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Phänomen von Daur

Sie sind schneller, stärker und mächtiger, als es manch einem lieb ist. Die Influencer und Blogger von heute haben zum Teil mehr Follower als renommierte und alteingesessene Medien an Lesern. Caro Daur ist eine von ihnen. Sie hat es mit 22 nicht nur geschafft, mit einer Instagram-Fanbase von über einer Million Menschen eine neue Generation an Mode- und Lifestylefans anzusprechen, sie ist auch zur Meinungsbildnerin geworden. OOOM blickt hinter das Phänomen der Influencer und Blogger.

Gerald Schwarzinger & Jessica Schreckenfuchs4. August 2017 No Comments

Sie haben sich die Macht sozialer Netzwerke zunutze gemacht und die Regeln neu geschrieben: Camila Carril (Instagram: 84.000), Caro Daur, Nina Suess (246.000) und Tamara Kalinic (505.000). (Fotos: Constant Evolution)

Alle Medien, von TV über Print bis zu Webportalen, finanzieren sich größtenteils über Werbung. Es entsteht ein Interessenkonflikt zwischen neu­traler Berichterstattung und positiver Darstellung gegenüber Unternehmen. Durch aktive Kennzeichnung von Werbung können die Leser somit erkennen, ob es sich um eine bezahlte Einschaltung oder um einen journalistischen Text eines Redakteurs handelt, die aber viele Blogger und Influencer nicht sonderlich ernst nehmen. Meistens.

Konzerne setzen auf sie. Aufgrund dieses Einflusses auf das Kaufverhalten der Konsumenten nutzt schon ein Großteil der Unternehmen Influencer, um ihre Markenbotschaften und Produkte zu verbreiten. Die Werbebranche sowieso. Die beantwortet die Frage nach der Lebensfinanzierung für Influencer selbst. Für so manche deutsche Influencerin kommen dabei schnell über 100.000 EUR pro Monat zusammen. Peanuts, im internationalen Vergleich. Denn auch Superstars lassen sich das Bloggen teuer bezahlen. Das britische Unternehmen Hopper HQ hat ein Ranking der bestverdienenden Influencer erstellt. Das verdienen die Stars mit einem einzigen Instagram-Post:

1. Selena Gomez (123 Mio. Follower): USD 550.000/Post

2. Kim Kardashian (121 Mio. Follower): USD 500.000/Post

3. Cristiano Ronaldo (106 Mio. Follower): USD 400.000/Post

4. Kylie Jenner (96 Mio. Follower): USD 400.000/Post

5. Kendall Jenner (82 Mio. Follower): USD 370.000/Post

8. Cara Delevingne (40 Mio. Follower): USD 150.000/Post

10. LeBron James (32 Mio. Follower): USD 120.000/Post

Klassische Blogger bekommen für ein Posting, also Werbung für ein Produkt, schnell mal EUR 25.000 – eine hohe Followerzahl vorausgesetzt. Ist das moralisch verwerflich? Eher nicht. Denn Werbung und Marktkommunikation hat schon immer Publicity gegen Geld versprochen. Obendrein wird es den Fan wenig interessieren, ob das Seidenjackett von Dolce und Gabbana auf Caro Daurs Schultern nun eine Werbekooperation ist oder nicht.

BWL-Studentin. Caro Daur erzählt gern, sie sei „durch Zufall“ in die Blogger-Welt gelangt. Eigentlich studiert sie BWL in Hamburg. Tatsächlich war es harte Arbeit: „Ich bin sehr ehrgeizig“, gibt die Tochter eines Rechtsanwalts und einer Managerin, die in Seevetal bei Hamburg aufgewachsen ist, zu. Für Fashion und Lifestyle hat sie sich immer schon interessiert, Magazine wie die „Vogue“ lagen meist zu Hause herum. Gerne griff sie auch in den Kleiderschrank ihrer Mutter, die ein Faible für Designermode hat, und gab Nachhilfe, um Geld für eigene Klamotten zu verdienen. Als Instagram in Deutschland zum Thema wurde, war sie eine der Ersten, die sich darauf zeigte: mal mit neuem Kleid, mal mit trendiger Brille. Und die Fans wurden immer mehr. So stellte Daur, deren Beziehungsstatus sie mit „Single“ einstuft, zusätzlich einen eigenen Blog ins Netz, den heute 250.000 Fans pro Monat lesen. Firmen von Adidas bis Cartier wollten plötzlich mit ihr kooperieren.

Caro Daur weiß, wie man sich perfekt in Szene setzt. Und das mit nur 22 Jahren und neben einem laufenden BWL-Studium.

Was sie zeigt, muss gut aussehen und die Botschaft der Marke transportieren. Vor allem aber muss das Outfit inspirieren. Im Sinne von „Dieses Jackett in Kombination mit diesen Sandalen? Geile Idee!“. Ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das Posting in einem Kaufrausch der Fans endet? Wohl kaum. Dafür ist Caros Followerschaft zu sehr Student, zu jung.

Meinungsmacher. Für Unternehmer und die Medienindustrie ist das Blogger- und Influencer-Business trotzdem ein lukratives Geschäft. So ist die Reichweite mancher YouTuber enorm hoch, wie Abonnentenzahlen im mehrstelligen Millionenbereich zeigen. Blogger und Influencer haben die Medien- und Werbewelt stark umge­krempelt und maßgebend beeinflusst. Das weiß auch Caro Daur, die sich diese Welt so gemacht hat, wie sie ihr gefällt. Mit Mode, Lifestyle und den besten It-Pieces für die Saison.

Journalistische Qualität. Was dieses Phänomen für klassische Medien bedeutet? Vielleicht müssen sie selbst zu Influencern werden. Vor allem aber dürfen sie nicht ihre Aufgabe aus den Augen verlieren: eigenständigen Content zu produzieren, den man gerne liest. Mit eigener Meinung. Um zu inspirieren, nicht zu beeinflussen.

4. August 2017