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Sam Schweiger: Im falschen Körper

Sam Schweiger kam als Mädchen zur Welt. Schon als Kind wusste er: Ich bin keine Frau – aber macht mich das automatisch zum Mann? Transidente Menschen wie er sind im falschen Körper geboren und müssen oft einen langen Weg gehen, bis das äußere und innere Erscheinungsbild zueinanderpassen. Nach jahrelanger Psycho- und Hormontherapie, Namens- und Personenstandsänderungen und mehreren geschlechtsangleichenden Operationen ist Schweiger heute ein ganz normaler Mann und arbeitet als Coach, um anderen Betroffenen zu helfen. In OOOM spricht er über den langen Weg zum neuen Geschlecht, Ängste, Nervenzusammenbrüche, ungeplante Outings und die Vorteile, beide Geschlechter erlebt zu haben.

Claudia Huber9. Oktober 2019 No Comments
sam schweiger transgender ooom magazin

Wie geht der Weg zum „richtigen“ Geschlecht konkret?

Es beginnt mit Therapie, Hormonen – Blockern und dann gegengeschlechtlichen – und endet schließlich mit den geschlechtsangleichenden Operationen. Transidente Menschen fangen heute immer früher damit an, diesen Weg zu bestreiten. Zu uns in die Beratungsstelle kommen mittlerweile 12- bis 14-Jährige. Die Jungen wissen heute durch das Internet einfach schon mehr, womit sie es zu tun haben und welche Angebote es gibt. Ich bin damals noch in die Bibliothek gegangen und musste mühsam Bücher darüber finden. Seit ein paar Jahren gibt es neue Behandlungsempfehlungen in Österreich, die das ganze Prozedere von früher etwas gelockert und verbessert haben. Man kann mittlerweile schon vor der Volljährigkeit mit den gegengeschlechtlichen Hormonen anfangen und auch operiert werden. Dafür braucht man natürlich das Einverständnis der Eltern und die engmaschige Zusammenarbeit der Therapeuten und der Ärzte. Manche werden sehr ungeduldig und würden am liebsten eher heute als morgen anfangen. Es ist trotzdem notwendig – egal, wie alt du bist –, dass das ein gut begleiteter Weg ist.

Wie war die Situation davor?

Früher musstest du dich gerichtsmedizinisch untersuchen lassen, ob du wirklich eindeutig weiblich oder männlich warst. Du durftest den Personenstand auch erst ändern, wenn du unfruchtbar warst und dich gezwungenermaßen einer Operation unterzogen hast. Heute ist das alles freiwillig. Wenn du jetzt die Diagnose hast, ist das seit Ende der 2000er-Jahre ausreichend, um Namen und Personenstand zu ändern. Früher gab es darüber hinaus einen Alltagstest, wo du ein Jahr lang in deinem Wunschgeschlecht leben musstest, ohne dass du Hilfsmittel bekommen hast. Das war ein psychologischer Wahnsinn! Wie sollst du das am Arbeitsplatz leben, wenn dich eigentlich keiner so wahrnimmt und du womöglich noch mehr gemobbt wirst als zuvor? Keiner, der  sich eigentlich als Mann fühlt, wird vorher im Minirock herumlaufen.

Keiner, der sich eigentlich als Mann fühlt, wird vorher im Minirock herumlaufen.

Wo liegen die größten Schwierigkeiten im Alltag eines Transidenten?

Anders als bei der sexuellen Orientierung ist eine Identitätsänderung ja doch etwas, das man gezwungenermaßen nach außen tragen muss. Wenn du gerade mittendrin im Angleichungsprozess bist, ist es da sehr schwierig. Das Toilettengehen ist ein gutes Beispiel: Wenn du Pech hast –  so wie ich früher –, kann es durchaus passieren, dass du aus beiden rausfliegst. Und wenn man den Weg beginnt, während man schon in einem Arbeitsverhältnis steht, dann ist es unvermeidbar, dass man sich irgendwie outen muss. Ob das vor den Kollegen ist oder auch vor den Kunden, weil du deinen Vornamen änderst und dann auch noch „Herr“ statt „Frau“ in den E-Mails schreibst. Hinzu kommt: Schulen müssen sich an die Gesetze halten. Solange noch keine Namensänderung und keine Personenstandsänderung passiert ist, wird derjenige, wenn die Lehrer oder die Direktion nicht mitspielen, so angesprochen, wie es im Datenstammblatt steht. Und es ist natürlich eine extrem schwierige Situation, wenn sich jemand männlich fühlt und dann beim Mädchenturnen mitmachen oder auf die Mädchentoilette gehen muss.

Ab wann kann man wirklich mit dem alten Geschlecht abschließen?

Wenn du deinen Personenstand änderst, bekommst du eine neue Geburtsurkunde. Im Geburtenbuch am Standesamt ist aber ein Leben lang auch das Original ersichtlich. Auch Schulen werden zwar vom Ministerium dazu angehalten, sind aber nicht dazu verpflichtet, Zeugnisse umzuschreiben. Wenn man Pech hat, wird das Maturazeugnis nicht umgeschrieben und man kann sich nicht bewerben, weil jeder sieht, was vorher der Fall war. Oder man war als transidenter Mann in der Jugend auf einer Mädchenschule. Oder man wird von zu Hause weggeholt, weil die Eltern damit nicht umgehen können. Wo bringst du denn jemanden unter, der momentan noch biologisch weiblich ist? Dann muss man vielleicht ins Frauenhaus, und dann kommt später die Frage: „Wieso warst du denn dort, wenn du doch ein Mann bist?“ Es gibt also gewisse Situationen, wo es total kompliziert wird.

Es ist eine extrem schwierige Situation, wenn sich jemand männlich fühlt und dann beim Mädchenturnen mitmachen und auf die Mädchentoilette gehen muss.

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Wie gehen die Betroffenen in Extremfällen damit um?

Es gibt Leute, die ihre Vergangenheit dann komplett verneinen. Die entwurzeln sich selbst, ziehen ganz woanders hin, in eine andere Stadt, ein anderes Land, verbrennen ihre alten Fotos, löschen ihre komplette Vergangenheit aus. Weil es zu sehr schmerzt. Für mich war das nie so, aber es kommt darauf an, wie die Umstände sind. Ich bin behütet aufgewachsen, ich hatte es nicht schwer, bis eben meine eigene Schmerzgrenze überschritten war und ich dann die notwendigen Schritte gesetzt habe. Aber ich verstehe auch, wenn viele junge Menschen sagen: „Ich halte das nicht aus!“ Denen ist viel Schlimmes passiert, bis hin zu körperlichem Missbrauch. Trotzdem muss man sich im Klaren sein: Nur, weil man vor seiner Vergangenheit davonläuft, sind nicht alle Probleme von früher weg. Man trägt diesen Binkel an Ängsten und Problemen trotzdem mit sich mit.

Sind Erwartungshaltung und Realität oft weit voneinander entfernt?

Die Leute glauben häufig, sie gehen ins Krankenhaus und kommen dann einfach nach ein paar Tagen wieder raus –  und alles ist erledigt. Dass man vielleicht öfter operiert werden muss, dass es eine psychische Durststrecke geben kann, dass man am Boden sein kann – damit rechnen viele nicht. Körperlich und seelisch ist das eine große Belastung. Ich rate den Menschen immer, trotz abgeschlossener Angleichung in der Therapie zu bleiben. Man muss mit jemandem darüber reden und man kann nicht alles dem Partner oder den Freunden aufbürden.

9. Oktober 2019