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Romana Hoffmann: Es ist nur Trash-TV!

MMag. Romana Hoffmann ist Akademikerin, erfolgreiche Kommunikationschefin bei einem Immobilienkonzern in Wien – und zog trotzdem freiwillig ins „Big Brother“-Haus. Für OOOM schreibt sie exklusiv, wie sie diese Isolation der anderen Art erlebt hat, als draußen vor der Tür die Coronakrise tobte. Ein Insider-Report aus der bekanntesten WG Deutschlands.

Romana Hoffmann28. April 2020 No Comments
Romana hoffmann SAT 1 Big Brother; Staffel: 13;

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ja, ich schaue leidenschaftlich gerne Trash-TV. Nach einem intensiven Arbeitstag gemütlich auf dem Sofa eine Runde „Fremdschämen“, so kann man einfach herrlich den Alltag hinter sich lassen und so richtig abschalten. Wenn das Hirn für Filme oder Dokus nicht mehr aufnahmebereit ist, lohnt sich ein Abtauchen in die Welt der Absurditäten. Wie unterhaltsam ist es doch, wenn so ein Z-Promi – über dessen Talent man sich erst mal im Internet erkundigen muss – gerade unter einer Kakerlakenlawine hyperventiliert, der aufgepumpte Bachelor nach peinlichen Schweigeminuten die fünfte Kandidatin schmust, eine deutsche Auswandererfamilie mit den letzten tausend Euro in der Tasche ohne jegliche Fremdsprachenkenntnisse durch die Gassen Kapstadts irrt, sich Nackedeis im Paradies vorm ersten Date die Geschlechtsteile präsentieren oder österreichische Singles in Weißrussland nach den letzten „echten“ Frauen suchen. Einfach großartig!

Die Mutter aller Reality-Shows ist zurück

Und je mehr mich beim Zusehen das Gefühl überkommt, dass ich eigentlich wegsehen sollte vor lauter Peinlichkeiten der Akteure, desto größer wächst das Fragezeichen über meinem Kopf. Wie es wirklich bei den Dreharbeiten zugehe, und wer denn die ganzen Kandidaten aussuche? Und warum so wenig Show-Teilnehmer in der Lage sind einen Satz grammatikalisch richtig zu bilden? Und warum gewinnen Leute die Kohle, die ich unsympathisch finde, während andere im Internet derart gefeiert werden? Und warum gibt es eigentlich kein Format, wo ich mitmachen könnte, ohne dass es um Beziehungszeugs geht? Fragen über Fragen. Und dann im August 2019 lese ich das: Big Brother – Die Mutter aller Reality-Shows ist zurück! 20 Jahre nachdem Big Brother mit seiner ersten Staffel Fernseh-Geschichte schreiben konnte, meldet sich die totale Überwachung zurück – mit Menschen, die alles von sich preisgeben. Jetzt bewerben.

Romana hoffmann SAT 1 Big Brother; Staffel: 13;

SAT 1 Big Brother; Staffel: 13; (c) SAT.1

Vom Sofa in die Flimmerkiste wechseln BAM!

Da war sie, meine Chance vom Sofa in die Flimmerkiste zu wechseln. Ich könnte meine extrovertierten, exponierten Eigenschaften nähren als Teil eines weltweit bekannten Formats und kinderleicht alle Antworten erfahren. Ich musste einfach nur die Hand ausstrecken und die einzigartige Möglichkeit ergreifen um meinem – wenn auch sehr komfortablen und schönen – Hamsterrad namens Alltag für eine kurze Auszeit „Tschüss“ zu sagen.

Was dann passierte, geschah beinahe unbewusst, eher begleitend nebenbei. Dass ich von Runde zu Runde weiterkam, fühlt sich im Nachhinein betrachtet so irreal an, als ob ich Beifahrer gewesen wäre, auf die Lenkung keinen Einfluss hatte, außer dass ich dem Fahrer aus meiner persönlichen Historie erzählte und dann zwei Tage vor Weihnachten die Info bekam, dass ich zwar nicht beim ersten Cast dabei sei, aber als Standby, Nachzügler, Ersatz, Plan B, Back-up, Reserve, Surrogat, mir doch egal: Hauptsache die Option bestand!

Vorher kann man die Ereignisse nicht erahnen

Mein Einzug ins Haus erfolgte an einem Montag Anfang März 2020 in der Live-Show, nachdem die Staffel schon vier Wochen am Laufen war. Und ich vorab von der Ersatzbank aus brav alles mitverfolgt hatte.

Ich war nicht nur erwartungsvoll platzend, dass es jetzt endlich beginnen sollte, insgeheim war ich auch froh den seit Wochen kursierenden schrecklichen Nachrichten infolge der weltweiten Covid19-Infektionen zu entfliehen.

48 Stunden nach dem Anruf seitens der Produktionsfirma Endemol Shine mit dem Inhalt, dass ich nun doch Teil der Big Brother-Familie werden sollte, landete ich in Köln zum Corona-Medizincheck – noch damit beschäftigt meinen Job an meine lieben Kolleginnen zu übergeben und in Windeseile die letzten Mails zu versenden. Da war mir auch noch immer nicht klar, auf welche Reise ich mich gerade begebe, durch welche nie wieder verschließbaren Türen ich schreiten werde und dass ich vor Eindrücken und Geschehnissen stehe, die nur wenige Menschen mit mir werden teilen können. Ereignisse, die mich für immer im tiefsten Inneren begleiten werden. Weder ich noch sonst jemand, der sich entschließt Teil eines Trash-TV-Formats zu sein, ist vorher auch nur annähernd in der Lage den vollen Umfang dieses Weges zu erahnen, noch ferner diesen vorab zu begreifen.

Eins kann ich verraten: Nachher ist es, wie wenn man nach einem Rausch die Welt glasklar sieht, nämlich so wie sie ist – mit all ihrer Schönheit und Wärme, aber auch mit dem ganzen Hass.

Romana hoffmann SAT 1 Big Brother; Staffel: 13;

SAT 1 Big Brother; Staffel: 13; (c) SAT.1

Der Hate ist mir vorher eigentlich entgangen, weil ich nie Betroffene war und es mich auch nur peripher gejuckt hat, wenn Fremde ihren Hass verschriftlicht in einer Kommentar-Maske auf einer Webseite erbrochen hatten.

Blick hinter die Kulissen: Mein Haus, meine Regeln!

Big Brother 2020: 100 Tage, 14 Kandidaten, 2 Bereiche: ein rudimentäres Blockhaus und das luxuriöse Glashaus. Einfachheit versus Überfluss. Der Luxusbereich birgt einen hohen Preis und dieser ist an unsere Social Media-lastige Welt angepasst. Erstmals in der Geschichte von Big Brother werden den Teilnehmern Kommentare von draußen gezeigt – diese sind schonungslos, boshaft und irritierend. Big Brother konzentriert sich auf die Aktionen in den sozialen Netzwerken, zeigt diese alternierend den Bewohnern. Vielleicht auch um schonungslos zu zeigen, was Gehässigkeit mit einem Menschen anrichten kann. Dass es jedoch für Krach, Tränen, Konflikte und Aufruhr keine Einmischung von extern benötigt, sondern sich vierzehn Personen auch gegenseitig aufgrund von Langeweile, Unwissenheit und Voreingenommenheit streiten können, musste ich noch am eigenen Leib erfahren. Da eventuell nicht alle Leser Big Brother-Kenner sind, darf ich einen kurzen Blick hinter die Kulissen geben und ein paar Sätze zur Realität im Big Brother-Haus ergänzen: Es ist alles echt!

Der große Bruder hält sein Versprechen, wenn er betont: „Mein Haus, meine Regeln“.

Romana hoffmann SAT 1 Big Brother; Staffel: 13;

SAT 1 Big Brother; Staffel: 13; (c) SAT.1

Ich habe vier Wochen im Blockhaus gewohnt und außer den Bewohnern Menowin, Rebecca, Rene, Jade, Michelle, Philipp, Denny, Cedric, Vanessa, Gina sowie Tim, Pat und Serkan haben wir keine anderen Menschen zu Gesicht bekommen, wenn man vom Moderator Jochen oder den Kameraleuten während der Live-Show absieht. Wir sind komplett abgeschnitten von der Außenwelt. (Medizinische sowie psychologische Betreuung steht uns selbstverständlich bei Bedarf zur Verfügung.) Zeit-, informations- und schriftlos in unserem kleinen Kosmos lebend, verrichten wir die Hausarbeit, halten den Ofen warm, waschen Wäsche (mit komischen Waschnüssen), kümmern uns um die Hühner, kochen, „kaufen“ Lebensmittel nach Budget ein und spielen im Rahmen der vielfältigen Wochenaufgaben Spiele wie z.B: wir halten sechs Tage ein überdimensionales „Ei“, melken in der Nacht eine Plastik-Kuh, schlafen in der Badewanne, nähen Fahnen und Sockenpuppen, stellen Bollywood-Filme nach, füllen Lückentexte, sortieren Reis und Bohnen, schrubben das Badezimmer mit einer Handbürste oder tragen „die Chefin der Woche“ mit dem Sessel über alle Schwellen im Haus bis auf die Toilette – und beschäftigen uns mit dem, worum es hier geht: Wir reden miteinander, interagieren, erzählen Lebensgeschichten und von Liebeskummer, beichten familiäre Situationen, sinnieren über Berufswünsche und gehen uns auch mächtig auf die Nerven. Wir lernen uns von vielen unterschiedlichen Facetten kennen.

Die Kameras bemerke ich nicht mehr, auch nicht den Ton an meiner Kleidung, das Duschen mit Bikini wird normal, die Zuseher vor dem TV sind weit weg und so sind wir einfach nur ein paar Menschen, die mit Menschen zusammenleben, welche wir im Grunde trotz all den Gesprächen und der verbrachten Zeit doch nicht kennen – und mit denen wir wohl auch niemals zusammenleben würden im richtigen Leben. Ich zumindest. Unsere Verbindungen sind nicht organisch gewachsen, sondern initiiert.

28. April 2020