

Das ist ein tragischer Fall. Der Mann ist brillant, ein Ausnahmeschauspieler und – wie man schon lange Jahre vorher aus zweiter und dritter Hand gehört hat – offensichtlich ein absolutes Arschloch, das Grenzen und Gesetze ignoriert. Unter dem Aspekt ist es absolut korrekt, dass er keine Arbeit mehr bekommt. Für die Menschheit ist es ein Verlust, weil der Mann als Künstler so begabt ist. Es ist schmerzhaft zu sehen, dass sich dieses Talent selbst ins Nichts geschossen hat. Das ist halt das Blöde: Man wünscht sich immer, dass ein guter Künstler auch ein guter Mensch ist. Aber blöderweise ist die Welt nicht ganz so einfach.

Gibt es ein Herzensprojekt?

An einem sitze ich gerade. Da geht es um die Flüchtlinge, die nach Europa kommen, und wie Europa mit diesen Menschen umgeht, wie die Angst vor dem Fremden diese inhumane Politik auslöst. Das möchte ich gerne als Serie behandeln.

Kevin Spacey ist ein tragischer Fall. Der Mann ist brillant, ein Ausnahmeschauspieler – und offensichtlich ein absolutes Arschloch.

Wenn Sie einen Film über Trump machen würden – wäre es eher eine Komödie oder ein Drama?

Weder noch, denn dieser Mann ist für mich denkbar uninteressant. An diesem Mann ist nichts originell, faszinierend oder spannend. Über ihn einen Film zu machen fände ich langweilig. Trump steht für mich für alles, was ich eigentlich verachte. Ich habe ja auch nicht einen Film über Hitler gemacht, sondern über den Untergang: über diesen Zustand, dass eine ganze Idee, so absurd sie war, den Bach runtergeht, personifiziert in dieser Figur. Das ist natürlich hochkomplexer als das, was Trump tut. Trump ist für mich eine Witzfigur, während Hitler das absolut nicht war.

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Fotos: Paula Hummer

10. Oktober 2019