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Russell Brand – Der Messias

Vom vereinsamten Outlaw der Gesellschaft zum Superstar der Revolution. Russell Brand, Schauspieler, Autor und einer der erfolgreichsten Stand-up-Comedians Großbritanniens, will die Welt verändern. Bei sich selbst hat er damit angefangen. Er will aufrütteln und prangert mit eisernem Engagement die Ungerechtigkeiten des kapitalistischen Systems an. Ein Lehrbeispiel, wie man vom Problemfall zum Motivator von Millionen werden kann.

Gabriela Euler-Rolle & Lisa Hauschild23. März 2017 No Comments

Russell Brand: Seit 2011 clean, setzt er heute auf Meditation und seine innere Stimme. (Photo by Mark Nolan/WireImage)

Nummer-1-Bestseller. Sein erstes Buch „My Booky Wook“, eine Art Autobio­grafie, in der er sich als Heroin-Junkie outet, wird zum Megaseller, steht wochenlang auf Platz 1 der Sunday Times-Bestsellerliste und verkauft sich über 600.000-mal. Seine Karriere verlagert er immer mehr in die USA, moderiert die MTV Awards, bezeichnet US-Präsident Bush dabei live on air als „zurückgebliebenen ­Cowboy“und spielt in verschiedenen Hollywood-­Komödien mit.

Kurzzeit-Ehe mit Katy Perry. 2010 soll er seine weiblichen Fans gnadenlos enttäuschen. Russell Brand heiratet Pop-Queen Katy Perry und landet endgültig auf den Titelseiten des internationalen  Boulevards. Die Hochzeit feiert man pompös im indischen Rajasthan nach originalem Hindu-Ritus. Nach drei Monaten folgt die Paartherapie, nach 14 Monaten sitzt man sich beim Scheidungs-Anwalt gegenüber. Brand schickt zur Trennung charmanterweise eine SMS. „Sie hatte keine Ahnung, worauf sie sich mit der Hochzeit einließ“, muss Brand später öffentlich eingestehen.

Bei der BBC verliert er seinen Job als Radiomoderator, nachdem er dem Schauspieler Andrew Sachs als „Scherzanruf“ auf dessen Anrufbeantworter hinterlässt, welch „satanische Nutte“ seine Enkeltochter denn sei. Konsum, Exzess, Sex, Drugs, Rock ’n’ Roll, Ruhm und Geld:

Das also war Russell Brands Leben.

Bis er realisiert, dass sich seine Akkus mit Drogen nur bedingt aufladen lassen, dass ihn seine ausufernde Sexualität mit einem inneren Vakuum zurücklässt und Konsum wertlos ist, vor allem, wenn man sowieso schon alles hat. Es muss gegen Ende 2011 gewesen sein, als sein Leben eine fundamentale Wandlung nimmt. Er beginnt sich nur mehr vegan zu ernähren und trinkt so gut wie gar nichts mehr. Stattdessen beginnt er mit transzendentaler Meditation und Yoga.

DIE BRITEN WÄHLTEN RUSSELL BRAND ZUR
ZWEITEINFLUSSREICHSTEN POLITISCHEN ­FIGUR DES ­LANDES – NACH PREMIER ­CAMERON.

Stings Lehrer. Amerikas berühmtester Meditationslehrer, Bob Roth, führt ihn in die Mantra-Meditations-Technik ein, die auch Sting oder Medienmogul Rupert Murdoch praktizieren. Comedy-Star Jerry Seinfeld, der als Vorreiter dieser Meditationsart schon 40 Jahre Erfahrung hat: „Es ist schwer zu erklären. Transzendale Meditation ist eine Art Akku für deinen Körper und deine Seele“.   

„Meditation ändert dein Bewusstsein, ich bin zu einem besseren Menschen geworden, und ich möchte dazu beitragen, dass auch andere Menschen Zugang zu diesem Geschenk bekommen“, sagt Brand, und man nimmt ihm die Überzeugung ab. „Ich werde leider noch immer mit den Dingen assoziiert, die ich verabscheue: nichtssagende, aufgesetzte, hirnlose Celebrities.“

Aus dem schrillen Comedian ist ein politischer Aktivist geworden. Das Magazin „Prospect“ rankte ihn als vierteinflussreichsten Denker unserer Zeit, wofür sein letztes Buch „Revolution“ sicher den Ausschlag gab. In seiner Kampfschrift für eine neue Weltordnung mischt Brand politische Polemik, Mystik und Comedy und ruft die „Massen an Unterprivilegierten“ zum Kampf gegen die Ungerechtigkeiten des kapitalistischen Systems auf.

9 Millionen Twitter-Follower. „Ich will die Revolution“, verkündet Brand in mehreren Talkshows. Und es wirkt.

Er zieht mit seinen TV-Auftritten ein riesiges Publikum in seinen Bann. Neun Millionen Menschen folgen ihm auf Twitter. Mit „TREWS“, einer  Mischung aus den englischen Worten „True“ und „News“, erklärt er in mittlerweile 366 Episoden einem Millionenpublikum, die Welt, wie er sie sieht. „Was ist gefährlicher? Terrorismus oder der Klimawandel? Warum wird der Klimawandel so heruntergespielt und der Terrorismus so hochgeschaukelt? Weil mächtige Konzerne viel Geld zu verlieren haben“, analysiert er da die Weltlage. Auf YouTube hat der Brite inzwischen mehr als 1,2 Millionen Abonnenten, und auf Facebook folgt ihm eine treue Fangemeinde von 3,6 Millionen Freunden.

Seine Parolen erweisen sich als esoterischer Ratgeber für die verlorenen Seelen unserer Zeit. Labour-Boss Ed Miliband hält Brand für derart politaffin, dass er sich für dessen Video-Blog sogar für ein Interview zur Verfügung stellte. In Großbritannien wurde Brand, der Rebell, zur zweiteinflussreichsten politischen Figur hinter Premier David Cameron gewählt, und das  Magazin „The New Statesman“ ernannte ihn gar zum „politischen Heiland“.

23. März 2017