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Pure Ekstase: Shachar Caspi über sexuellen Schamanismus

Indische Sexpraktiken, eine andere Art von Kamasutra, Orgien – alles Dinge, die vielen in den Sinn kommen, wenn sie das Wort „Tantra“ hören. Dabei steckt viel mehr dahinter als nur Lust, Sexualität und Orgasmen. Shachar Caspi ist einer der führenden Tantra-Lehrer der Welt. Tantra ist eine jahrtausendealte Tradition, die im Buddhismus und Hinduismus entstanden ist, um sich mit dem Göttlichen zu verbinden und sich als Ganzes eins zu fühlen.

Esther Sophia Artner8. Mai 2019 No Comments
Shachar Caspi tantra yoga ooom magazine

Shachar Caspi ist ein asketischer Mann, der schon vieles in seinem Leben gemacht hat. Er diente sieben Jahre lang als Team Commander bei der israelischen Luftwaffe. Er gründete eine Kaffeehauskette am Balkan. Er beschloss schließlich, sich tiefer auf die Suche nach sich selbst zu machen. Shachar ging nach Guatemala und studierte zwei Jahre lang im Mediations Center für spirituelle Studien „Las Pirámides del Ka“. In dieser Zeit durchlebte er lange Phasen der Ruhe, wo er auch bis zu 90 Tage in völliger Stille verbrachte. Nachdem er die Organistion „Less is More” gründete, die Firmen helfen soll Gedankenprozesse zu optimieren und dadurch ihre Produktivität zu steigern, hörte er eines Tages von der „International School of Temple Arts“ (ISTA). Und Shachar Caspi, dieser disziplinierte, empathische Mann, der Düsenjets ebenso pilotieren kann wie einen Ristretto in höchster Vollendung brühen, tauchte vollkommen in die schamanische Welt ein. Er ließ sich ausbilden, führt seitdem Workshops und startete seine eigene Organisation „School of Love“.

Sexueller Schamanismus. Shachar Caspi ist heute einer der bekanntesten Tantra-Lehrer der Welt. Er gibt Einführungen in sexuellen Schamanismus und erzählt davon, dass die meisten Menschen seiner Erfahrung nach Schuld und Scham empfinden, was ihre Sexualität betrifft. In seiner Arbeit legt er das Hauptaugenmerk darauf, eine Brücke zwischen Körper, Seele und Emotionen zu schaffen und die innere Gespaltenheit, die wir zum Beispiel durch Scham erleben, mit dem größeren Bewusstsein in Einklang zu bringen.

Sehnsüchte. Wenn man heute über Tantra spricht, stehen vor allem die sexuellen Aspekte im Vordergrund. Tantra wird als eine Art sexuelles Ritual beschrieben, das dazu dient, die Intimität zu steigern und eine Verbindung zwischen Kopf und Körper zu schaffen. Übersetzt wird dieser Begriff meist als „Instrument zur Erweiterung des Bewusstseins und Erkenntnis des Weltengewebes“. Der Körper wird als der Ursprung gesehen, als Tempel, den es zu pflegen gilt. Denn funktioniert der Körper nicht, leidet auch der Geist. Es geht darum, seine Sehnsüchte zu erkennen, Selbstliebe zu erfahren und das Tor zur inneren Zufriedenheit zu öffnen.

Gerade in der heutigen Zeit wird es immer wichtiger, auf sein inneres Verlangen zu hören und sich trotz der vielen Eindrücke, Zwänge und Erwartungen, die auf uns tagtäglich einprasseln, bewusst Zeit für seinen Körper zu nehmen. Shachar Caspi sagt über die Zeit, in der wir leben: „Wir haben schnelle Gedankengänge, was wiederum Stress kreiert und wir beschäftigen uns damit, wie wir am besten überleben. Wir haben nicht gelernt uns auszuruhen oder präsent zu sein. Wenn wir es schaffen, wirklich unserem Körper und Geist zu verbinden, dann verbinden wir uns mit der Option im Sein zu verweilen und finden Frieden in unserem Körper. Außerdem verbinden wir uns mit unserer Kraft. Wir haben solche Angst, damit verbunden zu sein, dass wir diese Quelle lieber mit Schuld und Scham zuschütten anstatt wirklich in unser Kraft zu leben”. Der physischen Kontakt wird als Weg zur psychischen Erfüllung frei gemacht und geebnet. Es geht um sinnliche Berührungen, sanfte Gesten,die den gesamten Körper stimulieren sollen. Innere Blockaden und belastende Gefühle werden gelöst und der Körper wird beim Tantra intensiv wahrgenommen.

Der Körper wird als der Ursprung gesehen, als Tempel, den es zu pflegen gilt.

Leben im Kopf. „Wir sitzen in der Schule und lernen viele Dinge, doch über unseren Körper und die empfundenen Emotionen wird uns nichts beigebracht“, weiß Shachar Caspi. „Als Erwachsene leben wir fast nur in unserem Kopf, wir sind nicht eins mit unserem Körper. Stress dominiert unser Leben und wir haben verlernt abzuschalten.“

Bei Tantra geht es darum, die Kräfte und Energien zu sammeln. Das Becken ist dabei ein wichtiges Zentrum. Meditation ist zwar ein guter Anfang, hilft aber noch nicht, sich mit seinem Körper zu verbinden. Denn genau dieser braucht viel mehr Aufmerksamkeit. Es gehe darum, zu erforschen, was dem Körper gefällt und wie man es schafft, die gesammelte Energie zu entfesseln. Die Sexualität ist ein wichtiges Mittel, um mit seinem Körper wieder eins zu werden und die verborgenen Sehnsüchte neu zu entdecken.

Inneres Tier. Yoga sei natürlich auch ein guter Weg, seinen Körper und Geist in Balance zu bringen. Für Shachar ist Yoga aber noch „zu kontrolliert. Wenn du dich voll und ganz der Sexualität und dem Verlangen deines Körpers hingibst, gibt es kein Halten und keine Kontrolle mehr.“ Man kann einfach loslassen und die Magie seines Körpers freisetzen. Dann passieren die unglaublichsten Dinge. Shachar Caspi glaubt, dass jeder Mensch ein „inneres Tier“ besitzt: „Je tiefer man mit seinem Körper verbunden ist, desto mehr lernt man über dieses Wesen. Dieses Wissen besitzt jeder von uns und es muss einfach wieder hervorgeholt werden, anstatt es weiter ins Verborgene zu drängen. Viele haben Angst davor, diese Türe zu öffnen, mehr über ihr Innerstes und ihren Körper zu erfahren, dabei ist es etwas ganz Natürliches.“ Ein wichtiger Schritt ist es anstatt im Überlebens-Bewusstsein in ein Hingabe-Bewusstsein zu gehen.

Dem Trend des sexuellen Schamanismus steht die Pornoindustrie gegenüber. Wobei sich einen Porno anzuschauen und sich selbst zu befriedigen nicht dazu führt, dass man völlig loslässt: „Man ist auf den Bildschirm fixiert und hört nicht mehr darauf, was der Körper eigentlich will. Nach dem Orgasmus dreht man den Film ab, verspürt eine kurze Befriedigung, ist aber weit von dieser Magie des Tantra entfernt.“

Also ich ihn um seine Meinung frage meint er: „Ich glaube nicht, dass sie im Konflikt sind, weil dann sind wir immer noch in diesem Spiel: Was ist falsch und was ist richtig? Jedenfalls geht Tantra in eine grundlegend andere Richtung. Mit Tantra kannst du ein tiefsitzendes Trauma heilen – natürlich gehören dazu auch Orgasmen. Ich liebe diese Welt, weil es gibt keine Agenda mehr gibt. Die Gesellschaft hat wirklich unser Sex-Leben zerstört, wir sind so sehr kopflastig, dass viele Leute Sex wie eine Einkaufsliste abhaken: zuerst diese drei Positionen, dann mach ich es dir und du mir und dann sind wir beide glücklich und schlafen ein. Es wird zu einem Plan, nicht zu einem echten Treffen. Intimität kommt, wenn du nicht planst, wenn du wirklich im Sein bist. Manchmal ist es nur eine Massage, manchmal machst du Liebe, manchmal mit Penetration, manchmal ohne – aber da ist keine Leistung, kein Ziel. Sex ist eigentlich gar nicht Sex. Es geht darum, sich zu treffen und gemeinsam zu erforschen, ohne Agenda.“

Beim sexuellen Schamanismus liegt das Hauptaugenmerk darauf, eine Brücke zwischen Körper, Seele und Emotionen zu schaffen.

Shachar Caspis Frau ist ist auch in der Welt des sexuellen Schamanismus zu Hause. Sie lernen beide voneinander und entwickeln sich gemeinsam weiter. Er ist sich sicher, dass auch ihre Tochter einmal in diese Welt eintaucht, da sie sehr frei erzogen wird und sich ihrer Sexualität nicht schämt. Will sie sich berühren, sei das in Ordnung: „Es macht für uns keinen Unterschied, ob sie ihre Nase oder ihre Vagina berührt. Um den Kindern von heute zu ermöglichen, eine tiefe Verbindung mit ihrem Körper herzustellen, würde ich über alles reden, um Schuld und Scham los zu werden. Der Körper soll als Tempel zelebriert werden, als etwas Wunderbares, dem man viel Aufmerksamkeit schenken muss. Wenn man heutzutage in Schulen von Sex spricht, bringt man das gleich mit Geschlechtskrankheiten und vielem Negativen in Verbindung. Dabei ist Sex etwas Herrliches, aber darüber redet kaum jemand.“

Workshop. Für Menschen, die die Reise in die Welt des Tantra antreten möchten, empfiehlt Shachar Caspi einen Workshop. Aus Büchern kann man zwar viel darüber erfahren, es gehe aber darum, Tantra zu erleben. Vielleicht funktioniert es nicht sofort: „Unseren Geist entwickeln wir ja auch ständig weiter, nur den Körper vernachlässigen die meisten. Es geht darum, den eigenen Wünschen zu lauschen, darauf zu achten, was einen glücklich macht.“ CVaspi rät dazu, ein paar Räucherstäbchen anzuzünden, gute Musik aufzulegen, sich an einen gemütlichen Ort zurückzuziehen und seinen Fingern die gesamte Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Anschließend soll man seinen gesamten Körper zärtlich und langsam berühren, darauf achtend, welche Stellen welche Gefühle auslösen, auf welche Berührungen der Körper am meisten reagiert, was sich gut anfühlt. Macht man das jeden Tag einen Monat lang, verspricht Shachar Caspi ein Gefühl von Lebendigkeit und innerem Gleichgewicht: „Ich bin Optimist und ich glaube, die Menschheit wird zur Selbsterkenntnis kommen. Ich liebe es dabei zu helfen uns zusammen zu bringen, damit wir uns mehr lieben können und miteinander verbunden fühlen.“

8. Mai 2019