Inspiration

Schreiben für die Seele. Wer Gedanken und Gefühle zu Papier bringt, setzt mächtige Heilkräfte in Gang

Auch die Wissenschaft schwört heute auf die Poesie-Therapie. Ela Angerer ist Schriftstellerin und erlebt die verblüffende Wirkung immer wieder.

Ela Angerer16. Mai 2017 No Comments
Porträt von Ela Angerer, fotografiert von Heribert Corn

Seit ich denken kann, gibt es sie, wo immer ich bin: Kleine Bücher, in die ich notiere, was mich beschäftigt und bewegt, wofür oder wogegen ich noch kein Rezept gefunden habe, Träume, Skizzen, Ideen. Dazwischen immer wieder: die Gedanken anderer, berühmte Zitate, Gedichte, Sprüche, Filmdialoge, hineingeklebte Fotos und Zeitungsausschnitte.  An die fünfzig Notizbücher, Hefte und Blöcke sind so mit den Jahren zusammengekommen. Ein Großteil von ihnen stapelt sich in einem Karton in meinem Kleiderschrank. Bloß die ersten, aus meiner Schulzeit – damals nannte ich sie noch Tagebücher – habe ich als junge Erwachsene leider alle vernichtet. Zu groß war meine Scham über das, was sich darin fand: naives Pathos und jugendliche Wut auf meine Eltern, in schöner Schreibschrift mit der Füllfeder über die Seiten gedonnert. Heute bereue ich, dass es diese Zeugnisse meiner Verzweiflung nicht mehr gibt. Doch wer weiß, wie oft ich darin überhaupt noch blättern würde? Damals hatten sie ihren Zweck erfüllt.


Ein mächtiges Instrument. Warum schreiben wir Dinge auf? Was macht das mit uns, wenn wir Gefühle und Erlebtes festhalten? Meistens tun wir es einfach, regelmäßig oder bloß in bestimmten Lebensphasen. Man sucht, verarbeitet, will sich erinnern. Bis zu einem gewissen Punkt in meinem Leben hatte ich mir nie Gedanken über diesen Prozess gemacht. Doch dann wurde plötzlich alles anders. Ich erfuhr körperlich und seelisch, was für ein mächtiges Instrument dieses Aufschreiben ist: Im Jahr 2013 entschloss ich mich, meinen ersten Roman zu verfassen. Nicht, um berühmt zu werden, sondern weil viele Dinge aus meiner Zeit des Erwachsenwerdens noch immer wie eine düstere Wolke auf mir lasteten. Manchmal war diese Wolke fast greifbar, als hätte ich bloß meine Arme nach oben strecken müssen. Sie schwebte über meinem Kopf und drückte mein ganzes Selbst nach unten. Ganz egal, wo ich mich gerade befand oder wohin ich im Begriff war zu gehen: Meine Wolke war immer da, wie ein zugestelltes Paket, das darauf wartet, geöffnet zu werden.

Früher konnte ich diese diffuse Ratlosigkeit relativ erfolgreich mit Drogen und Alkohol von mir fernhalten. Aber natürlich bezahlte ich für mein Verdrängen einen hohen Preis. Inzwischen lebte ich seit knapp 20 Jahren nüchtern. Die alten Methoden taugten nichts, so viel war mir klar, es mussten neue her. Instinktiv beschloss ich deshalb, mich hinzusetzen und mir diese Wolke endlich vom Leib zu schreiben. „Bis ich 21 war”, so der Titel meines ersten Buches, wurde ein so genannter autobiografischer Roman, was so viel bedeutet wie: Vieles hat der Autor oder die Autorin selbst erlebt. Trotzdem handelt es sich nicht um einen Tatsachenbericht, einige Fakten und handelnde Personen wurden ausgetauscht oder überhöht. Erlebtes wurde zu einer fiktiven Geschichte verdichtet.

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