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Sabin Tambrea: Nachtfalke

Der deutsch-rumänische Schauspieler Sabin Tambrea stand fürs Berliner ­Ensemble auf der Bühne und spielte die Kino-Hauptrollen in „Ludwig II.“ und als Mönch ­Narziss in Oscarpreisträger Stefan Ruzowitzkys Film-Adaption von Hermann Hesses „Narziss und Goldmund“. Nun veröffentlichte er seinen ersten Roman „Nachtleben“. Im Interview mit OOOM spricht er über sein Debüt auf ungewohntem Terrain, die Komplexität seiner Sprache, Afghanistan und die Ohnmacht, Spiritualität, wann er zum Film-Junkie wurde – und warum er sich neuen Rollen über Düfte nähert.

Roberta Malizia11. November 2021 No Comments

Sie versuchen sich mit „Nachtleben“ in einem neuen Metier. Hat Ihnen Ihr Debüt als Schriftsteller Angst bereitet?
Je näher der Erscheinungstermin kam, umso aufgeregter war ich, da ich nicht einschätzen konnte, wie das Buch aufgenommen wird. Der Roman bedeutet für mich die Essenz einer jahrelangen Auseinandersetzung mit meinem eigenen Anspruch, in der jede Entscheidung überlegt getroffen wurde, immer im Hinblick darauf, was der Geschichte zuträglich ist, und nicht aus dem Wunsch nach Gefälligkeit heraus. So gesehen bin ich mit mir im Reinen, trotz des steigenden Lampenfiebers nach fünf Jahren intensiver Arbeit daran. Fünf Jahre auf 180 Seiten, das ist viel Zeit für wenig Seiten. 

Es geht um Anna und Anno, die ein Großstadtleben zwischen Partys und Alltag führen – bis Anno durch einen Unfall plötzlich ums Leben kommt.
Ich habe sehr viel Herzblut in das Buch gesteckt und hoffe, dass die Geschichte für viele Menschen eine Gültigkeit erkennen lässt. Sie führt über die Kindheit und Jugend der ProtagonistInnen bis in Bereiche, vor denen wir uns im Grunde genommen alle fürchten, wenn es Richtung Tod oder einer drohenden Einsamkeit geht. Es wäre großartig, wenn sich die Leser mit den Hauptfiguren identifizieren können und durch die Kindheitssequenzen eine Beziehung zu ihnen aufbauen, die sie über die Achterbahnfahrt der Handlung bis nach unten, und vielleicht am Ende wieder nach oben führt. Deshalb stehe ich nun neugierig, voller Vorfreude und einer gehörigen Portion Respekt vor allem Folgenden da und bin gespannt, ob es aufgeht oder nicht.

Die Idee zum Roman ist schon 15 Jahren alt. Soziale Medien, die – wie Sie es nennen – zu einer „Entwertung der Sprache“ beigetragen haben, gab es damals noch nicht.
Am Berliner Ensemble habe ich zusammen mit Claus Peymann an der Vielschichtigkeit unserer Sprache gearbeitet, habe daran wachsen, aber auch daran scheitern gelernt. Gleichzeitig beobachte ich, wie in der Welt außerhalb des Theaters die Sätze immer kürzer und simpler werden. Man braucht gar nicht mehr sein Hirn anzustrengen, um Inhalte aufzunehmen, denn sie werden einem so zurechtgestutzt, dass man mit einem Mindestmaß an Aufmerksamkeit durchs Leben kommt, wenn man will. Das ist eine gefährliche Entwicklung, wenn etwas vereinfacht wird, da immer auch zu hinterfragen ist, welche Absicht dem zugrunde liegt. Sprache kann Entwicklung unterstützen, oder sie befeuert eben Rückentwicklung, wenn sie instrumentalisierend eingesetzt wird. Aus diesem Grund hatte ich Lust, mich mit der komplexeren Seite der Sprache auseinanderzusetzen. Im Laufe der Jahre habe ich bestimmt jeden Satz mindestens zehn Mal umgedreht und umformuliert. Musikalität ist für mich essenziell und das ist auch eine Hürde beim Lesen dieses Romans. Manchmal wird ein Thema angedeutet und erst viele Seiten später wieder aufgegriffen, was vielleicht gar nicht bewusst auffällt oder erst mal irritiert. Es würde mich sehr freuen, wenn man das Buch ein zweites Mal lesen will, um die ganzen Querverweise über die verschiedenen Zeitebenen hinweg zu erkennen.

Das größte Kompliment ist, wenn ein Werk zeitlos gültig altert. Das dachte ich beispielsweise bei „Narziss und Goldmund“, als ich es gelesen habe. Von vielen habe ich gehört, dass es ihr Lieblingsbuch in der Jugendzeit war. Ich bin mir sicher, hätte ich es als junger Mensch gelesen, dann hätten mich ganz andere Dinge berührt als jetzt, wo ich es im Erwachsenenalter gelesen habe. 

Ihr Vater war zur Zeit des rumänischen Diktators Ceausescu Orchestermusiker und setzte sich bei einer Konzertreise nach Frankreich ab, Ihre Mutter kam mit Ihnen und Ihrer Schwester nach. Sie sind schließlich im deutschen Hagen aufgewachsen. Sie lernten Violine, Bratsche, Klavier und Dirigieren, haben sich aber für den Schauspielberuf entschieden.
Irgendwann habe ich aufgehört, in verschiedenen Künsten zu denken. Für mich hat es mit Geduld und Disziplin zu tun, und einem Willen zu gestalten. Und dieser Vorgang ist immer gleich, egal für welche Kunst. Was man in dem einen Bereich lernt, kann man auch für die anderen übersetzen. Du brauchst Geduld, um ein neues Handwerk zu erlernen und etwas so lange zu formen, bis es dem entspricht, was du empfindest oder ausdrücken möchtest. Daran zu arbeiten, bis man dazu steht – dieser Prozess ist für mich in jeder Kunst das Gleiche. 

Wo fehlt Ihnen jegliches Talent?
Beim Kochen. (schmunzelt) Mein Problem dabei ist: Ich möchte immer so viele Geschmäcker zusammenwerfen, dass es einfach irgendwann nicht mehr zusammenpasst. Ich bin übergestalterisch und möchte das größte Feuerwerk zusammenkochen. Und dann ist es zu viel. Eventuell lerne ich irgendwann, da etwas weniger zu nehmen. Aber ich fürchte, darin habe ich einfach kein Talent.

War damals Schauspiel mit 18 Jahren – und von heute aus gesehen vor 18 Jahren – die richtige Entscheidung? Oder haben Sie diese bereut?
Zu der Zeit war es nicht zu verhindern, dass ich so entschieden habe. Irgendwie kam alles zur rechten Zeit. Ich hatte das Glück, immer die richtigen Leute an meiner Seite zu haben. Sei es am Kinder- und Jugendtheater, wo mir ein Mentor die Richtung zeigte, oder irgendwann erschienen Claus Peymann und Robert Wilson auf der Bildfläche. Sie alle haben mir die Hand gereicht und mich unterstützt. Ich musste mich nur mehr darauf einlassen, und damit hatte ich riesiges Glück. Deshalb hoffe ich, dass sich Wege und Bekanntschaften ergeben, die ich jetzt noch nicht sehen kann.

Ist Social Media für Sie Fluch oder Segen?
Sie haben die Chance verspielt, in erster Linie ein Segen zu sein. Wenn man sich die Kommentarspalten durchliest, dann verzweifelt man manchmal schon sehr an der Menschheit. Wenn ich einen Kommentar lese, neige ich fälschlicherweise dazu, davon auszugehen, dass da jemand in meinem Alter vor seinem Computer sitzt, der so etwas abfeuert. Da frage ich mich oft: Wie kann so ein Satz ernsthaft gesagt werden? Aber wer weiß, vielleicht sitzt da auch ein 14-jähriger Junge, dem ein Kompass fehlt. Wenn ich bedenke, was ich mit 14 alles cool oder witzig fand – da würde ich heute mein damaliges Ich zur Seite nehmen und sagen: „Pass mal auf, das geht so gar nicht.“ Dies ist in den sozialen Medien nicht möglich, da das meiste inkognito passiert und oft gar kein Interesse an einem Diskurs besteht, sondern nur an der Manifestation der eigenen Meinung. Im Internet lernt man nicht, sich auf andere Gedanken einzulassen oder um Inhalte zu ringen, ohne zu beleidigen. Das halte ich für eine gefährliche Entwicklung, und das Gute, das die sozialen Netzwerke bieten könnten, bleibt ungenutzt. Ich selbst nutze sie hauptsächlich beruflich. Was ich aber hin und wieder mache, ist, zu benennen, wenn mir auffällt, dass etwas schiefläuft, oder wenn sich jemand etwas rausnimmt, das ich moralisch bedenklich finde. Im Großen und Ganzen schlägt das aber keine großen Wellen, denn meine Community teilt größtenteils meine Ansichten. 

Sind Sie ein politischer Mensch? Bei jemandem, der die brutale Diktatur in Rumänien erlebt hat, ist das wohl wahrscheinlich.
Erst kürzlich, als die Bilder aus Afghanistan kamen, muss ich sagen, dass ich schlaflos im Bett lag und diese Bilder und Gedanken nicht aus dem Kopf gekriegt habe. Es ist eine Ohnmacht. Man hat Zugriff auf Informationen aus jedem Winkel dieser Welt, in Verbindung mit dem Gefühl, dass man wenig tun kann. Dazu noch die gefährliche Applaushascherei, die manche Menschen im Internet, in der Gesellschaft, aber auch in der Politik vor sich her tragen, führt zu einer Diskrepanz und zu einer Spaltung, die schwer zu ertragen ist. 

Sie spielten die Hauptrolle in Stefan Ruzowitzkys „Narziss und Goldmund“. Sie haben bei Rollen eine ungewöhnliche Herangehensweise, indem Sie jede Figur über das Unbewusste der Sinne wahrnehmen, und zwar über einen Duft. Welchen Duft hatten Sie für die Rolle des Narziss?
Es war auf jeden Fall Weihrauch mit dabei. (lacht) Ich gehe jedes Mal in eine Parfümerie und probiere Verschiedenes aus und dann weiß man direkt, wenn etwas sofort stimmig ist bei dem ausgewählten Duft in Verbindung mit der jeweiligen Figur.

Sie haben eine besondere Beziehung zu Wien, Ruzowitzkys Geburtsstadt.
Wien ist mein persönliches Paris! Ich habe diese Stadt näher kennengelernt, als ich dort mit meiner Ehefrau gedreht habe, in den Anfängen unserer Beziehung. Ich bin jedes Mal überwältigt von der Architektur, es tut auch immer ein bisschen weh, nach Berlin zurückzukommen, weil es einem die Zerstörungen aus dem Krieg so klar vor Augen führt.

Ich mag die Direktheit der Menschen, ich liebe den Dialekt und ich komme sehr gerne nach Wien, auch wenn es immer viel zu kurz ist.

Während des Lockdowns haben Streaming-Anbieter und Video-on-Demand-Dienste einen Boom erlebt. Sind Sie da auch zum Film-Junkie geworden?
Ich habe die Portale tatsächlich so gut wie leer geschaut. „The Great“ fand ich großartig, ebenso „Unorthodox“, „Succession“, „Family Guy“. Meine Favoriten unter den deutschsprachigen Produktionen sind dieses Jahr „Je suis Karl“ von Christian Schwochow, „Fabian – oder der Gang vor die Hunde“ von Dominik Graf und „Ich bin dein Mensch“ von Maria Schrader.

In Deutschland zählen Sie zu den etablierten Schauspielern, auch in Europa haben Sie schon Fuß gefasst. Ist Hollywood ein Ziel?
Also wenn Denis ­Villeneuve und Christopher Nolan anrufen würden, würde ich deren Anruf nicht wegdrücken. (lacht) Allerdings ist Deutsch die Sprache meines Handwerks. Zwar habe ich schon auf Englisch gedreht wie für die US-Serie „Berlin Station“ und damit auch die Luft schnuppern dürfen, die von außen reinweht, aber ich habe nicht das Bedürfnis, nur darauf hinzuarbeiten. Wenn es zustande kommt, heiß ich es gern willkommen, egal von wo die Anfrage herkommt. Zum Beispiel gab es die Möglichkeit für mich, in Rumänien zwei Produktionen zu drehen, in meiner eigentlichen Muttersprache.

Damit waren Sie ja auch in Cannes?
Genau. Es war eine tolle Herausforderung, denn es ist nicht unbedingt meine Komfort-Zone, auf Rumänisch zu drehen, da ich viel weniger Übung darin habe, noch dazu einen starken deutschen Akzent. Es war insgesamt aber eine sehr beglückende Arbeit in meiner Heimat, mit der ich noch dazu den Wettbewerb in Cannes erleben durfte.

Sind Sie ein spiritueller Mensch? Und wenn ja, wie findet diese in Ihr Leben Einzug?
Es ist leicht, rückblickend zu sagen, alles hatte einen Sinn. In dem Moment, wo man das Leben in Echtzeit lebt, ist man oft sehr verwirrt und glaubt gar nicht daran, dass aus der einen oder anderen Niederlage etwas Gutes entstehen kann. Rückblickend sehe ich die einzelnen Bausteine, die zueinander geführt haben, und habe dadurch gelernt, etwas entspannter zu sein und in den Schlenkern durchaus auch etwas Positives zu sehen, weil sie mich auf andere Dinge gebracht haben, als ich sie erwartet hätte. Wenn man aufmerksam ist, sieht man die gesamte Gleichung, die zu dem geführt hat, was man heute ist. Aber ich würde nicht sagen, dass da etwas Anderes oder Göttliches ist, was die Entwicklungen vorausschauend lenkt. 

Wie und wo laden Sie Ihre Batterien auf?
Das Großartige ist, dass ich durch meinen Beruf, der mir unglaublich viel Freude macht, diesen Gedanken gar nicht haben muss.

Mein Beruf ist wie mein externer Akku, den ich immer dabei habe und wo ich mich selbst immer daran anschließen kann. 

Sind Sie ein guter Gast­geber?
Ich würde entweder einen Whiskey Sour oder eine Margarita mixen, dies sind nämlich die zwei Cocktails, die ich während des Lockdowns gelernt habe. Ich müsste dafür nur frische Zitronen besorgen. Vom Kochen will ich gar nicht erst anfangen. Es gibt viele gute Lieferdienste in Berlin, da finden wir schon was.

Was bedeutet ein richtig gutes Leben für Sie?
Dass man in Sicherheit leben kann, ohne Angst um jeden weiteren Moment zu haben, ist viel Wert, und viele Menschen würden alles dafür geben, um diesen Zustand ebenfalls zu haben. Alles darüber hinaus ist ein Luxus, von dem man sich immer bewusst machen muss, dass man diesen hat. Ein richtig gutes Leben hat für mich auf jeden Fall mit Liebe und Erfüllung zu tun.

11. November 2021