Inspiration

Sophia Stolz: Cake Art

Man nehme eine Portion Freigeist, ganz viel Kreativität, einen Teelöffel Wahnsinn, ein paar Gramm Genialität, eine Prise Mut, Ehrgeiz, haufenweise Disziplin ­und unendlich viel Leidenschaft – fertig ist das Kunstwerk. Sophia Stolz – unter ihrem Künstlernamen Stolzes bekannt – ist Cake Artist. Der Kuchen ist ihr ­Medium. Auf den Azoren aufgewachsen, kam sie mit acht Jahren mit ihren Eltern nach Wien und maturierte hier mit 18 Jahren. Die Kunstgeschichte-­Absolventin stand OOOM für ein Interview zur Verfügung und spricht über den Auslöser ihrer Backsucht, ihr kompliziertes Sein und ihre Träume.

Claudia Ohswald14. Januar 2022 No Comments

Wie wird man Cake Artist?
Ich bin in der Schule gemobbt worden, hatte keine Freunde und demnach unfreiwillig sehr viel Freizeit. Im Alter von 15 Jahren begann ich mich damit auseinanderzusetzen.

Warum gemobbt?
Es gab viele Probleme: Ich war gut in der Schule, bin komplett anders als der Rest der Klasse aufgewachsen, habe mich immer schon gerne schön angezogen, Alkohol und Drogen haben mich nicht interessiert und gesellschaftlich haben mich von jeher Ältere begeistert. Beschäftigung musste her. Und so kam es, dass ich meinen ersten Striezel gebacken habe. Da ich extrem und noch dazu ein Streber bin, begann ich ab diesem Zeitpunkt jeden Tag zu backen. Ich bin um sechs Uhr morgens aufgestanden, habe Rezepte aus dem 18. und 19. Jahrhundert auswendig gelernt, um diese auf meine Art und Weise am Nachmittag zu reproduzieren. Alle Rezepte der Back-Klassiker wollte ich bis ins kleinste Detail beherrschen. Mit 16 Jahren wurde ich jedoch psychisch krank und wollte nicht mehr leben. Mein Perfektionismus und der große Druck von außen erschwerten mir ein sorgloses Weiterkommen. Ich habe seit zehn Jahren Therapie. 

Wie kam es zu Ihrem Durchbruch?
Mein erster kreativer Ansatz auf Backware waren Lebkuchenhäuser. Mit 17 habe ich mir vor der Weihnachtszeit gedacht, dass die klassischen Lebkuchenhäuser hässlich und lieblos gefertigt werden, schon gar nicht modern. Die Menschen jedoch wollen immer in schicken, modernen Häusern leben. Ein Lebkuchenhaus aber ist alles andere als das. Deshalb machte ich Lebkuchenhäuser im Bauhausstil, feiner oder komplett überladen mit Swarovski-Steinen. Sie waren nicht essbar und für mich Kunstwerke. Das war die Initialzündung für mein geschäftliches Weiterkommen. Allerdings komme ich aus einer sehr intellektuellen Familie, wo ein Studium mehr wert ist als eine Ausbildung. Deshalb habe ich nach der Matura ein Jahr Zahnmedizin in München studiert. Dort hatte ich jedoch meine zweite richtig große Krise. Somit zog ich nach Wien zurück, ordnete mit Hilfe meiner Eltern meine Psyche und studierte Kunstgeschichte. Ein Studium zu beenden war Prämisse, damit ich mich endlich für meine eigentliche Leidenschaft, das Backen, entscheiden konnte.  

Sie machten sich selbst­ständig.
Mit 20 gründete ich meine erste eigene Firma: Ein Kunsthandel, ein Gallery Pop-Art Concept, wo ich junge Künstler von der Angewandten in der alten Post ausgestellt habe. Dass Ausstellungen zu einem Event wurden, mit Musik, Essen und gutem Wein, das war damals neu. Ein Erlebnis kreieren und dabei Kunst verkaufen, das machte mir Spaß und hat wahnsinnig gut funktioniert. So kam es, dass ich von Sotheby’s in London eingeladen worden bin, habe dort ein Praktikum gemacht und auch Kunst sehr gut verkauft. Doch mein Herz sagte mir, dass ich backen muss, denn Kunst kann ich mit 30 immer noch verkaufen.  Bereits für meine Kunstausstellungen habe ich Torten gebacken. Dadurch aufmerksam geworden, bestellten Ferdinand Sarnitz (Anm.: Sohn von André Heller und Sabina Sarnitz) und dessen Freundin bei mir eine „Crazy Halloween Torte“. Die damaligen Gäste der Halloweenparty wurden meine ersten Kunden. Jeder wollte eine noch herausragendere Torte. 

14. Januar 2022