Inspiration

Sergio Canavero: Der Mann, der die Medizin revolutionieren will

OOOM FACES #3: Prof. Sergio Canavero, Neurochirurg aus Turin, will das menschliche Leben revolutionieren. Gemeinsam mit Forscherteams aus den USA und Südkorea plant er die erste Kopftransplantation der Welt, die für gelähmte Menschen ein neues Leben ermöglichen soll. OOOM sprach mit dem Medizinpionier, den eine Frage ganz besonders beschäftigt: Gibt es ein Leben nach dem Tod?

Georg Kindel16. März 2017 No Comments

Wie kam es überhaupt zu der Idee einer Kopftransplantation?
Mit acht Jahren sah ich liebend gerne eine Arztserie im italienischen TV. In dieser Serie retteten zwei Chirurgen immer ihre Patienten. In einer Folge hatte einer der beiden Ärzte selbst einen Autounfall und verlor kurzfristig sein Augenlicht. Sie machten eine Angiographie. Ich fand das extrem cool. Als ich dann noch eine Dokumentation sah über einen Chirurgen, der einen blinden britischen Patienten an den Augen operierte, sodass er wieder den blauen Himmel sehen konnte, beschloss ich, Kopfchirurg zu werden. 1979 brachte eine Spezialausgabe von „Scientific American“ über das Gehirn den endgültigen Ausschlag. Ich habe das Heft heute noch. Die letzte Studie darin war von Nobelpreisträger Francis Crick, der die DNA entschlüsselte, und in dieser schrieb er, dass es nichts Faszinierenderes gibt, als das menschliche Gehirn zu verstehen. Ich war damals 15 und verstand kein Wort davon, aber es war so spannend und faszinierend, dass mein Weg entschieden war: Ich werde Neurochirurg.

Und wann wussten Sie, dass Sie einem Menschen einen neuen Körper geben wollen?
Kurz danach las ich erstmals von Dr. Robert J. Whites Affenexperiment. Alle hielten ihn für verrückt, doch der Affe lebte, nachdem er seinen Kopf auf einen anderen Körper setzte.

Exakt acht Tage lang.
Er war erfolgreich. Er hat es bewiesen. Damals gab es noch keine Medikamente, um die Abstoßungsreaktion zu verhindern. Heute haben wir Immunsuppressiva. Er wusste auch nicht, wie man das Rückenmark wieder verbinden kann. Das Experiment hatte einen einzigen Zweck: zu beweisen, dass man einen Kopf transplantieren kann. Nichts anderes. Es war ein voller Erfolg. Damals schon dachte ich mir: Da wäre ich gerne dabei, wenn man den ersten menschlichen Kopf verpflanzt. Ich dachte, wenn ich mein Medizinstudium beginne, wird es wohl so weit sein. Doch nichts passierte. Damit war mir mein ganzes Leben lang klar, dass ich diesen Schritt gehen und Dr. Whites Weg fortsetzen werde.

Dr. White inspirierte Sie?
Er inspirierte mich und so wurde das zu meinem Lebensziel. Ich beschäftige mich damit also schon seit 30 Jahren.

Wenn Ihnen die Operation gelingt, bedeutet das automatisch Hoffnung für Millionen Menschen in einem Rollstuhl?
Diese Frage wird mir immer wieder gestellt: Warum machst du überhaupt eine Kopftransplantation, wenn du mit deiner Forschung Verletzungen des Rückenmarks heilen kannst? Die Antwort ist einfach. Eine Kopftransplantation bedeutet Heilung für Menschen, die an allen Gliedern gelähmt sind. Ihre Körper gehen durch verschiedene Phasen: ihr Zustand wird immer schlechter, bis Multiorganversagen droht. Es genügt also nicht, das Rückenmark zu reparieren, man muss den ganzen Körper austauschen.