Arts & Design

Spencer Tunick: Nackte Meister

Spencer Tunicks Installationen sind kolossal und episch, seine Werke gigantomanische Skulpturen, die Menschen - bisher über 100.000 - in ihrer Nacktheit vor grandiosen Kulissen darstellen. OOOM zeigt seine besten Arbeiten und sprach mit Tunick über Nacktheit, spektakuläre Inszenierungen, Verhaftungen, sein Vorbild Claes Oldenburg – und welche Rolle der Zufall bei seiner Arbeit spielt.

Gerald Matt 8. Mai 2019 No Comments
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Haben Sie eine Ahnung, wie viele Menschen bisher für Sie posiert haben?

Über 100.000 Menschen waren es insgesamt.

Was ist für diese Menschen das Attraktive an Ihren Projekten, für die sie sich in der Öffentlichkeit nackt ausziehen?

Die Leute, die für mich posieren, sind echte urbane Abenteurer, Straßen- und Körperbohemiens. Sie beteiligen sich aus verschiedenen Gründen. Einige, weil sie Teil des zeitgenössischen Kunstdialoges sein wollen, indem sie physisch in den Werken posieren. Andere wegen der Gemeinschaftserfahrung und des außergewöhnlichen Gefühls, im öffentlichen Raum nackt zu sein. Dritte aus psychischen Gründen bzw. zur Förderung einer sozialen Sache, von der sie überzeugt sind. Manche halten es für eine der wichtigsten Lebenserfahrungen, die sie gemacht haben. Im Gegenzug für die Teilnahme gibt das Museum oder die Institution, die mich beauftragt hat, ihnen eine limitierte Fotografie der Installation, an der sie teilgenommen haben.

spencer tunick ooom magazine

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Die meisten Menschen würden sich in der Öffentlichkeit nicht ausziehen, besonders in Nordamerika, wo die Menschen als prüde und puritanisch gelten.

In den Vereinigten Staaten war es vielleicht vor 20 Jahren noch so, dass die Menschen in der Öffentlichkeit nicht nackt sein wollten. Dies ist jedoch nicht mehr der Fall. Meine Arbeit ist seit vielen Jahren Teil der visuellen Sprache, und durch die Fülle an Halbnacktheit auf Instagram und in den sozialen Medien sehen immer mehr Menschen die kommunale Nacktheit als Kunst oder Freizeit an. Dass Menschen Schultern oder Beine berühren, wenn sie nackt sind, oder teilweise auf Fremde fallen, mache ich mittlerweile seltener in meiner Arbeit. Aber zu Beginn meiner Gruppentreffen wählte ich eine enge Positionierung, um den Körper in einen skulpturalen Organismus zu transformieren. Diese Nähe war meistens eine sehr neue Erfahrung und wurde von den meisten als großartig empfunden.

Einige ziehen sich nackt aus, weil sie Teil des Kunstdialoges sein wollen, andere wegen des Gefühls im öffentlichen Raum nackt zu sein. Oder weil sie einfach von der Sache überzeugt sind.

Wie hat alles angefangen?

Ich wusste in der Highschool, dass ich etwas Künstlerisches machen wollte. Ich interessierte mich für Collagen und Stop-Motion-Filme. Auf dem College in Emerson in Boston nahm ich an Filmkursen, einer Dada-Klasse und einer Fotografie-Klasse teil. Ich hatte so viele nicht erzählbare Ideen in meinem Kopf, die wahnsinnig schnell auf mich zukamen, und ich wollte alle einfangen. Ich war damals der Meinung, dass Fotografie der beste Weg ist, um meine Ideen zu verwirklichen.

Wann haben Sie begonnen, sich auf Akte zu fokussieren?

Ich habe in New York City am International Center of Photography (ICP) Fotografie studiert. Ich habe kein einziges Foto gemacht, als ich dort war, sondern meine Zeit damit verbracht, nur zuzuhören und zu genießen. In der Schulbibliothek entdeckte ich die Outdoor-Nacktperformances von Yayoi Kusama und die Arbeiten von Carolee Schneemann. Ich war fasziniert von den Dokumentationen ihrer Auftritte. Die meisten davon wurden von Freunden und lokalen Fotografen, nicht jedoch von den Künstlern selbst fotografiert. Dann dachte ich darüber nach, die Dokumentation einer Aufführung selbst zum Kunstwerk zu machen.

Waren Ihre Eltern stolz auf Ihren Erfolg?

Mein Vater besaß die Konzessionen für kommerzielle Fotografie in vielen staatlichen New Yorker Hotels, sodass ich immer von Kameras umgeben war. Meine Mutter war eine Künstlerin und Innenarchitektin, die die Parsons School of Design besucht hatte. Sie hat mich schon sehr früh nach New York City gebracht, um mir die Museen zu zeigen. Ich war fasziniert von Claes Oldenburgs Zeichnungen und Skulpturen und liebte die Architektur von Frank Lloyd Wright. Meine Eltern haben mich immer ermutigt. Mein Vater posierte für mich sogar gelegentlich nackt für Einzelporträts. Meine Großmutter war mein größter Fan; ich legte ihr Lieblingsfoto in ihren Sarg, als sie starb.

Was waren die Wendepunkte in Ihrer Arbeit?

Für meine Gruppenarbeiten experimentierte ich im Wesentlichen auf den Straßen der Stadt, und nur gelegentlich hatte ich das Gefühl, dass ich erfolgreich eine Fotografie gemacht hatte. Der performative Aspekt war für mich immer ein Erfolg, aber die daraus resultierenden physischen fotografischen Kunstwerke waren schwieriger umzusetzen. Die wichtigsten visuellen Veränderungen waren für mich das Anheben der Körper in eine aufrechte Position im Jahr 2003 und das Arbeiten mit Körperfarbe und weiteren Requisiten im Jahr 2010.

Warum nackt, warum im öffentlichen Raum?

Ich glaube, dass es Dualität und Gegensätze gibt, die durch das Arbeiten mit dem nackten Körper im Freien, frei von den Einschränkungen einer geschlossenen Umgebung, passieren. Es gibt die Idee der Reinheit und wie der nackte Körper als Botschaft gegen Unterdrückung und Böses benutzt wird, wie z. B. der nackte Aufstand der Gefangenen im Attica-Gefängnis oder die vielen nackten Aktionen in Mexiko, die von Arbeitern gegen korrupte Unternehmen eingeleitet wurden. Der Körper in weniger abgestumpften Ländern kann ein mächtiges Werkzeug für Veränderungen sein. Selbst die Vorstellung, in der Masse nackt zu sein, kann die Macht haben, etwas zu verändern, wie zum Beispiel in Nigeria.

Möchten Sie als Fotograf, als Performance-Künstler oder als Bildhauer bezeichnet werden?

Ich bevorzuge den Ausdruck „Fotokünstler“. Meine Arbeit ist eine fotografische Erfahrung, eine temporäre, ortsbezogene Installation, dokumentiert mit Fotografie und Video. Es gibt Elemente der Performance, Skulptur und Landschaftskunst in meinen Werken. Das Foto ist der primäre Bezugspunkt.

Wer und was war für Sie wichtig in der Entwicklung Ihrer künstlerischen Vision?

Claes Oldenburg, René Magritte, Rebecca Horn, Nancy Rubins, Robert Mapplethorpe, Herb Ritts, Richard Long, Robert Smithson, Ray Harryhausen, Harry Houdini, Steven Spielberg, John Dyk­stra, Michael Jordon.

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Was macht Ihre Arbeit einzigartig?

Ich denke, dass die große Anzahl von Leuten, aus denen die menschliche Skulptur besteht, das Werk einzigartig macht, ebenso wie die Beteiligung der Öffentlichkeit. Die Fähigkeit, über Megafone mit der Masse vor Ort fließend zu kommunizieren, ist logistisch wichtig. Auch das Internet spielt bei meiner Arbeit eine große Rolle.

Ihr Lieblingsprojekt?

Ich finde, dass meine Fotos mit dem Toten Meer perfekt funktioniert haben. Ich wusste, dass der Salzgehalt des Wassers die Körper höher an die Meeresoberfläche bringen würde, wodurch mehr über dem Wasser freigelegt werden würde. Diese Arbeit hat in der Kombination von Absicht und Träumen am besten geklappt.

Was ist das Verhältnis von Absicht und Zufall?

Die meisten meiner Arbeiten sind monatelang geplant. Allerdings probe ich meine Werke nicht mit Menschen, bevor sie wirklich stattfinden. Es gibt also immer wieder unvorhergesehene Momente und Zufälle. Dies zeigt sich in Arbeiten, die ich in Dublin, Irland, gemacht habe, wo eine große Fähre an den nackten Menschen vorbeifuhr und schlussendlich auf dem von mir gewählten Foto landete.

Wie wählen Sie die Örtlichkeiten aus?

Normalerweise werde ich von einem Museum oder einer Biennale eingeladen, um in ihrer Stadt zu arbeiten. Meistens wähle ich die Orte und Ideen aus. Aber ich bin offen für Vorschläge und nehme sie manchmal an. Meistens tue ich, was ich will, und die Museen helfen mir, die Vision umzusetzen.

Wie oft wurden Sie wegen Ihrer Arbeit verhaftet?

Fünfmal in New York, einmal in Monterey, Kalifornien, und einmal in Paris, Frankreich.

Zwischen Verhaftungen und Museen – ein Weg von Niederlagen und Erfolgen. Ihre größte Enttäuschung?

Ich hatte die Gelegenheit, mit den Vereinten Nationen zusammenzuarbeiten, und am Ende zogen sie sich aus dem Projekt zurück. Sie sagten, dass sie, um voranzukommen, eine Abstimmung auf dem Podium der UNO durchführen müssten, und so weit wollten sie es nicht kommen lassen. Ich wünschte, sie hätten es getan.

8. Mai 2019