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Schönheit im Alter durch Zufriedenheit?

Beim Wiener Stephansplatz findet man einen der führenden Dermatologen Österreichs, Dr. Michael Palatin. Er erklärt, was man für sein Aussehen tun und wie man bis ins Alter schön sein kann.

Georg Kindel26. April 2017 No Comments

Daily Soap vom Feinsten: Dr. Palatins Schafmilchseife, ein exquisites und beliebtes Geschenk. (Foto: Roland Unger)

Das heißt, wenn ich meinen Gesichtsausdruck verändere, verändere ich auch meine Psyche?
Die brasilianische Dermatologin Doris Hexsel hat 2013 eine sehr interessante Studie im „Journal of Dermatologic Surgery“ publiziert. Sie behandelte eine große Anzahl von depressiven Patienten, die alle mehr oder minder gleich depressiv waren. Alle hatten bereits eine klassische antidepressive Therapie, meist mit Tabletten und Gesprächen, hinter sich. Sie hat nun zusätzlich der Hälfte der Patienten die so genannten Zornesfalten – die meist senkrechten Falten zwischen den Augenbrauen – mit Botox blockiert. Dann haben Psychiater bei allen Patienten nochmals den Depressions­score erhoben, und siehe da: Die Botox-Behandelten waren deutlich besser und weniger depressiv als jene, die diese Botox-Behandlung nicht bekommen haben.

Gibt es die klassische Schönheit?
Wir haben bei der Schönheit Parameter, die sehr wichtig sind. Ohne Ausbildung können wir sagen, ob jemand schön ist oder nicht. Sogar Babys können das schon. Es gibt Studien, die zeigen, dass Babys lächeln, wenn ein schönes Gesicht in das Kinderbett schaut und weinen, wenn es eine hässliche Person macht. Es ist auch nicht kulturabhängig. Man hat bei der Attraktivitätsforschung indigenen Völkern am Amazonas Models gezeigt und sie haben sie als schön klassifiziert, im Gegensatz zu anderen, die auch wir als nicht schön empfinden. Der kulturelle Aspekt hilft da nicht. Wir mögen unterschiedliche Schönheitsideale haben, aber trotzdem erkennen wir eine gewisse Balance der Symmetrien, die wahrscheinlich magisch sind, die man aber trotzdem mathematisch festlegen kann.

Inwiefern spielt mit zunehmendem Alter die Ausstrahlung eine Rolle?
Im Alter passieren zwei Dinge. Einerseits ist natürlich durch die Facial-Feed­back-Hypothese vieles vorprogrammiert. Die Bewegungen des Gesichtsmuskels beeinflussen das eigene emotionale Erleben. Wer oft lächelt, wird vieles positiver sehen. Es gibt einen bösen Satz, der sagt, dass man mit fünfundvierzig jenes Gesicht hat, das man verdient. Der Charakter drückt sich dann im Gesicht aus. Das Mimikspiel, das über Jahrzehnte da war, hat sich dann im Gesicht niedergeschlagen. Das ist genauso wie jemand, der vierzig Jahre Liegestütze gemacht hat oder vierzig Jahre lang nur auf dem Sofa gesessen ist. Auch das sieht man am Körper. Jemand, der ständig missmutig ist, fünfundvierzig Jahre lang, wird kein fröhliches Gesicht haben.

Wenn so jemand zu Ihnen kommt, was machen Sie dann?
Ich sehe das als künstlerischen Beruf. Dann versuche ich, diese Schwäche durch das Ausgleichen der Proportionen in Ordnung zu bringen, weil das für die Person auch sicher emotional ein Gewinn ist. Es kommen aber auch Frauen mittleren Alters zu mir, die sagen: „Ich bin nicht deprimiert, wieso schaut mein Gesicht jetzt so traurig aus?“ Und da ist es mein Job, eine Harmonie zu erzeugen, die Sinn macht – nämlich mit Contouring.

Das bedeutet nicht immer unbedingt „Schönheit“, sondern auch jemandem zu helfen, das auszustrahlen, was er wirklich ist.

Können Sie aus jedem Menschen einen schöneren Menschen machen?
Nicht einen schöneren, vielleicht aber einen, der glücklicher wirkt. Ein Beispiel: Ich habe ein Model für einen Medizinkongress gebraucht und am Wiener Stephansplatz, wo meine Praxis in der Fußgängerzone liegt und man nur bis um zehn Uhr vormittags mit dem Auto zufahren darf, eine Auseinandersetzung mit einer Polizistin gehabt. Es war bereits zehn Minuten nach zehn. Sie war ziemlich unerbittlich und ich habe gesagt, wenn sie auf das Strafmandat verzichtet, mache ich ihr ein Lächeln ins Gesicht durch einen Filler. An und für sich war sie nämlich eine schöne Frau, aber mit einem sehr unzufriedenen Gesichtsausdruck. Also hab ich ihr ein Gesicht gemacht, das so aussieht, als ob sie letzte Nacht etwas  Tolles erlebt hätte. Sie war sehr glücklich darüber.

Gibt es Patienten, wo Sie sich denken. Da wäre eigentlich ein Therapeut wichtiger?
Ja, die schicke ich dann aber auch zum Therapeuten. Ich habe eine sehr gute und enge Kooperation mit einer Therapeutin. Wenn ich das Gefühl habe, gehe ich auch manchmal einen Handel mit dem Patienten ein. Dann sage ich: Ich behandle Sie nur, wenn Sie vorher mindestens einmal dort waren und mit ihr besprochen haben, was man bei Ihnen tun sollte. Das löst sehr viele Dinge, dadurch sind auch sehr viele Patienten viel entspannter geworden.

Wer sind die führenden Schönheitsärzte am Weltmarkt?
Landspezifisch darf man überhaupt nicht denken. Bei uns ist immer der Glaube, dass alles, was aus Amerika kommt, immer sehr toll sein muss. Das ist gar nicht der Fall. In Amerika wird das viel kürzer gemacht als bei uns, ich finde auch generell auf einem viel niedrigeren Niveau, mit ästhetisch durchaus schlechteren Ergebnissen. Am höchsten entwickelt sind sicher die Experten in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Skandinavien. Dann kommt das südliche Europa, wobei – in Spanien und Italien sieht man teilweise sehr überspritzte Lippen. Die „dritte Welt“ in der Schönheitsmedizin, also die, die oft schlechte Ergebnisse liefert, ist der Ostblock und Russland. Ich verstehe es aber irgendwie, weil dort ist es keine Korrektur des Äußeren, sondern es geht meist um das Sozialprestige, das man sofort sehen muss. Je mehr in deinen Backen drinnen ist, desto höher stehst du. Es gibt generell eine Entwicklung hin zum Guten, zu harmonischen Arbeiten. Ich würde mal sagen Amerika ist dabei zwischen zweiter und dritter Stelle, nicht weiter.

26. April 2017