Inspiration

Sieg der Sterne – Die Rückkehr der Veggie-Ritter

Als Mitgründer der Superfund-Investmentgruppe verkaufte Christian Halper 2010 seine Anteile und startete sein erstes vegetarisches Restaurant Tian, das mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet wurde, und beschäftigt sich seitdem mit dem globalen Bewusstseinswandel, innerer Weisheit und Spiritualität.

Georg Kindel28. April 2017 No Comments

Christian Halper mit Aleksandra Izdebska, die das Marketing und die Kommunikation der TIAN-Gruppe steuert. (Foto: Roland Unger)

Woran liegt das, dass Top-Köche nicht fähig waren, mit vegetarischen Produkten auf demselben Spitzenlevel zu kochen?
Das Thema wird oft einfach komplett ignoriert und die meisten konzentrieren sich nur auf gewisse Zutaten, die mit Fleisch und Fisch zu tun haben. Wenn jemand gut kochen kann und sich damit beschäftigt, dann kann er auch gut vegetarisch oder vegan kochen. Das ist einfach eine Frage des Fokus. Wenn das so eine hohe Resonanz in mir auslöst, dann muss ich dazu beitragen, dass sich das ändert. Da habe ich offensichtlich einen Auftrag mitgenommen in meiner Inkarnation. 2010 kam ein Freund und Koch auf mich zu und sagte, er würde gerne ein Lokal aufmachen und fragte, ob ich ihn unterstützen würde. Meine Antwort war: „Ja, wenn es vegetarisch ist.“ Das war der Startschuss. Dann traf ich Paul Ivic, der wiederum seine eigenen Ideen und Vorstellungen eingebracht hat. 2011 haben wir das erste TIAN eröffnet.

Waren Sie vom Erfolg überrascht?
Ich war erfreut. Angenommen, die Menschen würden sagen: Okay, ich ernähre mich so wie früher, einmal in der Woche Sonntagsbraten, ansonsten vegetarisch. Dann heißt das sechsmal in der Woche vegetarisch essen zu gehen oder selbst zu kochen. Jetzt schauen Sie sich mal die ganzen Speisekarten der Restaurants an: Es gibt kaum eine Auswahl an vegetarischen oder veganen Speisen. Fragen Sie mal die Menschen, ob sie für Massentierhaltung sind und ob sie gerne Fleisch aus Massentierhaltung essen, die mit Antibiotika gefüttert wurden. Jeder würde Nein sagen. Aber 98 Prozent des Fleisches kommt aus Massentierhaltung. Obwohl es die meisten nicht wollen, essen sie es, weil es nur den wenigsten bewusst ist.

Glauben Sie, wird man in 50 oder 100 Jahren zurückblicken und sagen: Was war das für eine barbarische Zeit, wo man noch Tiere geschlachtet hat, um sie zu essen
Ja, das glaube ich. International gibt es ja unterschiedliche Unternehmen, die sich damit auseinandersetzen, pflanzliche Produkte herzustellen, die wie Fleisch schmecken. Es gibt viele Menschen, die auf das gewohnte Geschmacks­erlebnis nicht verzichten, wollen und solche Produkte können bei der Umstellung helfen.

Das US-Start-up Impossible hat einen rein pflanzlichen Burger entwickelt, der wie Fleisch schmeckt. Ein Multi-Milliarden-Dollar-Business. Würde es Sie reizen, auch in diese Richtung zu gehen?
Nein, gar nicht. Ich glaube, es ist besser, zurück zur Natur zu gehen und pflanzliche Naturprodukte, die es sowieso schon gibt, möglichst gut aufzubereiten. Da gibt es tolle Kombinationen und einen großen Bereich an Pflanzen, die man noch gar nicht kennt, die sensationell schmecken. Die Kombination Lauch, Vanille und Morchel zum Beispiel, die ist so genial, das muss man geschmeckt haben. Man muss mal überlegen, wie viele Arten von Pflanzen gibt es, die der Mensch kultiviert und konsumiert: Das sind ungefähr 7.000 Arten. Von den Sorten spreche ich hier gar nicht mal. Reis ist eine Art, Mais ist eine Art usw. Im Fleischbereich gibt es genau 35. Sie müssen nur schauen: Wie groß ist der Unterschied zwischen Rindfleisch, Schweinefleisch, Pute – und wie groß ist der Unterschied zwischen Vanille, Tomaten, Oregano? Wo ist mehr Vielfalt?

Was planen Sie mit TIAN noch?
Ein wichtiges Ziel war, zu zeigen, dass man im vegetarischen Bereich auf High-Level Gourmetküche kochen kann. Das finde ich als Statement wichtig. So wie Tesla mit seinem Sportwagen gezeigt hat: Elektromobilität kann echt spritzig und sexy sein. Der zweite Schritt ist auch ähnlich zu Tesla: dass man eine größere Menge erreicht. Man geht ja nicht täglich ins Gourmet-Restaurant, weder hat man die Zeit noch das Geld. Wir sind gerade dabei, ein Bistro-Konzept zu entwickeln, das für alle Menschen gut passt und multiplizierbar ist. Wenn das Konzept ausgereift ist, können wir an mehreren Plätzen vielen Menschen vegetarisches Essen näherbringen. Und zwar in einer Form, in der es richtig gut schmeckt.

Gibt es Schnittstellen zwischen den Dingen, die Sie auf einer spirituellen Ebene interessieren, und dem TIAN?
Was wir geplant haben für heuer sind einige Vorträge im TIAN-Bistro in Wien am Spittelberg, wo wir Themen, die in eine spirituelle, auch bewusstseinserweiternde Richtung gehen, präsentieren. Ich werde Vorträge zum Thema vegetarische Ernährung halten. Was sind eigentlich die Vorteile, die Geschenke, die man dadurch bekommt.

Welche sind das?
Es sind sieben Geschenke der vegetarischen Ernährung. Vielleicht kommt da meine Mathematik-Freude durch, es ist immer irgendeine Zahl dabei. Erstens: Es nährt und schmeckt. Man muss es können und gute Zutaten haben, aber dann schmeckt’s. Das ist die Wirkung im Hier und Jetzt. Zweitens: Wie geht es mir danach? Wie schlafe ich? Das ist das Wohlfühlen. Da merke ich beim vegetarischen Essen, dass ich mich definitiv wohler fühle, als ich mich früher gefühlt habe nach einem Steak. Das Dritte ist die Gesundheit. Die langfristige Wirkung. Wenn ich heute etwas Ungesundes esse, muss ich nicht gleich ins Krankenhaus. Aber wenn ich das 10, 20, 30 Jahre mache, schaut es unter Umständen schlecht aus. Dann kann ich aber nichts mehr ändern, dann habe ich vielleicht irgendwelche Organe schon ruiniert. Viertens: Empathie und Liebe. Sie kennen das Resonanzgesetz? Alles, was Sie in den Kosmos rausschicken, kommt zu Ihnen zurück. Wenn man sich ansieht, wie lieblos Tiere gehalten und geschlachtet werden – wenn du das dann isst, bist auch du mitverantwortlich dafür. Du bist Mitverursacher. Wenn du die Angst am Teller hast, dann wirst du die Angst auch irgendwann selbst spüren. Ich habe es selbst teilweise erlebt, als ich noch Fleisch gegessen habe. Wie ich nach einem Stück Fleisch Panik hatte und weglaufen wollte – wahrscheinlich habe ich gespürt, was das Tier erlebt, wenn es geschlachtet wird.   

War Ihnen immer klar, dass Sie sensibel für so etwas sind?
Es ist mir im Laufe der Zeit bewusst geworden. Empathie und Liebe heißt: Ich behandle die Tiere entsprechend einfühlsam und liebevoll. Dann kann ich ja fast nur mehr vegan essen. Bei den ersten drei Punkten geht es nur um mich, beim vierten Punkt geht es um das „Du“ und um andere Wesen, da wird der Bereich schon größer. Beim fünften Geschenk geht es um noch etwas Größeres, nämlich um die Erde. Wir verursachen momentan durch das, wie wir essen, sehr viel Zerstörung und Leid. Der Hauptgrund für die globale Erwärmung ist Fleischkonsum. Oder auch die Meere werden massiv überfischt, für nur 1 % der Kalorien, die wir als Menschheit daraus generieren. Ein halbes Prozent davon kommt schon aus Aquakulturen. Dafür zerstören wir die ganzen Gewässer. Wenn wir so weitermachen, gibt’s in 30 Jahren in den Meeren, Flüssen und Seen praktisch keinen Fisch mehr, weil alle aufgegessen wurden. Wenn man sich für vegetarische bzw. vegane Ernährung entscheidet, tut man schon sehr viel. Das sechste Geschenk ist innerer Friede. Durch pflanzliche Ernährung wird man viel ruhiger und ausgeglichener. Und das fördert wieder die tiefere Meditation, die tieferen Einsichten und hat viele Implikationen. Das klingt zwar banal – innerer Friede. Aber wie sollen wir auf der Erde Frieden herstellen, wenn alle Menschen einen inneren Unfrieden haben? Das muss in uns anfangen. Durch die Ernährung kann man es unterstützen. Das siebte Geschenk ist, dass diese vorangegangenen sechs Geschenke die optimale Basis sind für die ganze Reise der spirituellen Entwicklung, der spirituellen Entdeckung, der Erinnerung. Wer sind wir eigentlich? Das ist ja eine ganz spannende Frage: Wer bist du? Beim fünften Geschenk, der globalen Heilung, geht es dann nicht mehr um das „Du“, sondern um das „Wir“, beim sechsten Geschenk geht es um die innere Beziehung zu Gott, und beim siebten geht es um alles. 

Was ist Ihnen wichtig im Leben?
Balance. Weil Balance hängt auch mit Sensibilität zusammen. Wenn du in deinem Leben etwas erlebst, was sich ungut anfühlt, dann steckt da schon Information drinnen: schau mal näher hin, da ist etwas nicht in Ordnung. Das ist wie eine Warnlampe im Auto. Viele Leute ignorieren das. Sie werden dann vielleicht krank, dann wird das Symptom bekämpft, sie ignorieren es weiter, dann werden sie chronisch krank usw. Die ganzen Impulse, für die man eine gewisse Sensibilität braucht, die sollte man einmal wahrnehmen und überlegen: Was ist da aus dem Gleichgewicht und wie kann ich die Balance wiederherstellen? Mir war dann irgendwann klar, trotz der Begeisterung für Finanzmärkte, dass es noch andere Themen in meinem Leben gibt, die auch ihre Aufmerksamkeit wollen. Und irgendwann war die Zeit reif, mich diesen Themen zu widmen.

28. April 2017