Arts & Design

Nathalie Djurberg: Zwischen Märchen und Alptraum

Ihre Kunst verstört und erzählt bizarre Geschichten: Die schwedische Videokünstlerin spricht über Liebe, Lust, Gier und Gewalt. Nathalie Djurberg wollte schon immer verstören. Ihren durchbruch hatte sie mit der Ausstellung „Tiger Licking Girl‘s Butt“. Die Frage, die sich der Tiger stellte: „Warum habe ich diesen Drang, das immer und immer wieder zu tun?“

Gerald Matt14. Februar 2017 No Comments

Frau Djurberg, Sie sagten einmal, dass Furcht zu Ihrer Kunst gehört, Sie sich sogar vor der TV-Serie „Die Fraggles“ gefürchtet haben.
Djurberg: Jetzt fürchte ich das Interview mehr als die TV-Serie. Aber so ändern sich die Zeiten. Es war eine Kinderserie im schwedischen Fernsehen, eine Art moralisches Drama. Es war die Angst, etwas falsch zu machen, nicht zu wissen, was falsch und richtig ist. Das ist auch eine fortlaufende Frage in meiner Arbeit. Hans ist da viel sicherer. Ich bin mir für mich nicht so sicher.

Inwieweit haben Sie TV- und Kinderprogramme in Ihrer künstlerischen Arbeit beeinflusst?
Djurberg: Nicht bewusst.

War schon als Kind Ihr Wunschtraum, Künstlerin zu werden?
Djurberg: Ja, definitiv, ich wusste allerdings nicht, was ein Künstler genau ist. Aber ich wollte einfach etwas kreieren. Später dachte ich mir, es wäre wohl besser gewesen, etwas zu machen, bei dem ich glücklicher wäre. Aber ich habe ja bis heute die Wahl. Ich liebe und hasse meine Arbeit – gerade diesen Zwiespalt liebe ich.

Wurden Sie von zu Hause unterstützt, was Ihre künstlerischen Ambitionen angeht?
Djurberg: Meine Mutter unterstützte mich bis zu dem Punkt, an dem es wirklich Kunst wurde und auch hart und grausam. Das war dann zu viel für sie. Ich habe schon als Kind kleine Skulpturen gemacht aus nassem Toilettenpapier, und das formte und trocknete ich. Toilettenpapier war ein sehr kompliziertes Material, für komplexere Figuren nicht zu gebrauchen. Meine Mutter warf einmal alles weg, sie dachte, es sei Müll. Ich habe ihr vergeben.

Wie kamen Sie zur Animation?
Djurberg: Ich wollte Kunst studieren, ging mit 16 Jahren auf die freie Kunstschule, wo ich Skulpturen machte, dann auf die Akademie in Malmö. Ich dachte damals, Malerei hat einen höheren Stellenwert als Skulptur. Das erzählte mir jedenfalls ein Kollege. Für Malerei war ich nicht gut genug. Mit Animation habe ich begonnen, weil ich eigentlich keine Kunst mehr machen wollte. Natürlich hat man als Künstler die Wahl zu entscheiden, was Kunst ist, aber so weit war ich damals noch nicht.

Gab es für Sie während des Studiums so etwas wie Helden, künstlerische Vorbilder?
Djurberg: Nein, ich hatte keine Helden, aber Menschen, die mich interessierten, von denen mir jedoch keiner half, meine Arbeit zu entwickeln. Ich war fasziniert von Goya und frühen Arbeiten von Marina Abramovic, Paul McCarthy und Mike Kelly, während ich in Stockholm studierte. Ich machte aber einfach, was ich machen wollte. Ich dachte auch nicht, dass Animation Kunst ist. Ich denke, meine frühen Arbeiten sind mehr aus einer inneren Getriebenheit, einer Art Zwang und aus Freude an der eigenen Fantasie entstanden.

Ihre erste Ausstellung hatten Sie in einem Rotlichtviertel?
Djurberg: Als ich die Akademie beendet hatte, hatte jeder von uns eine kleine Ausstellung in der Galerie Peep, in der Gegend war auch das Rotlichtviertel, so waren einige meiner Besucher Männer auf der Suche nach einer Peepshow – aber Besucher ist Besucher. Das Gute ist, wenn du einmal in einer Galerie ausstellst, glauben auch alle anderen, dass es Kunst ist, was du machst.

Was verbindet die erste Arbeit und Ihre letzte Arbeit „Worship“, was ist geblieben bei aller Veränderung?
Djurberg: Sexualität, Machtkämpfe und soziale Dynamiken. Und ich verwendete damals schon das Material, das ich heute nehme: Plastilin, Lehm etc. Ich machte meine Puppen, um sie dann zu filmen. Die Animationstechniken brachte ich mir selbst bei, das ist der Grund, warum meine Arbeit oft rauh und unfertig wirkt. Ich probiere gerne Dinge aus und habe keinen großen Respekt vor Professionalität und Handwerk. Wichtig ist mir, dass ich meine Ideen ausdrücken kann. Meine Methode ist „trial and error“. Wenn ich meine Ideen mit einem Bild ausdrücken könnte, würde ich es machen. So mache ich eben Filme. Ich liebe meine Figuren und Settings, und das Wichtigste ist, was während des „Making-of“ geschieht.

Was planen Sie bei Ihrer Arbeit, was ist Zufall?
Djurberg: Da gibt es kein Skript. Wenn etwas zu klar ist, brauche ich es nicht mehr zu machen. Ich habe eine Geschichte im Kopf und mache meine Animationen sehr schnell, sodass nicht alles entschieden ist. Ich fange mit etwas an, und wenn es nicht funktioniert, gehe ich in eine andere Richtung. Am interessantesten ist, sich von der Sache treiben zu lassen.

In Ihrer gegenwärtigen Ausstellung im Kunstraum Dornbirn geht es auch um Skulpturen, um Objekte und Puppen. In der Ausstellung im Neuen Kunstverein Wien steht ausschließlich der Film im Mittelpunkt.
Djurberg: Ja in Wien ist es die Animation, aber sie wird durch die Musik und den Raum physischer, dreidimensionaler. Die Musik macht die Projektion zur Installation, greift in den Raum ein. Dennoch bleibt hier der Betrachter mehr anonym, wird nicht so sehr wie bei einer raumumfassenden Installation aus Film und Objekten Teil des Kunstwerkes.