Arts & Design

Der One Minute Man – Erwin Wurms private Welt

Er ist der teuerste lebende Künstler Österreichs: OOOM besuchte den Weltstar und sprach mit ihm über Inspiration und die Wegwerfkultur. Erwin Wurm ist ein Künstler, in dessen Werk Größe eine wesentliche Rolle spielt: Er stellt große Häuser auf den Kopf, produziert echt fette Autos und inszeniert Personen als Kunstwerke des Moments. Die Kunst-Datenbank Artfacts.net reiht zeitgenössische Künstler nach ihrer globalen Bedeutung, berechnet mit einem komplexen Punktesystem.

Georg Kindel3. August 2017 No Comments

Gigantische Wurm-Skulpturen im Garten von Schloss Limbach.

Inwiefern spielen Sie mit dem Begriff „Skulptur“ zwischen Dreidimensionalität und Zweidimensionalität, zwischen Versuch und Vollendung bzw. Zeitlichkeit und Dauerhaftigkeit?
Das ist etwas, was mich schon lange und bis heute beschäftigt hat, schon vor den One Minute Sculptures. Es hat ja mal die Idee gegeben, den Begriff der Skulptur zu hinterfragen und nach den Möglichkeiten der zeitgemäßen Umsetzung und der zeitgemäßen Verwendung zu suchen. Da ich an und für sich Maler werden wollte, aber dann in die Skulpturenklasse gesteckt wurde, war das der eigentliche Ausgangspunkt meiner Arbeit. Von Beginn an habe ich mich mit dem Begriff der Dreidimensionalität und Zweidimensionalität beschäftigt und auch mit dem Begriff der Aktion. Ich habe überlegt, wie lange etwas Aktion ist, und ab wann sie zur Skulptur wird. Es ging eben um Zeitlichkeit und Dauerhaftigkeit, aber auch um Versuch und Vollendung. Manchmal probiere ich etwas aus und lasse es dann auch in einer unvollendeten Form oder in einer nicht perfekten Form beendet sein.

Diese Dinge, wie auch der Versuch und das Scheitern, waren sehr wichtig und sind ein wesentlicher Teil der One Minute Sculptures geworden. Nicht nur in den Fotoarbeiten, sondern auch in den performativen Arbeiten, bei denen das Publikum selbst Skulpturen realisieren kann. Bei einigen zeichnerischen Gebrauchsanweisungen sind ja auch Fehlstände eingebaut, sodass sie sich absolut nicht realisieren lassen. Und diese Zweifel an der Umsetzbarkeit einzubauen fand ich spannend.

Welche Rolle spielen Humor und Ironie in Ihrer künstlerischen Arbeit?
Der Humor und die Ironie sind ja gleichzeitig auch eine Waffe. Sie sind ein Mittel, um schwere und ernste Themen zu behandeln, ohne pathetisch zu werden. Mir war Pathos, mit dem versucht wird Bedeutung zu erlangen, immer extrem peinlich. Mich hat das nicht interessiert, aber gleichzeitig wollte ich auch mit der gleichen Inhaltlichkeit und den ernsten Themen arbeiten wie die Pathetiker, nur eben mit Leichtigkeit, mit Bissigkeit, Ironie und Humor, wobei Humor auch immer etwas Bösartiges hat. Denn wir lachen ja alle mit Vorliebe, wenn jemand anderem oder auch uns selber etwas Unangenehmes passiert. Wir lachen über die Relativierung der eigenen Bedeutung im Verhältnis zur Größe der Welt, die selber so lächerlich und hinlänglich ist, dass man im Grunde genommen auch über die eigene Existenz nur lachen kann.

Welche Rolle spielt der Zufall bei Ihrer Arbeit?
Guy Debord hat die wunderbare Behauptung aufgestellt, dass das Leben eines Menschen aus der Folge von zufälligen Situationen besteht. Man wird ja zufällig in eine geografische Situation geboren oder in eine gesellschaftliche Situation, und ich glaube, es spielt schon eine große Rolle im Leben eines Menschen, ob man jetzt hier in Wien auf die Welt kommt oder in England, in Amerika oder in Afghanistan. Ich glaube, dass meine Arbeit wahrscheinlich so ist, wie sie ist, weil ich hier in Österreich aufgewachsen bin. Sie reflektiert eben unbewusst mein Umfeld und diese Vorstellung von Kunst, mit der ich groß geworden bin. Auf der anderen Seite gibt es eine ganz starke sozialpolitische Idee, die dahintersteckt, nämlich unsere Wegwerfkultur, die ja mittlerweile nicht nur einzelne Gegenstände, sondern ganze Architekturen betrifft oder Beziehungen, die ja letztendlich uns selber betreffen. Wir haben den Willen, uns ständig zu verbessern, weil der Status quo unbefriedigend ist und als unzulänglich empfunden wird. Aus diesem ständigen Willen zur Veränderung geht aber auch eine Unzufriedenheit hervor, die diese Kurzlebigkeit zum Thema hat. Mit meinen Arbeiten in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren habe ich begonnen, den Zeitbegriff in meine künstlerische Arbeit einzuführen und einige Skulpturen oder Arbeiten lediglich für die Dauer eines Ausstellungsmonats existieren zu lassen. Diese Dauer hat sich dann im Laufe der Jahre verkürzt, bis ich irgendwann bei den One Minute Sculptures gelandet bin.

Wichtige Arbeiten wie das Fat House oder Fat Car lassen sich als Antworten auf soziale Phänomene lesen. Welche Rolle spielen private Prägungen in Ihrer Arbeit?
Mir geht es wesentlich darum, skulpturale Fragestellungen mit dem Alltag, der natürlich auch mein Alltag ist, zu verbinden. So ging die kritische Untersuchung gesellschaftlicher Probleme wie Schlankheitswahn und Übergewicht als Folge sozialer Ungleichheit einher mit dem Versuch, formale Prozesse auf eine inhaltliche Dimension hin zu erweitern. Persönlich ist meine Arbeit insoweit, als ich Materialien aus meinem Umfeld verwende und Themen aufgreife, die mir nahegehen: Themen wie Armut, Schönheit, gesellschaftliche Fetische oder Jugendkult, die ich mit Parametern des Skulpturalen vermesse.

Woran arbeiten Sie zurzeit?
Ich habe viele Jahre performative Skulpturen gemacht, ich versuche jetzt das Performative in real existierende dreidimensionale Skulpturen einzubringen. So schreibe ich etwa in der Arbeit „Schnee“ meine Fußspuren in ein Bettkissen ein oder mache in meinen Häuserskulpturen Abdrücke einer Aktion manifest.

3. August 2017