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Andy Holzer: Rodeo im ewigen Eis

Der blinde Bergsteiger macht sich auf die Reise zum letzten menschenfreien Kontinent, der Antarktis. Es wird zu einem Kampf auf Leben und Tod.

Thomas Andreas Beck14. Februar 2017 No Comments

Logbuch, Tag 6. „Ich als Mensch habe hier nur eine Chance zu überleben: Ich darf mich nicht zu wichtig nehmen. Muss mich anpassen, die Größe und Kraft unserer Erde begreifen.“

Ein Kontinent schlägt zurück. Der Tag der ersten Skitour über antarktische Gletscher. Endlich. Die erste Tour von zehn. Für den Veranstalter ist es eine Pilotreise, für die bergerfahrenen Osttiroler Andy und Anda eine weitere Herausforderung, für mich ein Schritt an meine Grenzen. Es hat – wider Erwarten – Plusgrade. Das Eis schmilzt unter den Füßen weg. Das tut es im Februar und März, denn es ist fast Sommer am Südpol. Rettungsausrüstung sei nicht relevant, maximal ein oder zwei Eispickel zur Sicherheit, denn es sei eine leichte Tour, sagt der Bergführer. Andy und Anda vertrauen ihrer Erfahrung und führen trotzdem das für sie wichtige Equipment mit. Jahrelange Erfahrung kann eben nicht flapsig weggekehrt werden.

Eine Seilschaft aus sechs Männern ist es: der Bergführer, dahinter Andy und ich, zwei weitere Kollegen und als Schlusslicht Anda. Zwischen uns ein Seil von 50 Metern. Mit einem speziellen Knoten sind wir aufgefädelt wie Perlen auf einer Kette. Gestrafft muss es sein, das Seil. Auf Zug. So wie unsere Achtsamkeit. Andy, der vor mir geht, gibt immer wieder Rückmeldung. Ich konzentriere mich auf ihn. Ich blicke auf strahlend blaue Eiswände, die den Bonbons aus meiner Kindheit ähneln. „Gletschereis“ haben sie geheißen. Und jetzt gehe ich durch sie hindurch und einfach darüber hinweg. Adre­nalin tropft aus jeder Pore, ich gebe zu, ich habe Angst. Nur die Furchtlosen stürzen ab, ist Andys Spruch. Dann kann mir ja nichts passieren.

Der Gipfel ist in Sicht. Eigentlich ist es eine hohe Klippe aus Eis, mit Überhang. Mit Blick aufs Meer. Der Bergführer ruft uns zu, dass der Ausblick wundervoll und es neben ihm sicher sei. Mein Bauch, meine Intuition beginnt sich wieder zu melden. Diese Situation ist mir nicht geheuer, irgendetwas daran ist mahnend. Eine Freundin von mir ist vor Jahren bei einer Skitour tödlich verunglückt. Unter ähnlichen Umständen. Mein Gehirn holt sich alte Bilder aus der Erinnerung hervor, stellt Fragen. Die Unbeschwertheit ist verloren, das Blau des Gletschers sehe ich nicht mehr.Mein Inneres schreit „Stopp, geh nicht weiter!“ Ohne mich steht der Tross, die Gefahr, die ich spüre, wäre gebannt. Doch ich misstraue meiner Intuition, vertraue dem Bergführer. Blind. Andy, der diesen Überhang mit seinen Augen nicht sehen kann, ist der zweite, der den Gipfel erreicht. Er steht eine halbe Armlänge neben dem Bergführer, das Seil hängt erschlafft zwischen ihnen. Ich bin der nächste. Im Augenblick meiner Ankunft, der Erleichterung, es bis hierher geschafft zu haben, rufe ich „Berg Heil!“. Der Bergführer dreht sich in meine Richtung, will antworten – doch ich sehe nur mehr, wie der Eisboden unter seinen Füßen verschwindet. Und er mit ihm.

Andy, der unmittelbar neben ihm steht, reagiert zeitgleich mit mir. Er spürt, ohne zu sehen, während ich sehe und wahrscheinlich verzögert reagiere. Und doch reicht es, um Andy an mich zu reißen und uns gemeinsam gegen den Fall des Bergführers auf den Boden zu werfen. Dramatischer Bruchteil einer Sekunde, bis das Seil sich wieder spannt, die anderen begreifen und der Absturz in die eisige Spalte in sechs Meter Tiefe gestoppt ist.

14. Februar 2017