Inspiration

Sergio Canavero: Der Mann, der die Medizin revolutionieren will

OOOM FACES #3: Prof. Sergio Canavero, Neurochirurg aus Turin, will das menschliche Leben revolutionieren. Gemeinsam mit Forscherteams aus den USA und Südkorea plant er die erste Kopftransplantation der Welt, die für gelähmte Menschen ein neues Leben ermöglichen soll. OOOM sprach mit dem Medizinpionier, den eine Frage ganz besonders beschäftigt: Gibt es ein Leben nach dem Tod?

Georg Kindel16. März 2017 No Comments

Prof. Canavero beim Studium von Computertomografien des Kopfes — auf der Suche nach dem goldenen Schnitt. (Foto: Fotogloria, LUZ Photo)

Warum kann man nach einem Unfall Rückenmarksverletzungen nicht heilen, der Patient bleibt gelähmt? Und wieso soll Ihnen dies nun gelingen?
Stellen Sie sich eine Banane vor. Nehmen Sie diese in die Hand und zerquetschen Sie sie. Das passiert bei einem Unfall mit Ihrem Rückenmark. Da ist nicht mehr viel zu machen. Und dann nehmen Sie eine Banane und schneiden diese mit einer scharfen Klinge durch. Das machen wir bei der Transplantation. Hier die Enden zu verbinden, ist deutlich einfacher. Es ist bei zwei Patienten mit durchtrenntem Rückenmark bereits gelungen, die nun wieder gehen können. Die zerstörten Teile wurden entfernt, so waren zwei intakte Verbindungen vorhanden. Es ist unmöglich, dass alle Nerven wieder zusammenwachsen, aber zumindest bei einem Teil ist es möglich, bereits 10 bis 20% reichen aus. Einer der beiden Patienten begann nach 18 Monaten wieder zu gehen. Wir injizieren dann noch PEG und diese Kombination könnte der Durchbruch bei Verletzungen des Rückenmarks sein. Es kann sein, dass unsere Operation die Heilung für Millionen Menschen bringen kann.

Wann ist für Sie persönlich die Kopftransplantation ein Erfolg? Wenn Ihr Patient Stunden oder sogar Tage überlebt?
Für mich ist es dann ein Erfolg, wenn der Patient mindestens so lange lebt wie ein Organtransplantationspatient. Also keine Stunden oder Tage, sondern deutlich länger. Michael Sarr, der Herausgeber des renommierten medizinischen Fachjournals „Surgery“, schätzt die Überlebenschance des Patienten auf 98 bis 99 Prozent ein. Christiaan Barnards erster Herztransplantationspatient überlebte 18 Tage. War es ein Erfolg? Ein gigantischer, denn er veränderte die gesamte Medizin. Auch damals war es ein Wettlauf, denn in Amerika war ein anderes Team ebenso weit. Allerdings sah man dort ein ethisches Problem, also zogen die Südafrikaner mit Barnard an ihnen vorbei.

Welche Strategie verfolgen Sie, um als Erster durchs Ziel zu gehen?
Wie Sie wissen, war nicht eine Boeing das erste motorisierte Flugzeug, sondern die Kitty Hawk der Brüder Wright. Der erste Patient wird wahrscheinlich nicht laufen können, aber zumindest gehen. Je mehr die Technologie verfeinert wird, desto größer ist die Chance auf bessere Heilung. Der erste Patient wird also eine Kitty Hawk sein und keine Boeing.

Wie viel wird die Operation kosten?
Rund 20 bis 30 Millionen Dollar. Wenn man alles zusammenrechnet mit fast zwei Jahren Vorbereitung, allen Wissenschaftlern, dem technischen Equipment, das man zum Teil noch entwickeln muss, dann kann es bis zu 100 Millionen Dollar kosten. Das verdienen fünf Top-Fußballspieler im Jahr.

Wollen Sie deshalb die erste Kopftransplantation in China machen, weil China die westliche Welt in vielen Bereichen überholt hat?
China hat ein Kopftransplantationsprogramm, das von Xiaoping Ren geleitet wird. Ich habe ihnen angeboten, sie dabei zu unterstützen und es scheint, als kämen sie ohne mich da nicht weiter. Der Russe Valery Spiridonov wird daher auch nicht der erste Patient sein, dessen Kopf transplantiert wird, wie vielfach zu lesen war. China wird die Klinik und das Personal zur Verfügung stellen, ich werde assistieren, und der erste Patient wird demnach ein Chinese sein. Ich lerne bereits seit vier Jahren Chinesisch, habe mich mit ihrem Denken sehr beschäftigt und musste feststellen, dass sie in allem völlig anders sind als wir. Sie halten sich auch für viel smarter. Valery kann in China keinen neuen Körper bekommen. sondern nur in Russland oder im Westen. Ich kann seinen Kopf nicht auf einen chinesischen Körper verpflanzen. Wenn wir also Valery retten sollen, müssen wir das russische Transplantologie-Netzwerk einbeziehen. Das geht nur, wenn zahlreiche Kliniken involviert sind, um einen passenden Körper zu finden. So eine Entscheidung kann wohl nur von Präsident Putin ausgehen, doch die russisch-orthodoxe Kirche hat sich bereits dagegen ausgesprochen. Wir haben übrigens bereits zwei russische Wissenschaftler in unserem Team. Sie werden uns auch mit Perftoran ausstatten, einer Substanz, die uns hilft, das Gehirn während der Übertragung zu schützen. Die erste Kopftransplantation wird also kein medizinisches Unternehmen sein, sondern ein Rennen der Supermächte. Wenn also China als Erstes einen Kopf transplantiert, werden sie unter Beweis gestellt haben, dass China auch in der Medizin führend ist, sie werden den Nobelpreis gewinnen und ihren Supermacht-Status nach Technologie und Wissenschaft auch in der Medizin in Anspruch nehmen. Es wird also am Ende ein Rennen um den Nobelpreis sein, doch vorerst wird es darum gehen zu beweisen, dass wir falsch liegen, dass wir schwach sind und wir in der westlichen Welt eine solche Operation nicht zuwege bringen.