Inspiration

Sister Lucy Kurien: Eine stille Heldin unserer Zeit

Es war das erste und einzige Mal in ihrem Leben, dass Schwester Lucy Kurien jemand wegschickte: Als katholische Nonne versah sie 1991 Dienst in Pune, Indien, als eine schwangere Frau vor ihrem gewalttätigen Mann Zuflucht suchte. Weil ihr Konvent nicht vorsah, Fremde nachts aufzunehmen, bat sie die Frau am nächsten Tag wiederzukommen. Doch ihr alkoholisierter Ehemann übergoss sie mit Benzin und setzte sie vor dem Kloster in Brand. Die Frau und ihr ungeborenes Kind starben. Von da an beschloss Schwester Lucy, Menschen selbstlos zu helfen. Sie gründete die Hilfsorganisation Maher, holte ganze Familien aus den Slums, baute 48 Häuser und konnte über 100.000 Menschen ein besseres Leben ermöglichen. Liebe ist das,was zählt, sagt die bescheidene Inderin, die die OOOM-100-Jury auf Platz 63 der inspirierendsten Menschen des Jahres wählte. Das Gespräch mit einer stillen Heldin unserer Zeit.

Christina Zappella-Kindel20. Dezember 2019 No Comments
sister luzy kurien ooom magazin

Wie reagierten die Kinder?

Als ich den Menschen zum ersten Mal über Schulbildung erzählte, lachten sie und meinten, ob das schon etwas für sie sei. Wir haben die Kinder, bevor wir sie in die normale Schule brachten, zuerst gewaschen und ihnen frische Kleider gegeben. Die Kinder blieben sonst die ganze Zeit in ihren schmutzigen Gewändern, ihre Mütter waren ja nicht zuhause. Natürlich wollten andere Kinder nichts mit ihnen zu tun haben. Unsere Frauen hatten viel zu tun, die Kinder zu baden und sie in die Schule zu bringen. Das erste Mädchen, das von dort in die Schule ging, wurde Lehrerin, das zweite wurde Krankenschwester. Ein anderes wurde Polizistin.

Der einzige Weg raus aus den Slums heißt Bildung?

Ja. Die anderen von dort haben gesehen, was Bildung alles schaffen kann und sind dann auch automatisch gekommen. Viele der Jungen von dort haben jetzt sehr gute Jobs in Firmen. Früher brauchten wir vier Stunden, um dort hinzukommen, weil es noch keine Straße gab. Die Leute dort brauchten zwei Stunden, um Wasser zu holen, weil es dort noch keines gab. Heute hat sich vieles verbessert.

Die Slums werden jedoch immer größer, wo kommen diese Menschen alle her?

Je mehr Städte entstehen, desto mehr Slums entstehen auch. Die Leute migrieren, weil sie Jobs suchen, haben aber kein Geld für Wohnungen. Sie kommen aus Dörfern und bauen sich Hütten, weil sie keine Steuern und kein fließendes Wasser bezahlen können.

Ehen werden sehr jung geschlossen.

Das ist die Kultur in Indien. Du heiratest sehr jung. Meine Mutter hat mit 14 Jahren geheiratet. In Kerala ist der Unterschied groß, weil die Alphabetisierungsrate fast 100 Prozent beträgt, dort heiratet keiner vor 22. Dort, wo ich arbeite, heiraten sie immer noch mit 16 oder 17 Jahren. Die Regierung hat gesetzlich geregelt, dass Mädchen erst mit 18 heiraten dürfen, aber das wird oft nicht beachtet. Es hat so viel mit der Kultur zu tun, dass man schwer dagegen ankämpfen kann. Wir erklären vielen Mädchen, was passiert, wenn man so jung heiratet.

Werden die Mädchen immer noch von ihren Eltern gezwungen zu heiraten?

Ja.

Frauen Stärke zu geben ist so wichtig wie nie zu vor. Wie kann jeder von uns seinen Beitrag leisten?

Jeder kann seinen Weg finden, etwas zu tun. Nicht jeder ist aber dazu bestimmt, etwas zu tun. Das Göttliche würde über uns alle kommen, aber nicht jeder kann es verstehen und darauf reagieren.

In den Slums ist es schmutzig, es stinkt. Männer liegen betrunken in den Häusern, Ratten gehen ein und aus. Wir wollen die Kinder aus diesem Umfeld holen.

Der Wille, ein möglichst gutes Leben zu führen, ist stark in uns verankert. Findet man auch in den Slums Frieden und Liebe?

Wenn Menschen aus den Dörfern in die Slums ziehen, sind das sehr oft nette Menschen. Ich habe erst letztens bei einem Besuch in einem Slum gesehen, dass sie dort Informatikstunden abgehalten haben. Ein Niederländer hat mehrere Häuser gespendet und Computer aufgestellt. Er hat uns auch geholfen, einen Kindergarten aufzubauen. Weil Bildung schon ganz früh beginnt.

Es gibt also diese schönen, friedlichen Seiten wie den Kindergarten, aber es gibt auch das restliche Leben im Slum. Männer, die betrunken in ihren Häusern herumliegen, ihre sechs Kinder oder mehr, die zu uns flüchten. Ratten, die durch die Löcher in den Hütten ein- und ausgehen. Essen, das eine Woche alt und voller Fliegen ist.

Sind Verhütungsverbote der Kirche nicht in solchen Situationen der falsche Weg?

Wir versuchen Bewusstsein darüber in der Bevölkerung zu schaffen. Ich bin einmal in den Norden von Indien gereist, dort war eine Familie, die elf Kinder hatte. Der Vater verdiente nur ganz wenig Geld als Rikscha-Fahrer. Sie waren katholisch und er war gegen Familienplanung. Die Frau war so überfordert damit, Essen für ihre elf Kinder zu besorgen, dass sie sich schlussendlich erhängte. Ihre älteste Tochter tat es ihr gleich, weil sie nun in der Rolle gewesen wäre, alle ihre Geschwister versorgen zu müssen. Die Nachbarn sind dann gekommen und haben die restlichen Kinder weggebracht. Einige sind verkauft worden, drei bis vier sind zurückgeblieben. Ich habe dann dort ein Haus gemietet, um die Kinder gemeinsam unterzubringen. Eines ist noch übrig, ein Junge. Die anderen wurden von Tanten und Onkeln weggebracht, aber er hat sich geweigert und geht jetzt dort in die Schule.

20. Dezember 2019