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Andy Holzer: Rodeo im ewigen Eis

Der blinde Bergsteiger macht sich auf die Reise zum letzten menschenfreien Kontinent, der Antarktis. Es wird zu einem Kampf auf Leben und Tod.

Thomas Andreas Beck14. Februar 2017 No Comments

Logbuch, Tag 4. „Ich bin ängstlich. Und es scheint hier keine Welt der Gefühle zu sein, sondern eine scheinbar männlich-sachliche. Diese funktionale, technische Sprache ist mir fremd. Meine Wahrnehmung ist anders gelagert. Erst wenn Bild, Wort und Gefühl übereinstimmen, kann ich mich einlassen. Kann Partnerschaft entstehen und in weiterer Folge Führung. Ich lasse mich dann gut führen, wenn ich mich voll und ganz verstanden fühle. Die Intuition ist dabei meine Lehrmeisterin. Meine Vertraute.“

Dass diese Reise mehr als eine Erfahrung im Schnee werden würde, ein Potpourri an Eindrücken, roten Fäden und richtungsweisenden Geschehnissen, ist stets zu spüren. In jeder Sekunde. Seekrankheit würde den Verlust der Orientierung im Wellengang bedeuten, erklärt die Schiffsärztin Tanja. Als wenn man die Kontrolle verliere, seine vermeintlichen Ankerpunkte und Scheinsicherheiten. Seine Wachheit und seine Intuition.

Alle in einem Boot. Was für eine Übereinstimmung mit dem gesellschaftlichen Hickhack der letzten Wochen. Unser Sicherheitsdenken ist aus der Verankerung gerissen, und Europa ist jetzt speiübel. Wir bauen Zäune, an denen wir uns festzuhalten versuchen. Nehmen Drogen, hören auf Verführer, und hoffen, dass die Übelkeit verschwinden möge und die Wellen sich glätten, anstatt mit ihnen zu tanzen. Sich nur auf einen Sinn und nicht auf seine gesamte Wahrnehmung und Intuition zu verlassen bringt ins Wanken.

Logbuch, Tag 5. „Das mit der Unabhängigkeit ist der größte Schwachsinn, sagt Andy. Wir sind alle voneinander abhängig und würden viel zu oft versuchen, unsere Schwächen zu verstecken und zu überspielen. Man müsse die Zeichen rechtzeitig erkennen, die des Körpers und die der Zeit. Sie wahr- und ernst nehmen. Dann würde es vielleicht gelingen, das Problem des schwankenden Untergrunds, ob auf dem Schiff oder im Leben, noch rechtzeitig in den Griff zu bekommen.“

Kommunikation also. Für Andy ist Kommunikation ein besonders wichtiges Tor in die Welt. Selbst wenn er als „Blind Climber“ auf den höchsten Bergen dieser Welt unterwegs ist. Er hört nie auf zu kommunizieren. Weder auf dem Gipfel noch hier, am Ende der Welt. Irgendwie schaffen wir es, die Antennen auszufahren, diesmal auch die echten. Jene, die Teil der Kurzwellen-Funkausrüstung sind. Gleich neben der Hubschrauber-Plattform können wir sie gemeinsam montieren, und Andy kann in die Welt hinausfunken.

Eisiges Regelwerk. Der südlichste Kontinent hat eigene Regeln. Er ist mächtig und beängstigend, wie Herrscher, die man aus der Geschichte kennt. Und jene von heute. Und wahrscheinlich auch von morgen. Doch er ist nie ungerecht. Wenn man ihn richtig behandelt, wenn man achtsam mit ihm umgeht, auf ihn hört und ihn fühlt, dann wird er einen leben lassen.Wir schützen die antarktische Natur vor den kleinsten organischen Spuren unserer Zivilisation, werden vor dem ersten Landgang vom Reiseveranstalter in die strengen Naturschutz-Regeln eingeführt. Ausrüstungsgegenstände und Bekleidung werden abgesaugt. Nur der Mensch nicht. Der bleibt. Kein Pflanzensamen, keine Distel kann so hartnäckig kleben wie die menschliche Rasse. Und dann erscheint er am Horizont, der erste Eisberg.

14. Februar 2017