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Sergio Canavero: Der Mann, der die Medizin revolutionieren will

OOOM FACES #3: Prof. Sergio Canavero, Neurochirurg aus Turin, will das menschliche Leben revolutionieren. Gemeinsam mit Forscherteams aus den USA und Südkorea plant er die erste Kopftransplantation der Welt, die für gelähmte Menschen ein neues Leben ermöglichen soll. OOOM sprach mit dem Medizinpionier, den eine Frage ganz besonders beschäftigt: Gibt es ein Leben nach dem Tod?

Georg Kindel16. März 2017 No Comments

Sind Sie und Ihr chinesischer Partner Xiaoping Ren demnach knallharte Konkurrenten?
Nein, wir sind gute Freunde. Aber Xiaoping Ren ist nicht Xiaoping Ren— Xiaoping Ren ist China. Es gibt die lokalen Behörden, es gibt die Regierung und die Staatsführung. China hat die Technologie und alle erforderlichen Ressourcen, um eine solche Operation zu ermöglichen. Noch brauchen sie mich, aber es besteht kein Zweifel, dass sie die Kopftransplantation sofort alleine durchführen würden, wenn sie es könnten. Ich bin ein Europäer und ich liebe den Wettbewerb. Ich habe auch kein Problem, dass man mich beschimpft und mit Frankenstein vergleicht, selbst in Italien. Wir haben übrigens auch einen sehr erfahrenen österreichischen Arzt im Team, Dr. Karen Minassian.

Wo ist Ihrer Meinung nach der Sitz der Seele? Im Kopf?
Das ist eine enorm wichtige Frage. Seit den letzten 300 Jahren gab es einen Streit darüber, an dem die Wissenschaft ebenso wie die Kirche oder der Marxismus beteiligt waren. Vor sechs Jahren feuerten sie mich im Krankenhaus, bevor sie mich wieder einstellten, weil ich zwei Komapatienten wieder zum Erwachen brachte. Sie erinnern sich vielleicht an das italienische Mädchen, Eluana Englaro, das 17 Jahre im Wachkoma lag, bis sie es im Februar 2009 sterben ließen. Ihr Vater hatte die Sterbehilfe vor Gericht erkämpft. Das war, nachdem ich 2007 zwei Patienten nach über neun Monaten im Koma wieder erwecken konnte. Ich veröffentlichte die Fälle in einem renommierten wissenschaftlichen Journal, das am 17. Dezember 2008 erschien. Was passierte? Die politischen Parteien setzten sich für Sterbehilfe ein, nur die katholische Kirche war dagegen.

Glauben Sie an etwas, an Gott zum Beispiel?
Nein. Aber alle glaubten, ich sei auf Seiten der Kirche. Alles in Italien ist politisch kontrolliert. Leider halte ich die Italiener nicht aus. Das Essen ist das beste, die Kunst ebenso, aber alles andere ist im Arsch. Das ist leider die Wahrheit, und ich denke, Sie in Österreich verstehen das sicher besser als ich. Die politischen Parteien in Turin haben daher damals veranlasst, dass ich als Arzt gefeuert werde. Ich habe also eine Arbeit geschrieben: „Warum das Bewusstsein nicht im Gehirn sitzt.“ Auch amerikanische Bewusstseinsforscher kamen nach zahlreichen Experimenten an Epilepsie-Patienten zum Schluss, dass das Gehirn niemals Bewusstsein erzeugen kann. Nobelpreisträger John Eccles meinte, dass eine Zelle niemals Liebe oder Hass erzeugen kann. Dem kann ich nur zustimmen.

Aber wo sitzt das Bewusstsein dann?
Sehen Sie, es gibt ein spannendes Buch, das „Quantum Enigma“ heißt. Um das Atom zu verstehen, wurde die Quantenmechanik entwickelt. Zu ihrem Erstaunen stellten sie fest, dass mit ihrer Theorie Physik auf Bewusstsein trifft. Die Quantenmechanik spielt bei der Frage nach dem Bewusstsein eine anscheinend essenzielle Rolle. Woher kommt das Bewusstsein? Und was hat die Frage mit unserer geplanten Kopftransplantation zu tun?

Es geht wohl um die Frage nach dem Danach, ob es etwas nach dem Tod gibt?
Genau. Wir trennen den Kopf vom Körper. In dieser Phase gibt es keine Lebensaktivität, weder im Gehirn noch sonst wo im Körper. Der Mensch ist tot. Klinisch tot. Was ich mir erwarte ist, dass wenn dieser Mensch wieder ins Leben geholt wird, die erste reale Schilderung, was nach dem Tod tatsächlich passiert. Das heißt: Die Kopftransplantation gibt uns erstmals Einblick, ob es nach dem Tod ein Jenseits, den Himmel, ein Weiterleben oder was auch immer gibt.

Das könnte unser gesamtes Weltbild zum Wanken bringen.
Ich sage es Ihnen ganz ehrlich: Ich bin Wissenschaftler, ich bin Akademiker. Der wahre Grund, warum ich eine Kopftransplantation mache, ist nicht, um unheilbare neurologische Krankheiten und Störungen zu heilen. Es geht auch nicht darum, uns unsterblich zu machen, was ein anderer Aspekt ist, mit dem wir uns noch beschäftigen müssen. Ich mache es, um zu beweisen oder zu widerlegen, dass unser Bewusstsein vom Gehirn erzeugt wird. Wenn wir beweisen können, dass unser Gehirn kein Bewusstsein erzeugt, werden zwei Dinge passieren: Die Religionen werden für immer hinweggefegt.

Wieso?
Man braucht sie nicht mehr, denn die Menschen müssen keine Angst mehr vor dem Tod haben. Sie wissen dann als wissenschaftliches Faktum, dass unser Bewusstsein oder was immer es ist, den Tod überlebt. Wir brauchen keine katholische Kirche mehr, wir brauchen kein Judentum und keinen Islam, weil man Religionen generell nicht mehr brauchen wird. Zweitens werden wir uns nach dem Sinn des Lebens fragen. Ich werde geboren, ich lebe, ich sterbe, dazwischen altere ich und werde krank. Was ist das Ziel in meinem Leben? Wenn wir die Hoffnung aus dem menschlichen Leben nehmen, aus der menschlichen Gleichung, was bleibt dann übrig? Was zum Teufel mache ich dann hier eigentlich?

Eine deprimierende Erkenntnis.
Darüber denke ich viel nach. Es wird bedeutsam und ein Bruch in der menschlichen Geschichte, wenn wir endlich beweisen können, worüber seit Jahrhunderten diskutiert, debattiert und was in Frage gestellt wird. Ich bin für das Leben, ich glaube an das Leben, sonst hätte ich auch keine Kinder.

Sie leben in Italien: Wie werden die Kirche und der Papst reagieren, sollten Sie tatsächlich recht haben?
(Lacht) Sie werden mich verbrennen wie Giordano Bruno (Anm.: ein italienischer Astronom und Philosoph, der 1600 auf dem Scheiterhaufen endete, weil er die Unendlichkeit des Weltraums postulierte). Er ist einer meiner Helden. Robert J. White (Anm.: der amerikanische Neurochirurg machte die erste Kopftransplantation an
einem Affen)
steht ganz oben, aber Giordano Bruno belegt eindeutig Platz zwei. Bruno glaubte, dass Gott unendlich ist. Gibt es Paralleluniversen, Außerirdische? Religion war einige Zeit lang wichtig, um mit einer Welt umzugehen, die man nicht versteht. Als einer meiner Freunde, ein Journalist und Arzt, vor zwei Jahren erstmals über meinen Plan berichtete, ging er zu Monsignore Rino Fisichella (Anm.: Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben). Fisichella sagte zu ihm, für die katholische Kirche sei mein Plan kein Problem, denn die Seele sei außerhalb des Körpers — ich könne tun, was ich wolle. Wahrscheinlich glaubte er, mein Plan sei sowieso unmöglich. Die Russen sahen das anders, weil sie smart sind. Die russisch-orthodoxe Kirche verteidigte ihren Standpunkt, denn sie verstanden, dass, wenn ich Recht haben sollte, sie ein Problem bekommen. Das ist die Wahrheit. Religion bedeutet Macht. Und niemand will seine Macht verlieren. Man kämpft bis zum Ende, um den Verlust der Macht zu verhindern.

Was sagen Ihre Frau Francesca und Ihre beiden Kinder zu Ihren Plänen? Ist es für sie nicht gruselig, dass ihr Vater einen Kopf transplantieren will?
Meine Tochter hatte damit nie ein Problem, mein Sohn schon. Er ist sauer. Vor allem in Italien veröffentlichten sie üble Artikel über mich in den Medien. Er fand es nicht fair, dass mir niemand die Chance gab, mich zu rechtfertigen. Er macht Jiu Jitsu, also sagte ich ihm: Ich mache es wie ein Jiu-Jitsu-Kämpfer, ich lasse den Feind reden und schlage dann zu. Das verstand er. Meine Frau ist Künstlerin, sie macht wunderschöne Halsketten. Meine Familie hatte anfangs keinen wirklichen Standpunkt, aber sie unterstützt mich heute sehr. Denn sie weiß, ich werde mein Bestes geben, um sie und alle unsterblich zu machen.

16. März 2017