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Russell Brand – Der Messias

Vom vereinsamten Outlaw der Gesellschaft zum Superstar der Revolution. Russell Brand, Schauspieler, Autor und einer der erfolgreichsten Stand-up-Comedians Großbritanniens, will die Welt verändern. Bei sich selbst hat er damit angefangen. Er will aufrütteln und prangert mit eisernem Engagement die Ungerechtigkeiten des kapitalistischen Systems an. Ein Lehrbeispiel, wie man vom Problemfall zum Motivator von Millionen werden kann.

Gabriela Euler-Rolle & Lisa Hauschild23. März 2017 No Comments
Russell Brand: Seit 2011 clean, setzt er heute auf Meditation und seine innere Stimme. (Photo by Mark Nolan/WireImage)

Die Szenerie sieht aus wie am Set einer Hollywood-Comedy, und doch ist das, was sich die beiden Männer zu sagen haben, zumindest für einen von fundamentaler Bedeutung. Eddie Stern, 47, sitzt in einem Hinterhof in Hollywood entspannt auf einem Holzstuhl, die Beine im Yoga-Sitz verschränkt, in kurzen dunklen Shorts und mit langem, himmelblauen Hemd. Das Licht spiegelt sich in seiner Glatze wider.  Er ist einer der angesagtesten Yoga-Trainer der USA, sein Ashtanga Yoga in New York wurde zur Anlaufstelle aller, die sich ernsthaft mit Meditation und der eigenen Persönlichkeit beschäftigen wollen. Kein Celebrity-­Tempel für die Paris Hiltons dieser Welt, auch wenn Madonna, Deepak Chopra und Chris Martin zu seinen Klienten zählen, sondern ein Lernstudio eines erfahrenen Leaders, der in sich ruht und sein Wissen möglichst vielen vermitteln will. Sterns vier Bücher wurden allesamt Bestseller. Am Stuhl ihm gegenüber sitzt Russell Brand, 41, Enfant terrible Hollywoods, im grauen, ärmellosen T-Shirt, barfuß, sein Tattoo am Oberarm lässig zur Schau gestellt, und nippt an seiner Wasserflasche. Er wirkt ein wenig angespannt: Sonst stellt er gern als Moderator die provokanten Fragen, diesmal sitzt er auf der anderen Seite, und es geht nicht um Selbstvermarktung oder sonstige Oberflächlichkeiten, sondern um die Wandlung seiner eigenen Persönlichkeit.

Ein anderer Mensch. „Haben dir Yoga und Meditation geholfen, bessere Entscheidungen zu treffen?“, lautet gleich die erste Frage des Gurus, und auf einmal wird der sonst immer laute, exaltierte Star ganz leise: „Ich denke, dass die eigene Realität durch unsere Intentionen und Aufmerksamkeiten bestimmt wird. Wenn also deine Intention und Aufmerksamkeit darauf gerichtet ist, viel Geld zu verdienen, dann wird deine Welt auch entsprechend aussehen“, kann sich Brand einen Seitenhieb auf sein eigenes Vorleben nicht verkneifen. „Das erste Mal in meinem Leben verbringe ich mehr Zeit mit Yoga und Meditation als mit Sex“, antwortet er sichtlich entspannt. Zwei Stunden meditiert Russell Brand jeden Tag, und hat damit eine neue Qualität in seinem Leben gefunden. Auch auf den Job des Comedian, Schauspielers und Autors hatte seine innere Wandlung großen Einfluss: „Es öffnete einen völlig neuen Zugang für mich. Wenn ich jetzt live vor einem Publikum performe, habe ich eine ehrlichere Verbundenheit mit den Menschen und ich fühle mich viel mehr im Moment. Ich bin wesentlich entspannter und versuche jeden Aspekt meines Lebens mit der positiven Energie, die ich durch Yoga und Meditation bekomme, zu füllen – egal, ob es darum geht auf der Bühne zu stehen oder mit Menschen umzugehen.“

Und er sagt ganz ehrlich: „Ich nehme auch viele Dinge nicht mehr so ernst. Ich denke, wir leben auf der Spitze eines Eisbergs. Wenn wir weitere Sinne hätten, könnten wir so viele Lichter, Energien und Kräfte wahrnehmen. Das ständige Streben nach materiellen Dingen erscheint mir in Anbetracht dessen einfach nicht mehr so wichtig.“

Weg zu dir selbst. Der Brite erzählt über seine mentalen Erfahrungen der letzten Jahre: „Ich denke, wenn Menschen glücklich sind, dann brauchen sie diesen Ausgleich nicht unbedingt. Aber wenn Menschen ein Verlangen oder eine Unzufriedenheit verspüren, dann deshalb, weil sie nicht in die richtige Richtung schauen, um die Lösung dafür zu finden.“ Meditation und Yoga würden den Blick in die richtige Richtung leiten: „Du musst in dich selbst gehen, denn innen drin gibt es unendliche Kapazitäten für eine glückliche Verbindung zu uns selbst. Ich glaube nicht, dass es eine andere Lösung gibt. Ich habe alles ausprobiert. Wenn die Antwort McDonald’s, Starbucks und Blow Jobs wären, wäre alles in Ordnung, denn das ist an jeder Ecke zu finden. Und vielleicht funktioniert das für viele Menschen – aber eben nicht mehr für mich.“

Und er hat eine Menge zu verarbeiten. In Graye, einem kleinen, tristen Ort in der Nähe von Essex aufgewachsen, hat er so ziemlich alles erlebt, was ein Kind in die Isolation, Einsamkeit und Verzweiflung drängt. Der Vater verlässt die Familie, als Brand gerade mal sechs Monate alt ist, mit sieben wird er von einem Lehrer sexuell missbraucht. Seine einzige Bezugsperson, die  Mutter, erkrankt nur ein Jahr später an Krebs. Russell wird während ihrer Behandlung zu Verwandten abgeschoben. Er sitzt den ganzen Tag vor dem Fernseher und macht „Penguin-Schokoriegel zu meiner heiligen Kommunion“, wie er heute sagt. Russell wird zum übergewichtigen Teenager, verhaltensauffällig und in der Klasse gemobbt.

EGAL, WAS RUSSELL BRAND ANFING, ER MACHTE ES EXZESSIV:
PORNOS, SEX, DROGEN. ÜBER 2.000 FRAUEN WILL ER GEHABT HABEN.
HEUTE IST ER VEGANER, MEDITIERT TÄGLICH ZWEI STUNDEN UND
SIEHT LUXUS ALS BALLAST: „MEINE
AUFGABE IST, DIE WELT ZU VERBESSERN.“

Nicht gut genug. Mit 14 Jahren entwickelt er Essstörungen und einen inneren Zwang, sich selbst zu zerstören. Er ritzt seine Arme mit Messern und scharfen Gegenständen ein, um „mich zu spüren. Ich habe immer versucht das Gefühl loszulassen, dass ich nicht gut genug bin, dass ich alleine bin, dass ich niemals glücklich sein oder Liebe erfahren werde. Aber es gelang mir einfach nicht.“

Mit 15 spielt er in einer Schulaufführung von „Bugsy Malone“ die Rolle des Fat Sam, und der erste Applaus seines Lebens zeigt ihm, dass man auch als dicker Outsider ankommen kann. Sein Berufsziel steht fest: Er will ins Showgeschäft.

Massen an Pornos. Egal, was Brand anfängt, er macht es konsequent exzessiv: „Ich habe mir als Teenager Pornos reingezogen, Massen an Pornos, so dass meine rechte Hand kaum noch zu gebrauchen war.“  Von der Schauspielschule „Italia Conty Academy“ fliegt er bereits nach einem Jahr wegen seines Drogenkonsums. Dasselbe Schicksal ereilte ihn auf der „ Royal Academy of Dramatic Art and Drama Centre London“.

Sex als mechanischer Akt. Sein erster Sex ist mit einer Prostituierten im Asien-Urlaub. Sex wird von da an für ihn zur Droge. Es geht für ihn dabei nicht um die Nähe, um Gefühl, Emotion, um das Verliebtsein, sondern nur mehr um den mechanischen Akt, die schnelle Befriedigung, die schnelle Nummer mit einer Fremden. Über 2.000 Frauen will er gehabt haben.

Es folgen Alkoholexzesse, flaschenweise billiger Wodka, Drogen: Crack, Kokain, Heroin, er lässt nichts aus. Einen Trip 2001 überlebt er nur mit Glück.

Nach 9/11 als Osama. Umso unglaublicher ist sein Aufstieg als Schauspieler, Sänger, Moderator, Comedian, Künstler. Bereits 2000 engagiert ihn MTV als Moderator, die Kids jubeln ihm zu. Als er nach den Anschlägen des 11. September im Studio als Osama Bin Laden verkleidet die Show moderieren will, setzen ihn die MTV-Bosse fristlos vor die Tür. Beim radiosender Xfm feuert man ihn kurz darauf, weil er nachmittags während einer Live-Sendung beginnt pornografische Texte zu verlesen.

Dem Ruhm tut das keinen Abbruch: „Die Frauen stellten sich nach seinen Shows backstage an“, wie sein Manager John Noel erzählt, „um Sex mit ihm zu haben. Das hat sich nicht geändert.“

Hollywood klopft an und in groß angelegten Kinofilmen wie „ Männertrip“, „Rock of Ages“, „Arthur“  oder „Nie wieder Sex mit der Ex“ zeigt er sein komisches Talent.