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Robert Palfrader: Mein Schulfreund

Man könnte meinen, es wäre schon herausragend, mit zwanzig Chef de Rang im Wiener Nobelhotel Marriott zu sein. Doch für Robert Palfrader war das nicht mehr als eine Aufwärmphase für alles, was da noch kommen sollte: Kultlokalbesitzer, Werbeagent, Ausnahmekabarettist, Filmschauspieler, Kaiser von Österreich. OOOM-Autorin Heidi List und Robert Palfrader waren Schulkameraden. Wobei: So oft waren sie gar nicht dort. Dafür sind sie viel daheim bei den Palfraders herumgehangen. Ihre beiden Leben haben sich oft gekreuzt, sie haben jeweils ihre besten Freunde oder Freundinnen gedatet, je nach Karrierestatus versucht, dem anderen Jobaufträge abzuringen und sich im Laufe der Jahre immer wieder in anderen Freundeskreisen wiedergefunden. Für OOOM erinnern sich Heidi List und Robert Palfrader gemeinsam an die legendären Zeiten.

Heidi List20. Dezember 2021 No Comments

Biedermannsdorf, Bundeslehranstalt für Wirtschaftliche Berufe, Mitte der 1980er- Jahre. Das Gebäude war ehrfurchtgebietend, ein ehemaliges Kloster, mit verwinkelten Gängen, Hauskapelle und großer Bibliothek. Der Hotspot aber war im Keller, ein mieser Abstellraum, Grau in Grau: das Raucherkämmerchen. So etwas gab es damals noch an einer Schule. Ob Robert dort war, konnte man bequem durch alle Gänge hören. Er hatte immer schon ein lautes Or­gan. Und er zog dort gerne seine Show ab. Als einer von etwa 10 Buben unter 200 Mädchen hatte er auch viel Publikum mit den verschiedensten Interessenlagen an seiner Person. Und er schaffte es, auch aus diesem grauen Raum eine strahlende Bühne zu machen.

Pfrnak. Er machte gerne Witze über seine Nase, aber damals fiel er vor allem mit seinen großen, fast femininen blauen Augen auf und einem ziemlich trainierten Body, wie der gelernte Teenager so sagt. Er hatte auch etwas Mystisches an sich, perfekte Manieren neben derbem Witz. Er komme aus der Nobelschule Kollegium Kalksburg, hörte man. Was macht denn so einer bei uns? Zugleich war er ein empathisches Schnüffeltierchen bei Leuten, die er gern hatte. Mit einem untrüglichen Gefühl dafür, wenn etwas im Busch war. Dann kam er auf einen zu und fragte, was los sei, man schaue wie ein „Aff’ durchs Gatter“. Und wenn man dann ein altersentsprechendes Gemetzel mit den Eltern vorgetragen hat, dann wurde man mitgenommen zu den Palfraders.

Daheim. Südstadt, bei Mödling. Die Wohnung der Palfraders war unauffällig in einem großen Bau, inmitten von vielen anderen großen Bauten. Zum Auslüften konnte man in einen kleinen Park gehen oder zum Ärger der dort ansässigen Pensionisten auf den Zugangswegen herumstehen. Und dort war gleichzeitig der gemütlichste Platz der Welt, ein Hideaway für viele Freunde der zwei Palfraderbuben Robert und Peter und ihrer Schwester Tina. Manchmal saßen wir zu zwanzigst im Bubenzimmer, redeten fast ausschließlich Blödsinn. Wir studierten viel Musikgeschichte, spielten uns viele Schallplatten vor, in die Richtung The Who und Co. Weil man war Mod. Also die anderen, ich hatte kein Geld für Doc Martens. Im Wohnzimmer der Palfraders bekam ich auch den ersten Porno zu sehen. Ich traue mich das deswegen so unverblümt zu erzählen, weil keiner aus der Palfraderfamilie dabei war. Irgendjemand hatte eine VHS-Kassette mit. Ich hätte mich auch nicht so davor fürchten müssen, denn das Teil hieß „Schneeflittchen“ und war ein Zeichentrickfilm. Hat mich nicht nachhaltig beeindruckt. Wir sahen uns auch gute Filme an, wie „Quadrophenia“ oder „Stop making Sense“, den Konzertfilm der Talking Heads. Insbesondere David Byrne wurde von Robert verehrt. Er sollte ihn eines Tages tatsächlich kennenlernen. Ansonsten wurde über Bücher gesprochen, die waren wichtig. So wurden über das Geburtsdatum von Robert am 11. November weniger Witze über den Faschingsbeginn gemacht als neidvoll anerkannt, dass er sich den Geburtstag mit Dostojewski teilt. Wahrscheinlich hat er mehrere Laufmeter Literatur von ihm daheim, weil es für viele ein witziges Geburtstagsgeschenk war.

Wir rauchten dem armen Papa Palfrader seine Memphis- Zigaretten weg und fraßen den Kühlschrank leer.

Anker. Die Eltern nahmen es zur Kenntnis, wenn welche von uns bei ihnen daheim waren, obwohl kein einziges Palfraderkind dabei war. Wir fühlten uns willkommen und für mich persönlich kann ich sagen: Es war ein wichtiger Anker in diesen Tagen. Mama Palfrader hat einen Imbissstand geführt und war selten da. Die vielen Gespräche, die sie dort mit den unterschiedlichsten Leuten geführt hat, machte sie –obwohl sie eine recht junge Mama war – sehr lebensweise. Wenn sie gesehen hat, dass man ein langes Gesicht macht, wurde man mit einem Schnitzel und einem Rat bedacht. Sie sagte dann Sachen wie: „Najo. Ob das morgen noch wichtig ist?“ Papa Palfrader, der Südtiroler Fleischhauer, der irgendwie mit der Großfleischerei Radatz verbandelt war, war ein Vielarbeiter, aber wenn er da war, war er präsent und hat dafür nicht viele Worte gebraucht. Die Palfradereltern waren so wichtig, dass wir coolen Jugendlichen ihnen in Scharen zum Heurigen Winkler gefolgt sind. Viele von uns haben zum ersten Mal ein Großfamilienfeeling bekommen – mit allen Vor- und Nachteilen natürlich. Die Sippe war nicht immer unanstrengend. Und dazwischen Robert, der für sich schon die Energie einer Großfamilie hatte.

Aus den Augen. Irgendwann war auf einmal die Zeit, in der die Clique ein wenig bröckelte. Schulwechsel haben stattgefunden, manche zogen nach Wien und fanden dort neue Freunde. Robert und ich blieben zumindest lose in Reichweite, weil entweder ich mit seinem besten Freund zusammen war oder er mit einer meiner Freundinnen. Ich zog dann auch nach Wien, mehr oder weniger studieren oder wie das damals geheißen hat. Robert und ich haben uns aus den Augen verloren.

20. Dezember 2021