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Shirley Tilghman: Die First Lady der Eliteuni Princeton

Shirley M. Tilghman wurde die erste weibliche Präsidentin der Princeton University, seit 13 Jahren sitzt sie im Board of Directors bei Google. Die 1746 gegründete Elite-Uni, an der Albert Einstein lehrte, brachte 42 Nobelpreisträger hervor, darunter 18 alleine im Bereich Physik. Nur 8.000 Studenten haben das Privileg, in dem malerischen Städtchen, 75 Kilometer südwestlich von New York, studieren zu dürfen. In OOOM erzählt Präsidentin Tilghman, welche Hürden Frauen in der Wissenschaft haben, warum Begabung am wichtigsten ist, wie schnell Google Milliardenentscheidungen trifft – und warum wir nicht unsterblich werden können.

Georg Kindel12. Juni 2018 No Comments

OOOM – Princeton University Project

Hat ein exzellenter Student heute überhaupt die Möglichkeiten, in Princeton zu studieren, wenn seine Eltern die Studiengebühr nicht aufbringen können?

Wir haben uns verpflichtet, dass kein Student, den wir akzeptieren, aus finanziellen Gründen nicht das Studium machen kann. Und wir nötigen auch keine Studenten Kredite aufzunehmen. Das gilt für internationale Studenten ebenso wie für Amerikaner. Ein großer Anteil unserer internationalen Studenten bekommt beträchtliche finanzielle Unterstützung.

Wir leben in einem digitalen Zeitalter. Werden wir in Zukunft nur mehr online studieren?

Nein. Was uns ausmacht, ist die enge Zusammenarbeit zwischen den Fakultäten und den Studenten. Daran wird sich auch durch die Digitalisierung nichts ändern. Was Princeton ermöglicht, ist, dass Studenten und Lehrer in relativ kleinen Räumen im Gespräch miteinander sind. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies in zehn oder zwanzig Jahren anders sein wird.

Sie sitzen seit 2005 im Board of Directors von Google, jetzt Alphabet. Welche Vorteile hat die Zusammenarbeit zwischen Princeton und Google?

Ich habe unendlich viel gelernt durch meinen Sitz bei Google oder Alphabet. Ich habe gelernt, wie in manchen Bereichen die Organisation sehr ähnlich ist. Es geht immer nur um Begabung. An der Princeton Universität ist unsere wichtigste Aufgabe, die besten Lehrer und die besten Studenten anzuziehen. So entsteht Magie. Dasselbe gilt für Google, die die besten Ingenieure und Software-Entwickler zu sich holen wollen, um ihnen dann einen entsprechenden Spielraum zu geben, wo sie Neues entwickeln können. Aber sonst sind da große Unterschiede. Universitäten sind große Kreuzfahrtschiffe, sie drehen sich sehr langsam, sie wägen sehr gewissenhaft ab. Bei Google treffen wir Milliardenentscheidungen innerhalb weniger Tage. Was ich lernte, ist also, sich zu bewegen und Entscheidungen etwas schneller zu treffen, was ich ohne diese Erfahrung wohl nicht machen würde.

Verstehen Sie die Angst, die viele Menschen vor Internet-Giganten wie Google oder Amazon haben, die unsere Daten analysieren und mehr über unser Leben wissen, als uns lieb ist?

Ich verstehe sie. Und ich kann ihnen versichern, dass dies eine Angelegenheit ist, die das Board bei vielen Gelegenheiten diskutiert, derzeit häufiger als in der Vergangenheit. Ich verstehe total, dass es ein Unbehagen über die Vielfalt an Informationen gibt, die diese Unternehmen über den Einzelnen haben.

Laut einer Oxford-Studie werden 47 Prozent aller Berufe, wie wir sie heute kennen, durch die Digitalisierung in den nächsten ein bis zwei Jahrzehnten verschwunden sein. Was raten  Sie Ihren Studenten?

Sorgfältig zu überlegen, welche Karriere sie machen wollen. Was immer sie tun, sie müssen es lieben. Denn die einzige Möglichkeit, wie sie in dieser Zeit erfolgreich sein können, ist, wenn sie für etwas brennen, wenn sie es unbedingt machen wollen. Es muss das Erste sein, an das du am Morgen denkst und abends das Letzte, bevor du ins Bett gehst. Wer nicht brennt, sondern lauwarm an die Sache herangeht, der hat keine Chance.

Princeton hat den Ruf, der richtige Ort zu sein, um zum Teil jahrelang die Lösung eines einzigen Problems zu suchen.

Eine meiner Lieblingsgeschichten ist die Story von Andrew Wiles (ein britischer Mathematiker, der in Princeton forschte, Anm.), der den Großen Fermatschen Satz bewies. Er verbrachte sieben Jahre damit, ein einziges Problem zu beweisen und zu lösen, das 300 Jahre alt war, und von dem jeder glaubte, dass es unlösbar sei. Am Ende dieser sieben Jahre hatte er den Beweis erbracht. Es gibt immer weniger Orte in der Welt, wo Wissenschaftler fundamentale Forschung um der Sache willen betreiben können. Das ist wichtig. Nicht jede Institution kann das, aber ohne solche Institutionen wäre unsere Welt lange nicht so interessant.

Princeton ist eine weltbekannte Marke. Müssen Universitäten heute zur Brand werden, um die besten Studenten, die spendabelsten Förderer anzuziehen?

Absolut. Das ist einer der wichtigsten Jobs, wenn man eine Universität wie Princeton leitet. Das fällt in zwei besonders wesentliche Kategorien: Ich habe mich selbst immer als Princetons größte Cheerleaderin bezeichnet, aber auch als ihre größte Kritikerin. Denn einerseits musst du die Story verkaufen, anderseits kannst du nicht zum Opfer deiner Story werden. Anders ausgedrückt: Du kannst die Universität nicht durch die rosarote Brille sehen. Du musst dorthin sehen, wo Princeton noch weit von dem entfernt ist, wo es sein sollte, und das musst du verbessern.

Hat sich die Situation verschärft, seit Donald Trump Präsident ist?

Ich bin nicht sicher, ob ein Tag ausreicht um diese Frage zu beantworten. Die Antwort ist ja. Erstens, ich denke es gibt ein tiefes Misstrauen, das von der Trump-Administration noch geschürt wird über die Rolle, die die Wissenschaft spielt. Wie lang ist Trump bereits Präsident? Es gibt noch immer keinen Wissenschaftsberater des Präsidenten. Wir werden wohl auch nie einen haben. In der Trump-Administration hat die Wissenschaft keine Stimme. Das ist extrem problematisch. Zweitens beunruhigt mich sehr die Haltung, die sich in den neuen Steuergesetzen widerspiegelt. Es wurde die Entscheidung getroffen Stiftungsgewinne zu besteuern für die Handvoll Universitäten, die das betrifft. Die Begründung des Republikanischen Kongresses war Universitäten zu ermutigen, das Studium erschwinglicher zu machen. Aber ihre Entscheidung war, uns Geld wegzunehmen, das Geld, das wir verwenden wollten, um eben unsere Institution leistbarer zu machen. Ich denke, wir haben eine große Zielscheibe auf unserem Rücken, was die Trump-Administration und den Republikanischen Kongress betrifft. Ich bin deshalb extrem besorgt.

Was können Wissenschaftler tun, um da gegenzusteuern?

Es ist unsere dunkelste Stunde. Die Frage ist nur: Wie lange wird diese Stunde andauern? Die Wissenschaftler haben begonnen zu mobilisieren, es gab im letzten Jahr Protestmärsche. Wir tun also das, was auch viele andere Gruppen machen, die sich von Präsident Trump geschmäht fühlen. Das Wichtigste, was wir tun müssen, ist aber rauszugehen und über Wissenschaft zu reden: Warum sie wichtig ist, warum sie sich vom reinen Glauben unterscheidet. Ich denke, es gibt genug, was wir als Zeichen des Widerstandes gegen das tun können, was gerade geschieht.

Sie sind eine renommierte Molekularbiologin. Wie werden revolutionäre Entwicklungen wie die Genschere CRISPR-Cas9, mit der man Stellen im Erbgut ausschneiden, reparieren, an- oder abschalten kann, die Weise verändern, wie wir Krankheiten im 21. Jahrhundert behandeln?

Ich habe zwei wissenschaftliche Revolutionen in meinem Feld erlebt: die Sequenzierung des menschlichen Genoms und CRISPR-Cas9. Es öffnet uns Türen, sowohl was das fundamentale Verstehen der Biologie betrifft, als auch in der Medizin. Die Genschere ermöglicht uns völlig neue Wege der Behandlung von Krankheiten zu entwickeln.

Werden wir damit Krebsformen, die heute noch unheilbar sind, heilen können?

Ich glaube nicht, dass wir eines Tages alle Krankheiten heilen können. Wir sind eine sterbliche Art. Heute wissen wir aber viel mehr über Krebs als früher. Das eröffnet uns völlig neue Wege der Behandlung. Und auch bei neurodegenerativen Erkrankungen wie ALS, Huntington, Alzheimer oder Parkinson werden wir Fortschritte sehen, die vor zehn Jahren noch als unlösbar galten.

Nir Barzilai vom Albert Einstein College of Medicine forscht an der Pille gegen das Altern, Aubrey de Grey will den Tod verhindern. Wird der Mensch eines Tages unsterblich?

Nein. Ich habe schlechte Nachrichten: Wir werden auch in Zukunft sterben. Auch Calico, die Firma, die Google gegründet hat und die von Art Levinson geleitet wird, versucht nicht, Individuen unsterblich zu machen, sondern erforscht die Krankheiten des Alterns, um zu verstehen, wie man so lange so gesund wie möglich leben kann.

12. Juni 2018