InspirationMagazin

Sam Schweiger: Im falschen Körper

Sam Schweiger kam als Mädchen zur Welt. Schon als Kind wusste er: Ich bin keine Frau – aber macht mich das automatisch zum Mann? Transidente Menschen wie er sind im falschen Körper geboren und müssen oft einen langen Weg gehen, bis das äußere und innere Erscheinungsbild zueinanderpassen. Nach jahrelanger Psycho- und Hormontherapie, Namens- und Personenstandsänderungen und mehreren geschlechtsangleichenden Operationen ist Schweiger heute ein ganz normaler Mann und arbeitet als Coach, um anderen Betroffenen zu helfen. In OOOM spricht er über den langen Weg zum neuen Geschlecht, Ängste, Nervenzusammenbrüche, ungeplante Outings und die Vorteile, beide Geschlechter erlebt zu haben.

Claudia Huber9. Oktober 2019 No Comments
sam schweiger transgender ooom magazin

sam schweiger transgender ooom magazin

Wie findet man als Transidenter einen Partner?

Im Coaching kommt oft die Frage: „Ich habe jemanden kennengelernt. Wann ist der beste Moment, mich zu outen? Gleich am Anfang, zwischendrin oder gar nicht?“ Ich denke, Offenheit und Ehrlichkeit währt immer noch am längsten. Wenn du nach Jahren mit so etwas Massivem rausrückst, dann können da ganz furchtbare Probleme auftauchen, etwa wenn es um den Kinderwunsch geht. Ich weiß aber auch von einer Transfrau, die mit ihrem Partner zusammenlebt und ihm das nie gesagt hat. Das ist zwar ein absolutes Extrem, aber aus Erzählungen kann ich sagen, dass dieses Thema bei vielen Männern nicht so gut aufgehoben ist. Männliche Partner von Transfrauen haben öfter Probleme als Frauen, die mit transidenten Menschen zusammenleben. Frauen sind bei dieser Thematik viel toleranter. Da geht es nicht primär darum, ob man fertig ist, ob man schon ein „ganzer Mann“ ist, ob man bereits einen Penis hat oder nicht. Für viele Frauen ist das für ein erfülltes Sexualleben nicht relevant. Als Transmann hat man ja den Vorteil, dass man auch die andere Seite kennt. Wir wissen halt besser wie die weibliche Anatomie funktioniert, als biologische Männer. Wenn ein biologischer Mann erfährt, dass die Frau an seiner Seite früher ein Mann war, tauchen oft heikle Bilder auf. Eine der meistgestellten Fragen lautet: „Bin ich denn dann etwa schwul?“

Frauen sind bei dieser Thematik viel toleranter. Wenn ihr Partner transident ist, geht es nicht primär darum, ob er schon „fertig“ ist oder einen Penis hat.

Wie sind die meisten trans­identen Personen sexuell orientiert?

Aus meiner Erfahrung sind 80–90 % der Transmänner (Anm.: Männer, die früher Frauen waren) heterosexuell. Bei den Transfrauen (Anm.: Frauen, die früher Männer waren) ist es meist genau umgekehrt. Warum das so ist, kann ich nur spekulieren. Viele Transfrauen haben, zumindest früher, erst sehr spät mit dem Weg begonnen. Viele waren 40 bis 60 Jahre alt, haben Kinder, sind verheiratet und bleiben dann eher mit der Partnerin zusammen. Und viele Partnerinnen sagen auch: Das ist mein Lebensmensch und ich will mich nicht trennen. Das verlangt natürlich viel Kraft und Mut.

Wie sieht Ihre ehrenamtliche Arbeit aus?

Ich arbeite beim Transgender Team Austria, einem eigenständigen Verein. Die Leute kontaktieren uns mit ihren Fragen und wir helfen ihnen auch, wenn es darum geht, einen Therapieplatz oder einen fähigen Arzt zu finden, bzw. unterstützen sie bei der Jobsuche und bringen sie mit anderen in Kontakt. Wir machen auch Workshops, um die Arbeitgeber zu sensibilisieren, oder sind an Schulen unterwegs, um das Thema näherzubringen. Seit 2010 habe ich außerdem meinen eigenen Blog, wo ich meinen ganzen persönlichen Weg niedergeschrieben habe und mich Leute auch anschreiben können. Wenn Menschen sich bei uns melden, geht es viel darum: „Ich stehe am Anfang. Ich weiß nicht, was ich machen soll.“ Der erste Schritt wurde aber allein durch die Kontaktaufnahme schon gemacht. Viele fühlen sich allein dadurch bereits besser, weil sie endlich damit angefangen haben, etwas zu verändern und zu bewegen. Und es bestimmt ja auch jeder selbst, wie schnell und wie weit er beziehungsweise sie überhaupt gehen möchte.

Wo liegen die Diskrepanzen zwischen den Erfahrungen von Transmännern und Transfrauen?

Als Transmann kann man leichter in der großen Menge untergehen. Keiner wird dich so schnell erkennen. Wenn Transfrauen 1,95 m groß sind, einen kräftigen Körperbau haben und eine tiefe Stimme, ist das schwieriger. Je früher du damit anfängst und medikamentös blockst, desto eher wird es später keiner bemerken. Hier liegt die große Diskrepanz: Transmänner haben die komplizierteren Operationen, dafür sieht man die Angleichungen später weniger. Transfrauen haben weniger komplexe Operationen, dafür lässt sich das Äußere schwieriger anpassen.

Zwischen Life Ball und EuroPride hat man das Gefühl, dass die LGBTIQ (Lesbian/Gay/Bi/Trans/Intersexual & Queer) Community mitten in der Gesellschaft angekommen ist.

Man glaubt immer, es ist alles schon so tolerant und liberal und wir sind ja alle schon so offen und pro. Aber was die Gleichstellung vor dem Gesetz angeht, ist das noch nicht der Fall. Homosexualität wurde erst 1990 aus dem ICD-10 der WHO rausgenommen (Anm.: Internationale Klassifikationsauflistung von Krankheiten und Gesundheitsproblemen), aber Transidentität ist nach wie vor als psychische Krankheit geführt, vermutlich bis 2022. Ich finde es eigentlich witzig, dass wir mit unserem T überhaupt bei LGBTIQ dabei sind. Da wird wiederum Sexualität mit Identität vermischt. Ich verstehe daher, wenn Menschen mit den Unterschieden verwirrt sind. Wieso muss ich denn überhaupt alle in einen Topf schmeißen? Weil es alles „Randgruppen“ sind? Es gibt solch eine Vielfalt an Lebensweisen und es ist so schön, dass jeder so leben kann oder sollte, wie er will. Vielleicht können wir ja irgendwann aufhören, diese Dinge überhaupt zu benennen. Es gibt nicht die anderen und uns, sondern nur Menschen. Was ich immer gerne sage: Ich bin trans-(hu)man. Das passt gut zu mir und danach lebe ich.

Transgender Team Austria www.transgender-team.at

Sams Blog www.schweigsamer.at

 

Fotos: Roland Unger

9. Oktober 2019