Inspiration

Saheli Women: Stich für Stich

Madhu Vaishnav hatte ein typisches Leben einer jung verheirateten Ehefrau auf dem indischen Land vor sich, wo die Kluft zwischen den Geschlechtern noch immer groß ist. Doch ihre Pläne waren anders. Sie gründete die Organisation „Saheli Women“, die Frauen durch eine Nähausbildung ein eigenes Einkommen gibt. Bei einem Besuch vor Ort erhielt OOOM Einblick in eine Welt, wo Frauen Stich für Stich in ein selbstbestimmtes Leben schreiten.

NADA KLOSS29. Juli 2020 No Comments
Saheli-Nada-Kloss-02

Gegen den Willen der Familie ihres Mannes ging die damals 23-Jährige Madhu Vaishnav nach Amerika, studierte Sozialarbeit an der Univeristy of California in Berkeley. Ein gewagter Schritt, der kulturelle Normen brach. Denn nach der Heirat ist für Frauen in Indien die berufliche Karriere meistens vorbei. Erst nach ihrem Abschluss ging sie in das Wüstendorf ihres Mannes, Bhikamko, im Norden des Bundesstaates Rajasthan. Die Perspektiven dort für Frauen waren im besten Falle begrenzt.

Eine Handvoll Dollar. Mit dem Ziel, die Frauen aus der Armut zu heben, startete sie mit nur 100 US-Dollar und einer Handvoll Nähmaschinen das Sozialunternehmen „Saheli Women“. „Saheli“, das Hindi-Wort für „Freundin“, soll die Bemühungen des Slow-Fashion Labels widerspiegeln, einen sicheren Raum ausschließlich für Frauen und ihre Kinder zu schaffen, wo nachhaltige, umweltbewusste Mode für internationale Designer hergestellt werden kann. Durch eine simple Mail konnte ich Kontakt zu ihr aufnehmen. Die Dachorganisation IPHD(Institute for Philanthropy and Humanitarian Development) war kooperativ, nicht einmal eine Woche später lernte ich Madhu über Skype kennen und wurde zu ihr nach Hause eingeladen. Noch nie war ich in Indien, ich begab mich auf eine Reise in das bunte Chaos.

Saheli-Nada-Kloss-03

Saheli-Nada-Kloss-03

Schicksal: Weiblich. Das Wüstendorf Bhikamkor ist zwei Stunden von Madhus aktuellem Wohnort in einer bewachten Nachbarschaft entfernt. Auf dem Weg dorthin sitze ich neben Master Ji, dem einzigen Mann im Atelier. Er ist ein gelernter Schneider, der den Damen sein Handwerk mit stoischer Seelenruhe beibringt. Als wir dem Dorf näher kommen, fährt Madhu kurz links ran, um mit dem Ende ihres Saris den Kopf zu bedecken: Die weibliche Kopfbedeckung ist ein Zeichen des Respekts gegenüber der konservativen Gesellschaft von Bhikamkor. Im Wüstendorf ist der Status der Frau sehr niedrig. Frauen haben sich zu verschleiern, Vergewaltigungen werden geduldet. Darüber hinaus werden nur Mütter von Söhnen akzeptiert, Mütter, die ausschließlich Töchter haben werden verachtet. Kinderlose Frauen werden überhaupt verflucht und Witwen gelten als Unglücksbringer, die wie Aussätzige behandelt werden.

Die Perspektive für Frauen ist bestenfalls begrenzt. Vergewaltigung ist geduldet, Mütter, solange sie keine Söhne haben, sind wertlos.

29. Juli 2020