Arts & Design

Spencer Tunick: Nackte Meister

Seine Installationen sind kolossal und episch, seine Werke gigantomanische Skulpturen von komplett nackten Menschen. Bis jetzt haben sich ca. 100.000 Menschen in ihrer Nacktheit vor grandiosen Kulissen darstellen lassen. OOOM zeigt seine besten Arbeiten und sprach mit Tunick über Nacktheit, spektakuläre Inszenierungen, Verhaftungen, sein Vorbild Claes Oldenburg – und welche Rolle der Zufall bei seiner Arbeit spielt.

Gerald Matt 8. Mai 2019 No Comments
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spencer tunick ooom interview

Wie spiegeln sich in den Reaktionen auf Ihre Arbeit unterschiedliche kulturelle, politische und soziale Situationen wider?

In Ländern, in denen Menschen häufiger unterdrückt und kontrolliert werden, kommen diese mit voller Kraft und in einer großen Anzahl zu mir, um in meiner Arbeit zu posieren.

Meine Fotos mit dem Toten Meer haben perfekt funktioniert. Ich wusste, dass der Salzgehalt des Wassers die Körper an die Meeresoberfläche bringt und freilegt.

Sie haben nie in Afrika und besonders noch nie in der arabischen Welt gearbeitet.

Ich denke, wenn ich eine Arbeit in Südafrika machen würde, würden Tausende kommen, die mitmachen wollen. Viele Menschen mit arabischen Wurzeln haben für mich posiert, aber wir sind 400 Jahre davon entfernt, dass ein Künstler Akte in der Öffentlichkeit im Nahen Osten machen kann, mal abgesehen von Israel. Wahrscheinlich wäre es in der Türkei noch am schnellsten der Fall.

Inwiefern mischt sich Politik in Ihre Werke ein?

1999 hat der Bürgermeister von Wien mit offenen Armen meine dort getätigten Arbeiten begrüßt. 2007 in Mexico City hat Präsident Felipe Calderón mir kurz vorher die Location weggenommen und sich geweigert, meine Installation im Zócalo Plaza aufzubauen. Nur in letzter Sekunde hat der Präsident eingelenkt und mir das Okay gegeben.

Sie haben ein spektakuläres Projekt mit Greenpeace auf einem Schweizer Gletscher umgesetzt. Was war das Ziel dieses Projekts?

Es sollte die Aufmerksamkeit auf die schmelzenden und zurückgehenden Gletscher und die globale Erwärmung lenken. Die Verwundbarkeit der Gletscher gegenüber der Menschheit hängt mit der Verwundbarkeit des nackten Körpers auf dieser zeitlichen Eismasse zusammen. In der Mittagszeit im Sommer gibt es ein kleines Zeitfenster, wo der Körper die Kälte ertragen kann. Wir benutzten Hotelpantoffeln, damit sie den Gletscher überqueren konnten, und sie haben sich daraufgestellt, als ich die Fotos machte. Als sie sich niederlegten, benutzten wir Polster, die unter den Rücken der Menschen versteckt waren. Wir hatten viel Glück mit dem Wetter.

Sie haben sich gegen die Ernennung von Donald Trump zum Präsidentschaftskandidaten ausgesprochen.

Ich arbeitete mit meiner Frau Kristin Bowler zusammen, um eine Kunstaktion in Cleveland, Ohio, am Tag vor der Republican National Convention gegenüber dem Convention Center zu kreieren. Wir versuchten, die Aufmerksamkeit auf die negative Rhetorik der Republikanischen Partei gegen Frauen und Minderheiten zu lenken. Die 100 nackten Frauen hielten 100 kreisförmige Spiegel hoch, die ihre Weisheit und Menschlichkeit reflektieren und auf das Kongresszentrum und die Skyline der Stadt scheinen.

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Wie viele Personen sind an einer Produktion beteiligt, um Ihre Großprojekte zu ermöglichen?

Ich reise von New York mit 6 bis 8 Personen an, je nach der Größe und der vorhergesagten Teilnehmerzahl. Wir arbeiten mit lokalen Produktionsmitarbeitern und Freiwilligen zusammen, oft 25 bis 50 Personen. Und es gibt auch Security, Polizei und manchmal sogar die Armee, die an den Produktionen beteiligt ist. Die Museen, Biennalen und Institutionen werden entweder gefördert oder finden Kunstsponsoren. Für meine eigenen, nicht beauftragten Arbeiten verkaufe ich Abzüge, um sie zu finanzieren, oder ich nutze meine eigenen Ersparnisse, wenn die Kosten nicht so hoch sind.

Ihre Projekte verlangen einen enormen logistischen Aufwand. Wie lange dauert es von der Idee bis zum Shooting?

Es dauerte drei Jahre und ein paar Regierungswechsel, um die Erlaubnis zu erhalten, Arbeiten in Mexiko City zu machen. Meistens erfolgen die Einladungen sechs Monate bis ein Jahr im Voraus. Ich besuche dann die Stadt und sehe mir viele Orte an, um mehr über die Geschichte zu erfahren. Das Projekt wird sechs Wochen vor der Installation angekündigt, wo auch die Website genannt wird, um so die Teilnehmer zu bekommen.

Was fühlen Sie in dem Moment, in dem alles arrangiert ist, die nackten Menschen in Position sind und Sie beginnen, Ihre Fotos zu machen?

Es ist so kompliziert, diese Arbeiten zu machen, dass ich mich danach kaum an das Ereignis selbst erinnere. Ich bin in einer anderen Welt, wenn ich arbeite, in der ich die Masse an Menschen wie eine einzelne Person wahrnehme. Die Teilnehmer werden zum Medium. Ich bin so dankbar für alle, die dorthin gekommen sind, um Kunst zu machen, hart zu arbeiten und über ihre Grenzen hinauszugehen, um ein großes, fertiges Kunstwerk zu schaffen.

Was sind die Hauptrisiken?

Früher habe ich mir Sorgen gemacht, dass die Teilnehmer und ich selbst verhaftet werden. Jetzt mache ich mir nur noch Sorgen um das Wetter.

2008 wurden Sie in Wien beauftragt, im Rahmen der Fußball-Europameisterschaft im Ernst-Happel-Stadion Aktfotos zu machen. Sie wurden kritisiert, weil Sie einen Ort benutzt haben, an dem Menschen in der Nazizeit gezwungen wurden, sich zu versammeln, bevor sie in Konzentrationslager gebracht wurden. Wussten Sie, dass Ihre Arbeit negative Reaktionen hervorrufen könnte?

Jedes Mal, wenn ich den Akt mit Massen an einen Ort historischer Resonanz bringe, habe ich das Gefühl, dass die Körper als Decke der Heilung fungieren und die Gräueltaten der Vergangenheit damit angreifen. Dies könnte als eine ultimative Rachefantasie angesehen werden. Nachdem ich als kleiner Junge Yad Vashem in Israel besucht hatte, war ich sehr bewegt von den Fotos des Massensterbens, die den Holocaust dokumentieren. Täuschen Sie sich nicht: Meine Arbeit ist manchmal eine gezielte Erinnerung an die Unmenschlichkeit des Menschen gegenüber dem Menschen selbst.

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8. Mai 2019