Inspiration

Rima Rani Rabbath: Kosmische Erfahrung

Sie flüchtete aus dem kriegszerstörten Libanon, wo ihr Alltag von Angst geprägt war. Im Moment zu leben war das Einzige, was Rima Rani Rabbath blieb. Heute ist sie eine der gefragtesten Yoga-Lehrerinnen New Yorks. Die Achtsamkeit begleitet sie seit Kindertagen und ebnete ihren Weg zu Yoga. Für OOOM blickt sie auf ihre eigene Geschichte zurück, spricht über die tiefgründige Yoga-Philosophie und warum es auch für Businessmenschen wichtig ist, regelmäßig zu meditieren.

Esther Sophia Artner8. Mai 2019 No Comments
ooom yoga interview

Rima ist so etwas wie deine große Schwester, sie ist Therapeutin und beste Freundin zugleich. Ihre Herzlichkeit ist ansteckend. Du kannst authentisch, wild und frei sein – und das alles in ihren einzigartigen Yoga-Klassen. Sie begegnet dir kraftvoll und energisch, hat aber gleichzeitig das Feingefühl und die Empathie, dich dort abzuholen, wo du gerade stehst. Sie führt dich mit Humor, besonders ausgewählter Musik und leitet dich auch sehr präzise an. Sie assistiert dir bei fordernden Asanas, jenen Körperstellungen, wo das bewusste Hineingehen, der Atem, das Halten und das Auflösen besonders wichtig sind. Sie führt dich in ihrem ganz eigenen Stil durch eine 95-minütige Jivamukti-Yoga-Klasse.

Rimas Ritual. Ich lernte Rima vor acht Jahren in New York kennen und war überrascht, denn die Art, wie sie Yoga vermittelte, war ganz besonders. Normalerweise sind 70 Schüler in ihrer Klasse. Rima kommt meist mit ihrer wilden Mähne, prüft, ob die Matten gut gereiht sind, grüßt jeden Einzelnen, der an ihr vorbeikommt, mit seinem Namen – wie sie sich die vielen Namen merken kann, ist bis heute ihr Geheimnis –, und wenn dann das Harmonium zu hören ist, beginnt ihr eigenes Ritual. Rima fängt an, mit ihrer tief-melodischen, rauchigen Stimme zu chanten. Es scheint, als würde ein Stück ihrer Seele fließen. Du spürst sie in diesem Moment ganz nah, weil sie dich damit mitten ins Herz trifft. Ähnlich ist es auch in ihren Dharma Talks, in denen sie uraltes Wissen über Buddhismus mit Yoga und dem täglichen Leben verbindet. Rima vermittelt mehr als Yoga – sie führt Menschen auf den Weg zu sich selbst.

Flucht aus Beirut. Geboren in Beirut, der Hauptstadt des Libanon, in dem damals ein brutaler Bürgerkrieg herrschte und Feuergefechte auf den Straßen zum Alltag gehörten, gewöhnte sich Rima schon früh daran, präsent zu sein – eine andere Chance blieb ihr auch gar nicht. Als sie 16 Jahre alt war, floh sie mit einem Boot nach Paris. Ein traumatisches Erlebnis, das sie noch heute berührt. Zwei Wochen wollte sie bleiben, schließlich wurden es drei Jahre. Danach kehrte sie kurz nach Beirut zurück, wurde dann jedoch an der New York University Stern School of Business angenommen und studierte Marketing als Jüngste ihrer Klasse. Schließlich fing sie bei Colgate-Palmolive an zu arbeiten.

Rima fängt an mit ihrer tief-melodische, rauchigen Stimme zu chanten. Es scheint, als würde ein Stück ihrer Seele fließen.

Eines Tages erzählte ihr jemand von Jivamukti Yoga an der Lafayette Street in New York. Anfangs war sie noch sehr skeptisch. Doch der Gedanke und diese Grundidee, dass wir alle Potenzial haben und unser Leben bedeutungsvoll gestalten können, machte sie immer neugieriger. Sie begann eine Yogalehrer-Ausbildung. Anfangs hatte sie noch keine Intention, selbst zu unterrichten. Aber auch das ist ein wichtiger Punkt, den sie in ihrem Leben gelernt hat: Intention kann flexibel sein, ebenso wie das eigene Ich, das wächst und reicher an Erfahrung wird. Sie entschied sich, selbst zu lehren, was nicht nur zum Beruf, sondern auch zur Berufung wurde. Rima lernte schon früh Disziplin: „Meine Mutter hat mich auf den Tennisplatz gebracht, als ich sieben Jahre alt war. Ich habe Turniere gespielt und es wurde mein Lebensmittelpunkt. Um den Ball zu treffen, musst du fokussiert sein. Wenn dein Kopf nicht da ist, bist du nicht präsent. Du kannst deine Aufmerksamkeit nicht von dem Moment nehmen. Dieser Punkt, Kshana in Sanskrit, das ist für mich Yoga.“

Auch der Disziplin wohnt Freiheit inne, weiß Rima: „Es geht darum, stets zu deiner Praxis zurückzukommen, egal wie du dich gerade fühlst. Im Laufe deines Lebens ändert sich deine Sicht der Dinge, deine Persönlichkeit wächst und entwickelt sich. Doch deine Praxis ist da für dich, egal ob es dir gut oder schlecht geht. Es ist der Boden, der dir Halt gibt.“

Hafen für viele. Halt ist Rima auch für so viele in New York mittlerweile geworden: der Boden oder (wie sie sagt) der Hafen. Stärke aufbauen, Flexibilität steigern, das Herz und sich selbst mehr öffnen – das sind ihre Botschaften. Chanten gehört zentral dazu. Anfangs mag es sich vielleicht etwas ungewohnt anfühlen, aber je öfter man sich auf seinen Körper und seine Stimme einstimmt, desto befreiender ist das Ritual: „Die Kraft der Worte und der Sprache ist etwas ganz Besonderes. Jeder weiß, wie sehr Worte verletzen können, aber sie können auch etwas sehr Positives bewirken.“

Rima merkt sich die Namen aller ihrer Schüler – bisher tausende.

Freiheit zu wachsen. Rima singt eine Zeile vor. Und dann ist da dieser Raum voller Leute aus allen Ländern der Welt, aller Hautfarben, Rassen und Religionen, aus allen Bereichen des Lebens – und sie alle chanten zurück. „Oftmals im Leben“, weiß Rima, „erhalten wir keine Antwort, aber hier erhalten wir immer eine. In New York chanten alle, sie chanten ihr Herz aus!“ Und so schafft es diese starke New Yorkerin mit libanesischen Wurzeln, dass jeder beim Betreten ihrer Stunde sein physisches und psychisches Gepäck vor der Tür zurücklässt. Hier findet man die Freiheit und Möglichkeit, zu wachsen. Und zu staunen. Nicht nur darüber, dass sich Rima alle Namen ihrer Schüler merkt, die jemals eine ihrer Klassen besuchten. Für Rima spiegelt sich das Leben auf der Matte wider. Wie ein kleiner Mikrokosmos. Sie sagt: „Wenn du zum Beispiel im Handstand umfällst, dann übst du dich in Demut und hast ein bisschen mehr Ahnung über die Zerbrechlichkeit des Lebens. Aber auch den Mut und die Stärke, wieder aufzustehen.“

Im Moment leben. Rimas Lieblingssutra ist „Heyam dukham anagatam“ (Kapitel 2, Vers 16). Leid, das sich noch nicht manifestiert hat, ist zu vermeiden. Heißt: Eigenverantwortung übernehmen und außerdem im Moment leben, weil der ja auch Auswirkungen auf deine Zukunft hat. Und die Frage: Was lässt mich leiden? Es geht darum, zu verstehen, was einen leiden lässt, bevor man sich Kummer auflädt. Oft passiert es im Alltag, dass man impulsiv handelt. Doch je öfter das passiert, desto mehr ist man in seinen Reaktionen gefangen und dadurch auch die Wahrscheinlichkeit höher, jedes Mal dem spontanen Affekt nachzugeben, sich zu ärgern, seine Wut auszulassen, dem negativen Impuls zu folgen. „Das Schöne an dem Mantra ist, dass man etwas beobachtet, z. B. identifiziert, was einen schlecht fühlen lässt. Mit diesem Wissen hat man eine Wahl, etwas zu ändern. Jetzt.“

Rima selbst sagt über ihr Gefühl von Glück: „Es ist das Tagtägliche, nicht Langweilige, aber Alltägliche, hier zu unterrichten. Natürlich liebe ich auch den Strand und Reisen, aber ich fühle eine Weite in mir und Verbundenheit dabei, mein Leben hier in New York zu leben.“ Sie ist davon überzeugt, dass sich, wenn du etwas täglich machst, das dir guttut, dein Gemütszustand und deine Emotionen positiv verändern: „Es erlaubt dir, deine Nervenzellen neu zu strukturieren und dich zu de- und re- programmieren. Deine Verbindung zur Erde sollte beständig und freudvoll sein. Weil diese Verbindung die Beziehung mit der Erde einschließt und das wiederum alle Lebewesen – ob beim Yoga auf der Matte, daheim in deinem Apartment, bei Menschen, denen du begegnest, oder der Art, wie du deinen Körper behandelst. Bei Yoga geht es auch darum, langfristig zu denken. Es geht nicht um schnelle Befriedigung, sondern so mit deinem Körper umzugehen, dass es dir gut geht. Sich Zeit zu nehmen ist Teil der Praxis.

Was auch immer du liebst – tue es, rede darüber, teile es, lebe es! Weil du es liebst, wie du darüber sprechen wirst, es mit anderen teilen wirst, wird ein bisschen von dir darin sein. Nimm das Leben, um mehr lebendig zu sein!“

Man kann viel von Rima lernen: indische Philosophie, Lebensweisheiten, einen Handstand, viel Herzlichkeit und Humor, die Liebe zu Electro Beats – und Yoga.

ooom yoga magazine

8. Mai 2019