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Sergio Canavero: Der Mann, der die Medizin revolutionieren will

OOOM FACES #3: Prof. Sergio Canavero, Neurochirurg aus Turin, will das menschliche Leben revolutionieren. Gemeinsam mit Forscherteams aus den USA und Südkorea plant er die erste Kopftransplantation der Welt, die für gelähmte Menschen ein neues Leben ermöglichen soll. OOOM sprach mit dem Medizinpionier, den eine Frage ganz besonders beschäftigt: Gibt es ein Leben nach dem Tod?

Georg Kindel16. März 2017 No Comments
Foto: Piero Martinello / Guardian

Seine Ankündigung ging durch alle Weltmedien: Prof. Sergio Canavero, renommierter Neurochirurg aus Turin, plant die erste Transplantation eines menschlichen Kopfes. Bereits Ende 2017 soll es soweit sein. Von CNN bis zur New York Times, von Al Jazeera bis zum Guardian berichteten Medien über den Medizinpionier, der das letzte chirurgische Tabu brechen und dem Patienten Null ein neues Leben bescheren soll.

Was treibt jemanden an, ein solches Wagnis einzugehen? Und was würde es für die Menschheit bedeuten, wenn seine Mission tatsächlich erfolgreich wäre? OOOM sprach mit Prof. Sergio Canavero über sein riskantes Unterfangen, seine Motive, den Tod — und warum die erste Kopftransplantation der Welt auch unsere Sicht auf Glauben und Religion dramatisch verändern könnte.

Professor Canavero, Sie planen die erste Kopftransplantation der Welt. Haben Sie Erfolg, revolutionieren Sie die Medizin. Wird es ein Fehlschlag, erlebt die Wissenschaft eine ihrer dunkelsten Stunden. Wie gehen Sie mit dieser Verantwortung um?
Wenn wir erfolgreich sind, und davon gehe ich aus, wird die Medizin eine ihrer Sternstunden erleben. Aber ich sehe das anders als Sie. Wenn die Medizin versagt, Krankheiten wie Muskeldystrophie zu heilen und über Jahrzehnte sehr viel Geld in die Forschung gesteckt wurde, dann sind Eingriffe wie Kopftransplantationen für solche Menschen die letzte Hoffnung. Generell zeigt die Geschichte der Medizin, dass es keine Anstrengung gab, die wirklich in einer Sackgasse endete. Jeder einzelne Fehler, jeder gescheiterte Versuch, hat die Bemühungen in eine andere Richtung gelenkt. Thomas Alva Edison hat einen gescheiterten Versuch nach dem anderen gemacht, bevor er die Glühbirne erfand. Seine Kritiker sagten: „Aber du hast tausend Versuche benötigt, bevor es einmal funktionierte?“ Und er antwortete: „Die anderen 999 Versuche waren vielleicht nicht erfolgreich, aber sie führten mich auf den richtigen Weg, damit es beim 1.000 Mal klappt.“ In der Wissenschaft ist nichts umsonst. Stellen Sie sich vor, ich wäre Christiaan Barnard (Anm.: er führte die erste Herztransplantation durch), ich habe meinem ersten Patienten ein neues Herz eingepflanzt und er stirbt nach 18 Tagen. War das nun ein Erfolg oder ein Misserfolg?

 

Prof. Barnard schrieb Medizingeschichte. Ich habe ihn mehrfach getroffen, auch er hatte anfangs eine breite Front an Kritikern gegen sich. Ist es das Schicksal eines jeden Pioniers, anfangs angefeindet zu werden?
Schauen Sie, wir Menschen sind dumme Wesen. Jeder, der etwas anderes sagt, kann dies nicht in gutem Glauben tun. Unser Gehirn ist beschränkt. Das Gehirn wurde nicht geschaffen, um fortgeschrittene Technologie handhaben zu können, was eine Kopftransplantation zweifelsohne ist. Wann auch immer in der Geschichte der Medizin jemand kam und weiß statt schwarz sagte, attackierten ihn alle anderen – wie Schafe – und stellten ihn ins Eck. Nehmen Sie nur Pasteur und Semmelweis. Ignaz Semmelweis war ein Genie und die Menschheit sollte sich schämen, was sie ihm angetan hat (Anm.: Er bewies mangelnde Hygiene als Ursache für Kindbettfieber und hohe Sterberaten, seine Erkenntnisse wurden aber zu Lebzeiten als Unfug abgetan). Semmelweis starb in der Psychiatrie in Wien unter mysteriösen Umständen. Pasteur war geschickter. Er sagte: Meine Stärke liegt in der Hartnäckigkeit. Er war also ein Draufgänger, er hatte „Eier“.

Die braucht man, oder?
Um die Menschheit zu verändern, musst du mutig und ein Draufgänger sein – daran gibt es keinen Zweifel. Er machte etwas sehr geschickt: Er ging nicht durch die Akademie und wandte sich an Wissenschaftler, wie es Semmelweis tat, er wandte sich direkt ans Volk. Er machte öffentliche Vorführungen seiner Ideen und die Presse berichtete darüber.

Sie nutzen auch die Medien, um Ihre Ziele zu erreichen.
Medien sind wichtig: Sie schildern deine Ideen und Pläne und dann soll die Gesellschaft entscheiden, ob diese gut oder schlecht sind. Natürlich schreibe ich auch wissenschaftliche Arbeiten, mittlerweile die dritte zum Thema, aber welcher Kritiker liest die schon? Michael Sarr, der Herausgeber des amerikanischen Fachjournals „Surgery“, wird ein Symposium zum Thema Kopftransplantationen machen. Da werde ich auch wissenschaftlich meine Pläne im Detail offenlegen. Ich habe das anfangs nicht gemacht, denn ich wollte zunächst sehen, wie groß der Widerstand in Medizinkreisen ist, bevor ich alle Karten auf den Tisch lege.

Ihr Strategie ist also, über die Öffentlichkeit zu gehen, nicht über wissenschaftliche Gremien?
Genau, das wäre in diesem Prozess ein Hindernis. Wie wählen Sie einen Professor aus? Weil er eine wissenschaftliche Arbeit veröffentlicht hat? Nein. Sie können tausend Arbeiten schreiben, wie es viele Wissenschaftler tun, wenn sie viele Studenten haben und nur ihren Namen unter jede Arbeit setzen müssen. Das passiert überall, auch in Österreich. Ich habe auch viel publiziert. Aber was ist mit den Patienten? Hat sich ihre Situation dadurch verbessert? Nein, nur meine Karriere ist durch all diese Blätter verstärkt worden. Ich habe einen sehr guten Freund in Detroit, einen Top-Neurologen, der ALS erforscht (Anm.: eine unheilbare degenerative Erkrankung des Nervensystems), an dem auch Steven Hawking leidet. Alle zwei Jahre geht er mit einer Nachricht an die Öffentlichkeit, er hätte ein neues Gen gefunden. Ich frage ihn immer dasselbe: Schön und gut, aber was bringt deine Entdeckung den Patienten? Sie sterben, nach wie vor. Wogegen ich allergisch bin, sind Lügen. Daher habe ich so viele Feinde. Ich werde Menschen nicht dazu bringen, an Errungenschaften zu glauben, bei denen wir bisher versagt haben.

Die US-Technologiefirma INVENTUM entwickelte ein eigenes Virtual-Reality-System, um Patienten auf Prof. Canaveros Kopftransplantation vorzubereiten.

Haben wir in der Genetik versagt?
Bei einem Vortrag in den USA zeigte ich zwei Cover des Time Magazine, eines aus  dem Jahr 1994, das zweite von 2009. Im ersten wurde die Genetik als die größte Errungenschaft der Menschheit gepriesen, mit Gentherapie ließen sich schon bald Patienten mit Krebs oder Erbkrankheiten behandeln. 15 Jahre und Milliarden von Dollars später ist Krebs noch immer eine tödliche Krankheit, und weder bei Alzheimer noch Parkinson sind wir entscheidend weiter gekommen. Wir sind bislang gescheitert. Deswegen polarisiere ich in der Ärzteschaft so stark, denn ich sage offen: Die westliche Medizin ist gescheitert.

Wie wollen Sie die Operation konkret durchführen?
Wir haben zwei Patienten, einen anästhesierten, dessen Körpertemperatur auf ca. 10 Grad abgekühlt wird, und einen hirntoten Spender, die beide in Metallgestellen fixiert werden. Die Operationstische sind vielleicht zweieinhalb Meter voneinander entfernt. Wir trennen mit einer extrem scharfen Klinge zwischen den Halswirbeln C5 und C6 den Kopf vom Körper ab. Die oberen Teile der Metallgestelle mit den Köpfen werden getauscht, das dauert ca. vier  Sekunden. Danach beginnen wir sofort, Kopf und Körper wieder zu verbinden, das wird ein Marathon, der bis zu 72 Stunden dauern kann. Es werden rund 150 Mediziner und Helfer an diesem Drei-Tages-Marathon teilnehmen, ca. 80 davon werden Chirurgen sein. Die Arterien werden zuerst verbunden, um die Durchblutung des Kopfes zu ermöglichen, schließlich Luftröhre, Speiseröhre, Wirbelsäule und alles, was den Kopf mit dem restlichen Körper verbindet. Haben Sie jemals von PEG (Anm.: Polyethylenglycol) gehört? Es hat unglaubliche Eigenschaften. Bei einer Rückenmarksverletzung sollte man rasch PEG injizieren statt Cortison, wie es die letzten 25 Jahre gemacht wurde. Wir werden PEG in das Rückenmark spritzen, um das Wachstum von Nerven anzuregen. Nach der Operation wird der Patient rund drei Wochen im Koma gehalten, um Bewegungen zu vermeiden. Danach folgen Monate der Rehabilitation.