Inspiration

Saheli Women: Stich für Stich

Madhu Vaishnav hatte ein typisches Leben einer jung verheirateten Ehefrau auf dem indischen Land vor sich, wo die Kluft zwischen den Geschlechtern noch immer groß ist. Doch ihre Pläne waren anders. Sie gründete die Organisation „Saheli Women“, die Frauen durch eine Nähausbildung ein eigenes Einkommen gibt. Bei einem Besuch vor Ort erhielt OOOM Einblick in eine Welt, wo Frauen Stich für Stich in ein selbstbestimmtes Leben schreiten.

NADA KLOSS29. Juli 2020 No Comments
Saheli-Nada-Kloss-02
Saheli-Nada-Kloss-01

Saheli-Nada-Kloss-01

Daphu, die Kämpferin. Das Atelier ist umgeben von Ziegen und Kühen. Farbenfrohe, verschleierte Köpfe beobachten uns, Kinder laufen neugierig auf uns zu und begrüßen mich mit „Namaste“. Mit vor dem Brustbein zusammengefalteten Händen, einem Bindi (das symbolische dritte Auge) auf der Stirn und eine traditionelle Turka tragend, trete ich in das Saheli Women Center ein. Die Energie des Studios überwältigt mich. Man spürt die Ruhe, den Stolz und die Zufriedenheit unter den arbeitenden Frauen. Daphu fällt mir als Erste auf. Auch wenn ich kein Wort von dem was sie in Hindi sagte, verstand, beeindruckten mich ihre leuchtenden Augen und ihre souveräne Art. Sie ist eindeutig eine Kämpferin. Bevor Daphu dem Saheli Women Center beigetreten war, verbrachte sie ihre Zeit bettelnd auf der Straße. Ihr Geburtsdatum ist ihr nicht bekannt, ihr Mann fiel der Steinindustrie zum Opfer und verstarb an einer tödlichen Lungenkrankheit. Ihr schweres Schicksal stürzte die Familie in den totalen Notstand. Dann traf sie auf Madhu und das Saheli Women Center. Es war ein sehr heißer Tag, Daphu hatte schon länger keine Möglichkeit gehabt sich zu waschen. Schnell merkte sie, dass ihr Geruch den anderen Frauen unangenehm auffiel. Madhu griff schnell ein, gab ihr Seife und Arbeit. Heute kann sie für sich selbst und ihre Kinder sorgen und hat sich zu einer lustigen, selbstlosen und fürsorglichen Frau entwickelt, die sich in der Gemeinde stark für andere Frauen einsetzt.

Keine leichte Aufgabe. Es ist ein Kampf für Madhu, die Frauen von ihrer Mission zu überzeugen. Die Gemeinde ist sehr konservativ. Frauen müssen sich zuerst die Erlaubnis ihrer Ehemänner und Schwiegereltern holen, um an den Schulungen teilnehmen zu dürfen. Obwohl das Recht auf Bildung in den fundamentalen Rechten Indiens verankert ist, gelten in kleinen Dörfern veraltete, konservative Systeme, die von Männern dominiert werden. Es dauert oft lange Jahre, bis Frauen sich ihren Weg in das Studio erkämpfen. Indien hat eine der niedrigsten Frauen-Erwerbsquoten weltweit. Frühzeitig arrangierte Ehen anstelle von Schulbildung, Schwangerschaften in sehr jungem Alter, Komplikationen bei der Geburt und Anämie, die durch den falschen Umgang mit der Menstruation begünstigt wird, sind keine Seltenheit. Der Großteil der Frauen sind Analphabeten, selbst das Verständnis von Zahlen und Maßen ist ihnen fremd, der Haushalt hat immer oberste Priorität. Auch im Saheli Women Center sind die Arbeitsbedingungen flexibel gestaltet, damit die Frauen ihren Pflichten zuhause nachkommen können.

Saheli-Nada-Kloss-04

Saheli-Nada-Kloss-04

Ein selbstbestimmtes Leben. Erst durch das eigene Einkommen wird den Frauen eine gewisse gesellschaftliche Akzeptanz verliehen, die ihnen in ihren Herkunftsdörfer meist verwehrt bleibt. Mittlerweile ist das Saheli Women Center zum Handelszentrum des Dorfes geworden und bietet den Frauen aus der Umgebung als eines der wenigen Unternehmen die Möglichkeit, Geld zu verdienen. Insbesondere deshalb, weil die Löhne dort vergleichsweise hoch sind, können so Mütter ihren Kindern die Schule finanzieren und selbst unabhängig werden. 35 Frauen beschäftigt das Center mittlerweile, und bietet ihnen faire Löhne, Krankenversicherung und ein sicheres Arbeitsumfeld, das frei von Diskriminierung und Angst ist. Dank der Kooperation mit internationalen Marken (wie, z.B. Tassel Tales, DEVI, ZAZI und SURI) können sich die Saheli Women eine eigene Existenz aufbauen. Sie sind nicht gezwungen Arbeit anzunehmen, die menschenunwürdig ist, und können sich ein unabhängiges Leben ermöglichen. Angesichts der vielen Aufträge verdienen die Frauen mittlerweile das Doppelte des indischen Mindestlohns.

Mit einer Selbstverständlichkeit erzählen die Frauen mir ihre Geschichte. Es ist Teil des weiblichen Empowerments.

Träume. Es überwältigt mich, mit welcher Selbstverständlichkeit und Offenheit die Saheli Women ihre intimsten Erlebnisse und Schicksale mit uns teilen. Dinge beim Namen zu nennen, um andere daran teilhaben zu lassen – auch das wird als Teil des weiblichen Empowerments gesehen. Eben weil sie beschützt, gesehen und gehört werden, öffnen sie sich. Und weil sie wissen, was für einen positiven Einfluss ihre eigenen Geschichten auf andere Frauen in der Region haben können. Nach dem Motto „Frauen zu fördern, um die gesamte Gemeinschaft zu stärken“, hat das Wohlergehen der Frauen oberste Priorität. In fünf Jahren sind die Saheli Women zu Schneiderinnen geworden, die Träume und Designs ihrer Partner zum Leben erwecken. Durch die internationale Präsenz wird die Stimme der Saheli Women immer lauter. Lauter als sie es sich jemals erträumt hätten.

Fotos: Nada Kloss

29. Juli 2020