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Sam Schweiger: Im falschen Körper

Sam Schweiger kam als Mädchen zur Welt. Schon als Kind wusste er: Ich bin keine Frau – aber macht mich das automatisch zum Mann? Transidente Menschen wie er sind im falschen Körper geboren und müssen oft einen langen Weg gehen, bis das äußere und innere Erscheinungsbild zueinanderpassen. Nach jahrelanger Psycho- und Hormontherapie, Namens- und Personenstandsänderungen und mehreren geschlechtsangleichenden Operationen ist Schweiger heute ein ganz normaler Mann und arbeitet als Coach, um anderen Betroffenen zu helfen. In OOOM spricht er über den langen Weg zum neuen Geschlecht, Ängste, Nervenzusammenbrüche, ungeplante Outings und die Vorteile, beide Geschlechter erlebt zu haben.

Claudia Huber9. Oktober 2019 No Comments
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Wer bin ich wirklich? Wohin gehe ich? Was fühle ich? Wieso bin ich in einem Körper gefangen, in dem ich nicht sein will? Fragen wie diese quälten Sam Schweiger seit seiner Kindheit. Doch Sam war nicht immer Sam. Damals hieß Sam noch Sabine und wuchs in Wien auf.  Sam Schweiger ist heute 44 Jahre alt, sein kahler Kopf glänzt im Licht der Spätsommersonne, der Vollbart ist adrett getrimmt. Wenn man Sam gegenübersitzt, würde nie der Gedanke aufkommen, welchen Weg er in den letzten Jahrzehnten hinter sich hat. Eine jahrelange Psycho- und Hormontherapie, Namens- und Personenstandsänderungen und gleich mehrere geschlechtsangleichende Operationen liegen hinter ihm. Geboren und aufgewachsen im Körper einer Frau, ist Sam heute ein Mann. Wenn Gehirn und Körper nicht gleichgepolt sind, ist der Weg kein leichter, in die richtige Geschlechtsidentität zu finden. Sam Schweiger wusste das, doch die Zweifel über seine Weiblichkeit ließen ihn bereits von Kindheitstagen an spüren, dass er anders war, dass etwas nicht stimmte. Das Eingeständnis, im falschen Körper geboren worden zu sein, und der bedingungslose Wille, dies zu ändern, folgten allerdings erst Jahre später. Mit Anfang 20 begann er eine Gesprächstherapie, erst 2014 – kurz vor seinem 40. Geburtstag – fand seine Penoidaufbau-Operation statt, die aus ihm auch physisch einen Mann machen sollte. Mittlerweile ist Sam nicht nur auf dem Papier vollständig in seiner echten, männlichen Geschlechtsidentität angekommen.

Trotz seines eigenen langen Leidensweges fungiert er seit Jahren als Sprachrohr für die Belange transidenter Menschen, spricht an Schulen und bei Arbeitgebern über den Zustand und schreibt auf seinem Blog seine Erfahrungen und Eindrücke nieder. Über 2000 Aufrufe verzeichnet seine Website pro Tag, eine lange Schlange an E-Mails erwartet ihn täglich in seinem Posteingang. Das Schönste sei, wenn Menschen auf ihn zukommen und meinen: „Du bist doch der Sam. Du hast mir damals so geholfen!“ Die Dankbarkeit zu spüren sei eine der besten Erfahrungen, die er machen durfte. Und bestätigt ihn darin, seine Geschichte nach außen zu tragen.

Herr Schweiger, wie merkt man, dass man im falschen Körper steckt?

Ich habe schon im Kindergarten gemerkt, dass irgendetwas anders ist, wusste aber nicht genau, was. Ich wollte gerne so sein wie mein bester Freund. Früher ging das noch, da zog man eine Badehose an und ging als Junge durch. Ich habe mich immer gefreut, wenn die Leute gesagt haben: „Na, du bist aber ein Lausbub!“ Und obwohl ich merkte, dass ich keine Frau war, hatte ich trotzdem Zweifel, ob mich das dann auch automatisch zum Mann macht. Ich habe für mich selbst immer nach dem Beweis gesucht. Ist es womöglich „nur“ ein hormonelles Ungleichgewicht oder etwas im Chromosomensatz meines Körpers? Ich hätte mir gewünscht, dass mir irgendjemand die Absolution erteilt. Aber das gab es nicht.

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Hat Ihr Umfeld, Ihre Familie diese innere Krise, dieses Zweifeln mitbekommen?

Wenn du als biologische Frau auf die Welt kommst, dich burschikos kleidest und dann auch noch auf Frauen stehst, glauben die Leute um dich herum zunächst, dass du homosexuell bist. Dann kriegst du gleich mal den Lesbenstempel aufgedrückt – aber ist ja auch kein Wunder, wenn du den Mund nicht selbst aufbringst. Doch irgendwann war bei mir der Ofen aus. Mit 20 hatte ich einen Nervenzusammenbruch. Ich packte meinen Körper nicht, konnte mit ihm gar nicht umgehen. Viele Transmenschen gelangen an diesen Punkt, gehen aber ganz unterschiedlich damit um: Manche neigen zu exzessiven Lebensweisen, Drogen oder Alkohol. Das war bei mir nicht der Fall.

Mit 20 Jahren war bei mir der Ofen aus. ich packte meinen eigenen Körper nicht mehr und hatte einen Nervenzusammenbruch.

Hatten Sie Angst?

Ich hatte wahnsinnige Angst und Panikattacken vor meinem eigenen Körper. Angst, Krankheiten wie Brustkrebs zu bekommen, weil meine Großmutter daran gestorben war. Gerade mit so etwas belastet zu werden, obwohl ich gar keine Frau war: Da haben sich wahnsinnige Ängste aufgetan und ich habe mich stark zurückgezogen.

Was lässt einen zögern, sich seinen Liebsten damit anzuvertrauen?

Ich war immer ein extrovertierter Mensch, war immer der Teamleader, habe den Mund immer am weitesten aufgerissen. Nur bei diesem Thema habe ich nie gewagt, es offen auszusprechen, weil ich es vor mir selbst nicht getraut habe. Und weil ich Angst hatte, ob meine Eltern es verkraften. Die Angst, dass du die Leute verlierst, die du liebst – egal, ob nun deine Eltern oder deine Freunde –,  die ist bei allen da. Man stellt sich Fragen wie: Wie bringe ich es ihnen sensibel bei? Was ist, wenn sie mich im Stich lassen? In meiner Coaching-Arbeit habe ich leider wirklich erlebt, dass es bei manchen wahnsinnige Probleme gibt.

Wie wichtig ist es, zu sich selbst zu stehen?

Sobald du zu dir selbst stehst, können die anderen meist viel besser damit umgehen. Sie wissen dann, woran sie sind und wie sie mit dir reden sollen. Meine Eltern sind komplett hinter mir gestanden, meine Freunde, mein berufliches Umfeld. Wenn ich heute sage, dass ich es leicht gehabt habe, glauben mir andere nicht, weil der Leidensdruck ja trotzdem so stark war. Ich möchte auch auf gar keinen Fall noch einmal in der Pubertät sein und das alles noch einmal durchmachen müssen, aber ich hatte den Rückhalt, und so waren die Operationen und Therapien für mich nicht schwer. So unglaublich es klingen mag: In einer solchen Situation freut sich jeder auf die beginnende Hormontherapie und auf die Operationen.

Wenn Menschen im falschen Körper geboren wurden, ist der offizielle Begriff „Transsexualität“. Sie betonen allerdings das Wort „Transidentität“.

Ich glaube, dass das irgendwann einmal falsch übersetzt wurde. Im Englischen bedeutet „transsexualism“ etwas ganz anderes. Sex ist Gender ist Geschlecht. Bei uns müsste es „Transgeschlechtlichkeit“ oder eben „Transidentität“ heißen, weil es mit der Identität zu tun hat, die in dir steckt, nicht mit der Sexualität. Uns steht die Bandbreite der sexuellen Orientierung ja auch offen. Du kannst genauso homo-, hetero- oder bisexuell sein, wenn du transident bist.

9. Oktober 2019