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Andy Holzer: Rodeo im ewigen Eis

Der blinde Bergsteiger macht sich auf die Reise zum letzten menschenfreien Kontinent, der Antarktis. Es wird zu einem Kampf auf Leben und Tod.

Thomas Andreas Beck14. Februar 2017 No Comments

Ich bin ein Stadt- und Waldmensch. Coach, Musiker, Texter, Berater. Reisender im Innen und Außen. Ich versuche ein wenig Gandhi zu sein. Führung ist meine Leidenschaft. Ich höre zu. Ich frage nach. Manchmal gebe ich mich hin. Oft fordere ich heraus. Ich provoziere, bin Spiegel und sanfter Despot. „Alles in die größte Kraft!“, ist einer meiner Sätze an die Menschheit. Die Natur ist ein guter Lehrer. Dort fühle ich mich oft zu Hause, bekomme jene Energie, die ich benötige, um das Leben in Worte zu fassen. Mit der Stille gehe ich in mein Inneres, schaffe die Reise in meine Mitte, um dann im Außen zu bestehen.

Rodeo im ewigen Eis. Ich bin also vorbereitet auf die Reise ins ewige Eis. Auf den letzten Kontinent, der frei ist von menschlicher Zivilisation: die Antarktis. Obwohl ich innerlich weiß, dass diese Reise einen ungeplanten Weg einschlagen wird, werde ich sie antreten, weil Andy es mir zutraut. Andy Holzer, 49, der Bergsteiger, dessen Sehsinn sich in anderen Körperteilen manifestiert als in den ­Augen, ist mein Lehrer, Freund und Vertrauter. Andy ist blind und hat trotzdem sechs der Seven Summits, der höchsten Berge eines jeden Kontinents, bestiegen. Er ist begehrter Motivationstrainer. Den Sehenden will er die Augen öffnen. Nicht ich bin sein Beschützer, wir führen uns gegenseitig. Warnen vor dem, was der andere nicht wahrnehmen kann. „Manche Freunde benützen einander. Wir machen das anders. Wir nutzen uns voll aus!“, ist Andys Credo. Diese Reise soll eine Symbiose am Seil werden. So hatten wir uns das vorgenommen. Und mehr als das ist eingetroffen.

ANDY HOLZER IST BLIND. DOCH WILL ER DEN SEHENDEN DIE AUGEN ÖFFNEN.
DIESE REISE SOLL EINE SYMBIOSE AM SEIL WERDEN. WIR WOLLEN
AUF SKIERN DURCH DIE ANTARKTIS – MIT ALL IHREN GEFAHREN.
WIR FAHREN MIT DER ORTELIUS DURCH DIE DRAKE-PASSAGE,
DANN SEHEN WIR DAS EWIGE EIS.


Seilschaften.
Die Reise beginnt in Argentinien. In Buenos Aires wandern wir das erste Mal als Seilschaft mit unsichtbarem Seil durch die Stadt, lernen das Miteinander, das Warten und Vertrauen auf den anderen. Wie viel davon wir Tage später benötigen werden, wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Andy Holzer und der erfahrene Bergsteiger Anda Unterkreuter sind auf den Bergen, in Eis und Schnee, zu Hause. Die Stadt ist eher mein Revier.

Logbuch, Tag 2. „… nur wenn wir voll und ganz die Fähigkeiten des anderen anfordern, können wir als Team erfolgreich sein. Es bringt niemandem Vorteile, sondern allen Nachteile, wenn man aus Angst zu verletzen, zu überstimmen oder zu beleidigen mit dem eigenen Wissen hinter dem Berg hält und auf die Entscheidungen des anderen wartet.“

OOOM in der Antarktis: die beiden beim Hissen der OOOM-Flagge.

Wellenspiel & Wellenlänge. Die Schiffsreise auf der Ortelius – ein mächtiges Stahlschiff, gebaut für Reisen von Mitgliedern der Russischen Akademie der Wissenschaften – geht in die Antarktis. Ausgangspunkt ist Ushuaia, die südlichste Stadt der Welt in Argentinien, dann geht es weiter über
die berüchtigte Drake-Passage gen ewiges Eis. Wellen im Lebensrhythmus kennen wir. Dieses Auf und Ab üben wir täglich und seit Jahrzehnten. Die Bewegungen des Meeres, auf die wir keinen Einfluss haben, denen wir unterworfen sind, machen dem Team im Vorfeld ein wenig Sorge.

Andy und Anda, die beiden vertrauten Bergkumpanen, begegnen dem Unbekannten und ihrem Respekt davor mit Fragen. Technischen Fragen betreffend Ausrüstung, Wettervorhersagen und Zeitplänen. Klarheit nimmt Angst. In den beiden wohnt funktionales Denken. Ein Lösungsansatz, der in Situationen wie diesen nicht der meine ist. Wie immer und überall im Leben stehen Emotionen dahinter. An den Grenzen werden beispielsweise Zäune gebaut und fiktive Zahlen in den Raum gestellt. In einem Schiff werden Seile gespannt und Medikamente gegen Seekrankheit verteilt. Alles in allem nur Versuche, um Symptome zu bekämpfen. Doch die See ist uns gnädig, treibt es am Ende nicht ganz so wild.