Inspiration

Philipp Strommer und sein Gold aus Döbling

Einer, der sich entschieden hat, das Imkern zu erlernen, sich eigene Bienen zuzulegen und Honig zu produzieren, ist Philipp Strommer. In den 1990er-Jahren moderierte er gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Jugendmagazine im ORF, danach machte er eine klassische Businesskarriere als Manager und Lobbyist. Der Jurist war unter anderem in Brüssel tätig, viel Arbeit am Computer und unzählige Excelsheets bestimmten sein Leben. Ein richtiger Stadtmensch, der abends kaum eine Party ausgelassen hat. Jetzt besitzt er ein Haus im Grünen und erfreut sich an der Gartenarbeit, seinen Bienen und ein paar Hühnern. Wir sprachen mit ihn über seine Passion.

Magdalena Renth8. Mai 2019 No Comments
philipp strommer ooom interview

Seit wann haben Sie Ihre eigenen Bienen im Garten?

Mittlerweile seit knapp drei Jahren. Ich habe davor einen fremden Stock bei mir stehen gehabt, der von einem Imker betreut wurde. Das zähle ich aber nicht wirklich dazu, weil der Unterschied so ist wie zwischen Dias anzuschauen und wirklich zu reisen.

Warum haben Sie sich Bienen zugelegt?

Grundsätzlich ging es mir um die Meditation. Es war gar nicht so der Wunsch, etwas für die Natur zu tun, sondern den Bienen dabei zuzuschauen, wie sie ein- und ausfliegen, dabei abzuschalten und runterzukommen. Ich habe zwei Völker bei mir im Garten im 19. Bezirk Wiens stehen. Anfangs war mir der Honig auch egal, bis zu dem Moment, an dem ich das erste Mal geerntet habe. Man geht zum Bienenstock, nimmt die Waben raus, kehrt sie ab, gibt sie in eine Kiste, trägt sie nach Hause, entdeckelt sie, dann kommen sie in die Schleuder. Anschließend wird der Hahn geöffnet und danach rinnt dieses flüssige Gold heraus. Wenn es so weit ist, geht der Vorhang deines Herzens auf und ein heller Sonnenstrahl kommt herein. Ab dem Moment habe ich den Honig sehr gemocht. Ein befreundeter Imker sagte mir einmal: „Honig ist flüssiger Sonnenschein.“

Wie haben Sie sich vorbereitet?

Ich war mir nicht im Klaren, was da auf mich zukommt und wie sehr man sich dafür engagieren muss. Ich bin aber sehr froh, dass es mir nicht bewusst war, denn ansonsten hätte ich es nicht gemacht. Es kostet mich nach wie vor viel Zeit, wobei man sagen muss, dass arrivierte Imker schneller arbeiten, weil sie genau wissen, was sie tun. Als Anfänger musst du dir erst einmal alle Informationen zusammensuchen, von „Wo bekomme ich meine Gläser her?“ bis hin zu den gesetzlichen Bestimmungen für die Etikettengestaltung. Wie wird die Varroamilbe behandelt? Wie viel Honig muss man den Bienen über den Winter lassen? Alles Fragen, auf die man sich die Antworten suchen muss. Es ist ein großes zeitliches Commitment, vor allem für Anfänger wie mich, aber auch unglaublich schön. Man lebt viel bewusster und befindet sich im Rhythmus mit der Natur.

Haben Sie eine Ausbildung gemacht?

Ja. In Österreich gibt es ein breites Angebot an standardisierten Grundkursen und diversen Lehrgängen, die auch viele besuchen. Selbst für jemanden, der die Imkerei nur im kleinen Stil betreibt, braucht es einfach eine Schulung. Ich habe auch Hühner. Bei denen reicht es, sie zu füttern, und dann sammelst du das Ei, das rauskommt, ein. Bei den Bienen ist das anders, da muss man einiges an Verantwortung übernehmen.

Die Imkerei ist eine Saison­arbeit. Wirkt sich das auch auf Urlaubspläne aus?

Ich habe gelernt: Zwischen April und Juli hast du dazusein.

Produzieren Sie Honig nur für den Eigenbedarf oder kann man ihn auch käuflich erwerben?

Im ersten Jahr habe ich ihn nur an Freunde und Verwandte verschenkt. Ein bisschen habe ich zwar verkauft, das ist aber nicht kostendeckend, da müsste ich sonst fast 30 Euro pro Glas verlangen. Vergangene Saison habe ich eigentlich alles verkauft. Meine Eltern haben nur wenig bekommen.

Wie viel Honig haben Sie aus den zwei Völkern herausbekommen?

Letzte Saison waren es 65 Kilogramm. Das ist aber sehr stark von diversen Faktoren abhängig und schwankt deswegen von Jahr zu Jahr. Im ersten Jahr waren es bei mir zum Beispiel nur 35 Kilogramm.

Wie oft wurden Sie gestochen?

Erstaunlich wenig. Letzte Saison bin ich ungefähr zweimal gestochen worden und in keinem Fall während der Arbeit. Einmal war ich bei einer Schulung und machte den dummen Anfängerfehler, mir Haarwachs in die Haare zu schmieren. Das riecht gut, macht aber die Haare sehr steif, und die Bienen verfangen sich darin, bekommen Panik und stechen. Man muss dazu sagen, dass ich meine Völker kenne. Im letzten Jahr hatte ich ein Volk, das war oft grantig, vielleicht wegen des Gesundheitszustandes der Königin, ich weiß es nicht genau. Bei denen habe ich immer die volle Montur angezogen, beim anderen Volk habe ich ohne Imkerhut und Anzug gearbeitet.

Haben Sie Ihren Garten speziell für Ihre Bienen gestaltet?

Ja, aber eigentlich wäre es gar nicht so wichtig gewesen. Die Bienen haben einen großen Aktionsradius und finden im Umkreis sehr viel Futter. Ich habe sowieso einen sehr naturnahen Garten mit Biotop, einem Teich, viel Lavendel für den guten Geschmack im Honig, und ich achte darauf, dass auch außerhalb der Saison genug blüht. Natürlich kommen dadurch auch andere Insekten. Ich lege mich gerne auf die Liege und beobachte, was sich so alles im Garten tummelt. Das ist dann mein persönliches Blumenkino.

Was hat Ihre Familie gesagt, als Sie mit dem Imkern begonnen haben?

Anfangen wollte ich ja eigentlich, als wir noch in einer Wohnung mit Balkon gewohnt haben. Gefragt habe ich da nicht, weil ich dachte, davon wird es auch nicht besser. Ich habe meine Familie einfach, ohne zu sagen, wohin es geht, zur Übergabe des Bienenstocks mitgenommen, und da gab es dann doch ein ganz klares „Nein“. Das habe ich zur Kenntnis genommen und gleichzeitig auch das Okay für Bienen bekommen, wenn wir in ein Haus mit Garten übersiedeln. Meine Tochter Chloé war von Anfang an dabei und hat auch, als sie sieben Jahre alt war, einen Kurs mit mir belegt. Mittlerweile ist sie 11 und die Interessen haben sich etwas verlagert, aber manches Mal brauche ich sie einfach als Unterstützung. Da macht sie gerne mit.

Gibt es Probleme mit Nachbarn wegen der Bienen?

Nein, eigentlich gar nicht. Und es ist auch erstaunlich, wie wenig man sie merkt. Wenn ich am Wochenende draußen esse, bemerke ich die Wespen sehr stark, die Bienen aber gar nicht. Meine Nachbarn bekommen auch immer wieder Eier von meinen Hühnern und freuen sich sehr darüber.

Machen Sie sich Sorgen, wenn Sie über die Entwicklung unserer Umwelt nachdenken?

Ich mache mir Sorgen, obwohl ich nicht denke, dass die Menschheit aussterben wird. Ich glaube aber, wir werden noch Dinge erleben, die wir aus heutiger Sicht nicht für möglich gehalten hätten. So wie wir es früher für undenkbar hielten, dass die Sonne uns mal schaden könnte oder wir uns vor ihr schützen müssen. Das war für uns als Kinder unnötige Schwarzmalerei, und heute ist es ganz selbstverständlich, dass man sich eincremt, wenn man länger in der Sonne ist. Man braucht sich ja nur absurde Dinge wie die menschlichen Bestäuber in China anschauen. Da laufen wirklich Menschen mit einem Pinsel herum, um die Kirschblüten zu bestäuben, weil es eben keine Bienen mehr gibt. Das ist unfassbar! Wir sehen die Welt als eine Produktionsressource und nicht als einen Teil von uns – oder uns als einen Teil von ihr.

Haben Sie noch einen Tipp für Anfänger?

Auf jeden Fall eine Ausbildung machen. Die Imkerei kann man nicht durch YouTube-Videos erlernen. Das ist so, als ob man sich Ally McBeal anschaut und meint, danach Anwalt zu sein, oder Emergency Room, und danach ist man Arzt. Das Imkern ist auch eine sehr soziale Sache, weil man sich viel untereinander vernetzt und austauscht. Manches Mal beflegelt man sich auch, aber im Prinzip ist es ein schönes Miteinander.

Wenn Sie auf Reisen sind, sehen Sie sich dann den Honig der jeweiligen Regionen an bzw. die Methoden zur Honiggewinnung?

Ja, das ist auch unheimlich nett, weil du gleich eine Brücke zu den Leuten hast. Letztes Jahr war ich im Oman, und da bin ich mit einem Imker ins Gespräch gekommen, der Dattelhonig macht. Er konnte fast kein Englisch, ich kein Arabisch, aber irgendwie freundet man sich an und tauscht sich über Pflanzen, Methoden und Tricks aus.

www.deutscherimkerbund.de
www.imkerbund.at

8. Mai 2019