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Russell Brand – Der Messias

Vom vereinsamten Outlaw der Gesellschaft zum Superstar der Revolution. Russell Brand, Schauspieler, Autor und einer der erfolgreichsten Stand-up-Comedians Großbritanniens, will die Welt verändern. Bei sich selbst hat er damit angefangen. Er will aufrütteln und prangert mit eisernem Engagement die Ungerechtigkeiten des kapitalistischen Systems an. Ein Lehrbeispiel, wie man vom Problemfall zum Motivator von Millionen werden kann.

Gabriela Euler-Rolle & Lisa Hauschild23. März 2017 No Comments

Russel Brand mit seinem Lehrmeister, dem Dalai-Lama: „Seine Weisheit hat mich verändert.“ (Photo by Shirlaine Forrest/WireImage)

Second Jesus. Mittlerweile wird der „Second Jesus“, wie sich Brand selbst ironischerweise bezeichnete, regelmäßig in die seriöse Nachrichtensendung „Newsnight“ eingeladen. In seiner kürzlich  erschienenen Doku „The Emperor’s New Clothes“  deckt er im Stil von Michael Moore die Machenschaften der Finanzwelt auf und prangert die wachsende Kluft
zwischen Arm und Reich an.

„Die Zeiten, in denen Menschen der Politik vertrauen, sind vorbei, mein Lieber“, sagt Brand in einem Interview mit dem britischen BBC-Moderator Evan Davis und fügt noch hinzu: „Ich bin jetzt  hier, um den Menschen da draußen eine Stimme zu geben.“

Kollaps des Systems. Brand erwartet den baldigen Kollaps des bisherigen Systems, weil „niemand mehr der politischen Klasse traut.“ Er trifft damit durchaus einen Nerv. In Großbritannien werden die Eliten immer reicher, während es sich die Bevölkerung, zunehmend auch der Mittelstand, nicht mehr leisten kann, in der eigenen Hauptstadt essen zu gehen. „In fünf Jahren schon“, so vermutet der Neo-Aktivist, „wird sich das Proletariat auf eine Art und Weise engagieren, die wir noch nicht vorhersagen können. Ich hoffe nicht, dass dies gewalttätige Züge annimmt, aber es wird in jedem Fall überwältigend und hoffentlich von etwas Strukturiertem abgelöst“, so das Multitalent in einem Interview mit der deutschen „Zeit“. Wie dieses „Strukturierte“, mit dem er unser bestehendes System ersetzen will, allerdings aussehen könnte, darauf hat er auch in seiner Streitschrift gegen den Kapitalismus keine Antwort.

10 Millionen Pfund schwer. Brand lässt sich nicht in Schubladen stecken. Er agiert niemals so, wie man es von ihm erwarten würde.

Einerseits propagiert er in seinen Video-Blogs vehement Wahlen generell zu boykottieren und gibt stolz an, noch nie in seinem Leben eine Wahlzelle von innen gesehen zu haben. Andererseits sammelt er 100.000 Unterschriften für die Legalisierung von Drogen und lässt sie dann jenen Politikern zukommen, die er nicht gewählt hat.

Es kann auch vorkommen, dass sich Brand von seinem Chauffeur in seinem Mercedes direkt von einer Demo gegen den Abriss von sozialen Wohnbauten abholen lässt, um sich in seine Nobelwohnung im Londoner Innenbezirk Shoreditch kutschieren zu lassen. Auf 10 Millionen Pfund wird Russells Vermögen mittlerweile geschätzt, doch seinen luxuriösen Lebensstil sieht der überzeugte Nichtwähler, nicht als Widerspruch zu seiner Weltansicht. „Geld bedeutet mir absolut nichts“, sagt er, legt aber trotzdem 5.000 Pfund (fast 7.000 Euro) pro Monat für seine Mietwohnung ab. All das zeigt die Widersprüchlichkeit seiner Person. Er polarisiert – und das macht ihn interessant.

Die Schauspielerei hat der politische Autodidakt momentan an den Nagel ­gehängt – seiner Vision zuliebe: „Jeder muss bei sich selbst anfangen, die Welt zu verändern. Der Wandel kommt immer von innen.“

23. März 2017