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Sergio Canavero: Revolution in der Medizin

OOOM EXKLUSIV: Prof. Sergio Canavero, Medizinpionier aus Turin, plant die erste Kopftransplantation der Welt. In OOOM sagt er erstmals: Die Operation findet bereits innerhalb der nächsten zehn Monate in China statt, der Patient wird ein Chinese sein. Und: „In drei Jahren verpflanzen wir das erste Gehirn.“

Georg Kindel27. April 2017 No Comments

Prof. Sergio Canavero kann in wenigen Monaten Medizingeschichte schreiben. Bei einem Fehlschlag erlebt die Medizin eine ihrer dunkelsten Stunden. © Fotogloria / LUZ Photo

Gibt es bereits Kandidaten?
Ja, zahlreiche. Was nicht überraschend ist, da sich eine hohe Zahl von Freiwilligen aus der ganzen Welt dafür gemeldet hat. Die Entscheidung fällt aber erst unmittelbar vor der Operation und hängt auch vom Körperspender ab, der mit dem Empfänger in vielerlei Hinsicht kompatibel sein muss.

IN WENIGER ALS 10 MONATEN FINDET DIE ERSTE
KOPFTRANSPLANTATION DER WELT IN HARBIN IN CHINA STATT.
DER ERSTE PATIENT WIRD NICHT DER RUSSE VALERY SPIRIDONOV SEIN,
SONDERN EIN CHINESE. DER NÄCHSTE SCHRITT IST
DIE ERSTE GEHIRNTRANSPLANTATION.

Sind Sie in die Vorbereitungen involviert?
Selbstverständlich. Aber Xiaoping Ren leitet das Team vor Ort, das ist nicht nur aus sprachlichen Gründen notwendig. Wir sprechen jeden Tag via Skype miteinander und stimmen alle Schritte ab. Was Xiaoping Ren, der bereits im Team der ersten Handtransplantation der Welt war, vor Ort leistet, ist unglaublich.

Eines der großen Probleme der Kopftransplantation ist das durchtrennte Rückenmark so zu verbinden, dass die Nerven wieder eine Steuerung des Körpers und der Extremitäten ermöglichen. Experten halten es für unmöglich, dieses Problem zu lösen.
Dieses Problem ist nun gelöst. Wie im September 2016 bereits im Fachjournal „Surgical Neurology International“ von uns veröffentlicht, ist es gelungen, nach völliger Durchtrennung des Rückenmarks von Mäusen durch das von der Rice University unter Leitung von Prof. James Tour in den USA entwickelte Texas-PEG eine völlige Wiederherstellung der Funktionen und der Motorik zu erzielen. Das heißt: Die Mäuse konnten wieder laufen, die Nervenstränge wurden wiederhergestellt. Ich möchte nichts vorwegnehmen, aber was ich sagen kann ist: Es gab eine hohe Anzahl von kontrollierten Studien in Südkorea und China mit verschiedenen Tieren, die ohne jeden Zweifel beweisen, dass das Rückenmark völlig wiederhergestellt werden kann, und eine Bewegung wieder möglich ist.

Wird das Auswirkungen haben auf Menschen, die gelähmt im Rollstuhl sitzen?
Nach heutigem Wissensstand können wir davon ausgehen, dass eine neue Ära anbrechen wird, die vielen Menschen Hoffnung schenkt.

Wenn die erste Kopftransplantation tatsächlich stattfindet, revolutionieren Sie die Medizin. Was kommt danach?
Ich bin schon mitten drin. Wir planen die erste Gehirntransplantation der Welt, und ich halte es für realistisch, dass wir in spätestens drei Jahren so weit sind. Eine Gehirntransplantation hat viele Vorteile: Einerseits haben Sie fast keine Immunreaktion, das heißt das Problem der Abstoßung fällt weg, weil das Gehirn eine Art neutrales Organ ist. Wenn Sie einen Kopf mit Gefäßen, Nerven, Sehnen, Muskeln transplantieren, kann die mögliche Abstoßung ein massives Problem darstellen. Das ist beim Gehirn nicht der Fall. Was problematisch sein kann ist, dass nichts mehr von Ihrem ursprünglichen Körper nach außen gleich bleibt. Auch Ihr Kopf ist dann nicht mehr vorhanden, denn Ihr Gehirn wird in einem völlig fremden Kopf eingepflanzt.

Ist die Psyche da nicht ein ernsthaftes Problem? Können wir das gedanklich überhaupt fassen und damit umgehen?
Das schafft eine neue Situation, die sicher nicht ganz einfach sein wird. Aber denken Sie mal daran, was das bedeutet.

Eine Gehirntransplantation kann schon in drei Jahren Wirklichkeit sein.
Sie hat viele Vorteile. Es gibt praktisch keine Immunreaktion oder Ab­stoßung.
Und wir können versuchen, eingefrorene Gehirne zum Leben zu erwecken.

Was konkret?
Sagt Ihnen die Firma Alcor etwas?

Sie meinen das amerikanische Unternehmen, wo man seinen Körper nach dem Tod in tiefgekühltem Zustand aufbewahren lassen kann?
Genau. Sie konservieren den ganzen Körper oder wahlweise nur das Gehirn. Der Vorgang nennt sich Vitrifizierung, dabei wird der Körper auf minus 196 Grad gefroren und in flüssigen Stickstoff eingetaucht. Wie die Leute wieder zum Leben erweckt werden können, wissen sie bei Alcor allerdings auch nicht. In Interviews erklären sie, das sollen die Mediziner und Wissenschaftler der Zukunft entscheiden. Ein netter Gedanke, dass in 100 oder 200 Jahren jemand mit den eingefrorenen Gehirnen etwas anfangen kann. Für sie habe ich jetzt eine gute Nachricht.

Die da wäre?
Wir erwecken den ersten ihrer Patienten wieder zum Leben. Nicht in 100 Jahren, aber sobald die erste menschliche Kopftransplantation stattgefunden hat, also spätestens 2018, können wir den ersten tiefgefrorenen Kopf wieder versuchen zum Leben zu erwecken.

Das heißt, Sie wollen eines der eingefrorenen Gehirne in einen Spenderkörper transplantieren?
Exakt. Wir können also ausprobieren, ob die Methode funktioniert und das Einfrieren von Gehirnen tatsächlich Sinn macht oder ob man das ganze Prozedere vergessen kann. Ist Ersteres der Fall, wäre das die nächste Weltsensation und ein erster Schritt in Richtung ewiges Leben.

Das heißt konkret: Nach der Transplantation ist vor der Transplantation. Wenn der erste Kopf transplantiert ist, widmen Sie sich dem Gehirn?
Dieser Prozess läuft bereits. Wir arbeiten bereits parallel daran.

27. April 2017