Das grüne OOOM

Zero Waste: Unhaltbar gut

Die globale Lebensmittelverschwendung ist unverständlich, solange selbst in Ländern wie Österreich und Deutschland Menschen armutsgefährdet sind und nicht wissen, wann die nächste warme Mahlzeit auf den Tisch kommt. Sie ist auch für acht Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Engagierte Vorbilder leben die Vision eines Planeten ohne Verschwendung und glauben an die große Veränderung. Raphael Fellmer von SIRPLUS erzählt in OOOM von seiner vorbildlichen Initiative.

Claudia Ohswald30. Juli 2020 No Comments
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Es war ein simples Youtube-Video, das sein Leben und seine Sicht der Dinge für immer verändern sollte: Es zeigte Frauen und Kinder, die versuchten, aus einer Mülltonne noch essbare Lebensmittel herauszuholen. Sie wühlten sich zwischen Müll und Abfällen durch, um alte Bananen, Brot und Gemüse zu finden. Mitten in unserer Wohlstandsgesellschaft. Mitten unter uns.

Krankes System. Wie krank muss ein System sein, wo täglich Tonnen von Lebensmitteln im Müll landen, während Teile der Bevölkerung nicht wissen, wo sie die nächste warme Mahlzeit herbekommen? Nicht in Afrika, sondern mitten in Europa: 320.000 Kinder und Jugendliche in Österreich sind armutsgefährdet, in Deutschland sind es fast zwei Millionen. Raphael Fellmer, 37, war fassungslos. Das war die Initialzündung für seine Mission.

Weltweit werden ein Drittel aller Lebensmittel verschwendet. Damit ließen sich alle Hungernden auf unserem Planeten vier Mal ernähren.

Von da an wollte der Berliner alles wissen über Nahrung, Verzicht, Verschwendung. Er trampte von Holland nach Mexiko – ohne Geld, ohne Handy, großteils per Anhalter. Er wollte zeigen, dass Lebensmittelverschwendung ein globales Phänomen ist. Weltweit werden ein Drittel aller Lebensmittel verschwendet. Diese Menge wäre ausreichend, um alle hungernden Menschen auf unserem Planeten vier Mal zu ernähren.

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Und er gründete mit Gleichgesinnten Foodsharing und SIRPLUS, mit denen er seit über zehn Jahren gegen die Lebensmittelverschwendung kämpft. Sein Modell: Über einen Online-Shop oder direkt bei Rettermärkten (so nennt er seine Supermärkte) können Menschen abgelaufene oder überschüssige Lebensmittel zu besonders niedrigen Sonderpreisen kaufen. Mehr als drei Millionen Kilo Lebensmittel wurden so gerettet, über 15 Millionen Menschen wurden damit erreicht und versorgt.

SIRPLUS und Foodsharing. Martin Schott, Mitbegründer von SIRPLUS und bester Freund Fellmers, war bereits während seines Studiums mit dabei. Mittlerweile sind es 75.000 Menschen, die bei Bäckereien, Supermärkten oder Marktständen Lebensmittel abholen, die die Tafeln nicht retten. Das Thema Lebensmittelverschwendung permanent im Hinterkopf, hat sich Fellmer überlegt, wie jeder Einzelne etwas verändern kann. Mit dem Ziel, dieses Thema in die Mitte der Gesellschaft zu bringen, startete er den Onlinehandel mit SIRPLUS und eröffnete zusätzliche „Rettermärkte“ (aktuell gibt es fünf). „Wir brauchen viel mehr Urvertrauen, nicht nur in unser Leben, in unser Schicksal, sondern auch den richtigen Fokus für unsere Zukunft“, meint Fellmer. „Man darf nicht nur über all diese Dinge sprechen, sondern muss sie zu Papier bringen, aktiv werden, Unternehmen gründen oder Initiativen vorantreiben.“

Riechen, schmecken, entscheiden. In Deutschland und Österreich gibt es seit rund 40 Jahren das Mindesthaltbarkeitsdatum. Es ist bei praktisch allen Produkten aufgedruckt, sogar bei Wasser und Salz. Viele glauben, wenn dieses Mindesthaltbarkeitsdatum, kurz MHD, überschritten ist, sei ein Produkt ungenießbar. Dies ist falsch. Es garantiert lediglich, dass das Produkt bis zum MHD in einem perfekten Zustand ist, quasi so, als ob es gerade die Fabrik verlassen hat. Ein original verschlossenes Joghurt bleibt in der Regel wochen- oder sogar monatelang im Kühlschrank haltbar. Und so verhält es sich bei vielen Produkten mit einem MHD. „Die Leute dazu zu bringen, dass sie wieder riechen, schmecken und schauen, sprich ihre Sinne sensibilisieren, bevor sie ein Produkt einfach wegschmeißen, das will SIRPLUS erreichen“, weiß Raphael Fellmer. Fellmer will nicht, dass sich der Konsument durch ein Datum „entmündigen“ lässt, das absolut nichts mit der tatsächlichen Haltbarkeit des jeweiligen Produkts zu tun hat.

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30. Juli 2020