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Parov Stelar: Düstere Dämonen

Parov Stelar, Kultstar der elektronischen Musik, tourt mit seinem Electro Swing normalerweise durch die Welt und spielt ausverkaufte Konzerte von New York bis Amsterdam, darunter bei Festivals wie Coachella vor 200.000 Besuchern. Durch Corona musste er über ein Jahr lang in seiner Wahlheimat Mallorca pausieren. Eine Zäsur in mehrfacher Hinsicht: Der Trennung von seiner Frau Barbara folgte ein Bilderzyklus von über 60 Werken, die Marcus Füreder zuletzt in einer Linzer ­Museumsausstellung zeigte. OOOM sprach mit ihm über schlaflose Nächte, Panik, seine Dämonen, emotionale Abschiede, Scheidung und sein neues Leben.

Georg Kindel19. November 2021 No Comments

Wer Ihre neuen Werke sieht, vermutet: Sie müssen eine schwierige Zeit hinter sich haben …
Im Endeffekt ist jedes Bild eine Reflexion von dem, was in dir ist, was man sichtbar macht. Ich glaube, es hat nicht nur mit der Covid-Phase zu tun, die hat mir einfach nur die Plattform in Form von Zeit gegeben, dass ich dem wieder mehr nachgehen kann. Wie die wenigsten wissen, habe ich eigentlich vor der Musik schon lange meine Malerkarriere gehabt und hab das jetzt einfach wieder intensiviert. Irgendwann ist der Zeitpunkt gekommen, wo der Direktor vom Francisco Carolinum in Linz zu mir gekommen ist, der meine Bilder über Umwege gesehen hat, und sagte, ich soll doch bitte eine Ausstellung in seinem Museum machen. Mein Haus auf Mallorca war bummvoll mit Stapeln von Bildern und das ist immer massiver geworden. Also hab ich gesagt: Okay, dann machen wir das. 

Ihre neuen Werke sind voll Kraft, sehr intensiv.
Die Malerei ist für mich noch um einen Tick persönlicher als die Musik. Die Musik ist flüchtiger, man kann sie anhören und sie ist wieder weg. Aber wenn man sieht, wie Menschen im Museum vor deinem Bild stehen und fünf Minuten ganz genau hinsehen, das berührt sehr.

Im Vergleich zu Ihren drei, vier Jahre alten Werken hat man das Gefühl, dass da extrem viel in Ihnen vorgegangen sein muss. Die neuen Bilder haben eine Düsternis, was künstlerisch sehr stark sein kann. Waren sie das Ventil, um die Trennung von Ihrer Frau Barbara zu verarbeiten?
Ich hatte niemals das Bedürfnis, alle teilhaben zu lassen an meinen Dämonen. Ich habe sie einfach für mich gemalt. Aber es war schon eine heftige Zeit und ich kann sagen, die Malerei hat mich in dieser Zeit auch gerettet.

Es war eine heftige Zeit und ich kann sagen: Die Malerei hat mich gerettet. Ich habe musikalisch rein gar nichts gemacht. 

Hatten Sie da ein Ritual, einen Rhythmus?
Ich bin teilweise um drei Uhr in der Früh aufgewacht und hab nicht mehr schlafen können. Dann bin ich ins Atelier gegangen und habe versucht, es einfach zuzulassen, was ist. Wenn du in einer schwierigen Phase bist und du lässt es zu, dann hält sich das an keine Abläufe. Das kommt und geht, du wachst auf, du schläfst. Rhythmus war keiner dabei, es war eher das Gegenteil. 

Ich bin glücklich geschieden. Es gibt einfach Dinge im Leben, die zu Ende gehen. Auch wenn man weiß, dass sie richtig sind, tut es einfach weh.

Sie sind mittlerweile geschieden?
Ich bin glücklich geschieden. Es gibt einfach Dinge im Leben, die zu Ende gehen und die Akzeptanz muss man einfach in Form von Zeit lernen. Auch wenn man weiß, dass Dinge richtig sind, tut es einfach weh, und das ist wahrscheinlich für beide Seiten so. Es ist diese Zeit, wenn du vom Wir wieder ins Ich kommst. Und dieser Prozess ist für mich in Form von Malerei und bildender Kunst sehr ausschlaggebend gewesen. 

Hat Covid diesen Prozess beschleunigt? Viele Paare trennten sich während der Pandemie, weil man das ständige Miteinander nicht mehr gewohnt war.
Ich hatte das Gefühl, ich bin auf einer Reiseflughöhe von 10.000 Kilometern mit 1.000 km/h unterwegs, und das war nichts anderes als eine Vollbremsung. Diese Vollbremsung beschleunigt natürlich auch Dinge, die vorher geruht haben. Sie werden plötzlich in Bewegung gebracht und das ist ein ganz ambivalentes Gefühl gewesen, wo ich merken musste, die Dinge, die in Bewegung sind, werden gestoppt und die Dinge, die eigentlich nicht in Bewegung waren, kriegen plötzlich eine Beschleunigung. Das war ein ganz eigenartiges Gefühl. Es war ein emotionaler Salto, den muss man auch schnell machen, aber irgendwie eingebettet in einen Stillstand, sprich Covid. 

Haben Sie sich gefragt: Wann kann ich jemals ­wieder spielen?
Der erste Gedanke war eher: Kann ich jemals wieder lieben? Und dann erst ist der Gedanke gekommen: Kann ich jemals wieder spielen? Und in beiden Fragen hab ich auch versucht es zuzulassen. Ich vertraue darauf, dass es so kommt, wie es richtig ist. Natürlich erwischt man sich immer wieder in Momenten der Panik, wo man sich fragt: Ist das jetzt echt vorbei mit den Konzerten, ist das Live-Business over? Niemand weiß, wohin das geht. Sind wir am Rande der Apokalypse oder ist das einfach nur ein kurzes Intermezzo? Bis ich beschloss, die Krise als Chance zu sehen. Ich glaube, wir Menschen sind Wesen, die wenig bis gar nichts lernen, wenn es ihnen gut geht. Es gibt keine Notwendigkeit, zu reflektieren, es gibt keine Notwendigkeit, irgendetwas zu verändern. Man denkt: Hoffentlich bleibt es so, wie es ist. Das ist nichts für einen Künstler.

So wie in der Midlife-Crisis schaust du zurück und fragst: Was möchte ich aus der Vergangenheit mitnehmen, was stoße ich ab? 

Wie viele Bilder haben Sie in den letzten eineinhalb Jahren gemalt?
An die 60 würde ich sagen. Ich habe rund um die Uhr gemalt. Die bildende Kunst hatte in meinem Leben immer einen großen Stellenwert, nur hat es halt keiner gesehen. Von der Intensität ist da kein Unterschied. Ich mache es jetzt einfach mehr öffentlich. 

Lebt Ihr Sohn bei Ihrer Ex-Frau Barbara oder nehmen Sie ihn auch mit auf Tour?
Ich versuche natürlich, meine Tourneen jetzt so zu legen, dass ich spiele, wenn Max bei Barbara ist. Ich würde ihn auch ganz gerne mitnehmen. Mein Sohn ist das Wichtigste für mich, wir verbringen sehr viel Zeit miteinander. 2022 wird sicher sehr intensiv werden, das hat jetzt schon eine Dimension angenommen, wo ich ein bisschen ängstlich hinblicke, weil es doch sehr viele Konzerte weltweit werden. Es ist natürlich ein Aufholbedarf da, ich muss auch an meine Musiker denken, die ein Jahr lang kein Einkommen hatten. Da spiel ich jetzt gerne mehr, als ich selbst möchte. Wir sind teilweise bis zu 25 Leute auf Tour.

Machen Sie wieder Musik?
Ich bin schon längst wieder im Studio. 

Ihre Ausstellung im Museum in Linz ist fantastisch gelaufen.
Wir haben nicht damit gerechnet, aber wir haben die ganze Ausstellung ausverkauft. Das war unfassbar, was da plötzlich passiert ist. Es haben sich Sammler aus ganz Europa gemeldet, die nach Linz gekommen sind und auf einmal war die ­ganze Ausstellung verkauft. Wir haben die ersten Angebote von Galerien bekommen, aber ich möchte das sehr langsam angehen und die richtigen Entscheidungen treffen.

Was kostet ein Parov Stelar?
Die großformatigen Ölbilder zwischen 30.000 und 40.000 Euro. Ich kann nicht auf Bestellung malen, das geht nicht. Manche machen das absichtlich, diese Marktverknappung, das brauch ich nicht. 

Wie ist der Rest des Jahres geplant?
Ich hab schon wieder einige Entwürfe für die Malerei, ich arbeite an einer EP (Anm.: MiniAlbum), ich will Zeit mit meinem Sohn verbringen und ich habe auch überlegt, ob ich das Privatleben mal probiere, ob das funktionieren könnte. Es wird mir nicht langweilig. 

Sie schienen immer ein Getriebener zu sein.
Das bin ich immer noch. Kunst kommt nicht von Können, sondern von Müssen.Natürlich ist das irgendwie da, wir Menschen sind alle Sauerstoffjunkies und Getriebene. 

19. November 2021