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Wolfgang Stabentheiner: Good News, Love News

„Hurra, die Corona-Krise ist vorbei!“, werden wir eines Tages jubeln. Wie groß die Erleichterung, endlich weitermachen zu können wie bisher. Sind das Good News? Könnten wir aus Überzeugung behaupten: „Wir gehen geläutert, gereift und gestärkt aus der Krise. Wir haben gelernt, wie wir’s besser machen“, ja, das ließe sich seriös als Good News verkaufen. News, die uns im Herzen bewegen, Hoffnung geben, Mut machen, Zukunft eröffnen. Welche Kraft verleiht ihnen diese Wirkung?

Wolfgang Stabentheiner30. Juli 2020 No Comments
wolfgang stabentheiner ooom magazin

Einige Good News von Radio Corona: „Es kommt auf jede und jeden von uns an“, sagen unsere Politiker. Die Botschaft ist angekommen. Die Menschen verhalten sich besonnen und verantwortungsvoll. Sie sind bereit, Einschränkungen hinzunehmen zum Wohle des Ganzen.

Sich selbst finden. Die verordnete Distanz bringt die Menschen einander näher. Sie freuen sich aneinander, nehmen Anteil, bieten sich gegenseitig Unterstützung an. Anstatt sich mit dem Virus anzustecken, stecken sie sich mit Herzenswärme, Humor und Optimismus an. Der Mensch besinnt sich seiner selbst, entdeckt, dass er mehr ist als bloßer homo oeconomicus, als ein produzierendes und konsumierendes Etwas. Er findet zu seinem natürlichen Lebensrhythmus zurück und sucht Freude und Sinn in seinem Inneren. Viele Menschen machen die Erfahrung, dass Verzicht und Reduktion nicht zu einer Minderung, sondern zu einer Erweiterung der Lebensfreude führt. Indem die Menschen weniger gefordert sind, in ihren beruflichen Systemen zu funktionieren, nutzen sie die Zeit zur Einkehr, sich selbst zu finden, sie selbst zu sein.

Im Menschen gibt es so etwas wie eine Waage. Je mehr wir aus der Schale der Angst nehmen, desto tiefer senkt sich jene der Liebe.

Good News. Die Reihe dieser Good News ließe sich beliebig fortsetzen. Die Qualität von Energie, die ihnen allen zugrunde liegt, ist Liebe – Liebe zu sich selbst, zum anderen, zum großen Ganzen. Liebe ist ein Potenzial, das uns allen zur Verfügung steht, eine Macht, die in der Lage ist, uns selbst, unser Umfeld, die ganze Welt zu transformieren. Ohne Liebe können wir alles Mögliche verändern, aber weder wir noch die Welt werden dadurch grundlegend besser. Unsere Liebe holt hingegen das Beste aus uns und anderen, ja aus der ganzen Menschheit hervor.

Unsere Fähigkeit zu lieben scheint jedoch begrenzt. 

Und zwar durch Angst – jene Seelenlage, in welcher sich unser Herz zusammenzieht, in welcher wir Mangel empfinden und in eine Haltung von Konflikt geraten. Liebe ist hingegen ein Zustand offenen Herzens, in dem wir Fülle erleben und integrativ, Frieden und Glück bringend wirken. Im Menschen gibt es so etwas wie eine Waage. Die eine Waagschale beinhaltet Angst, die andere Liebe. Je mehr Gewicht wir aus der Schale der Angst herausnehmen, desto tiefer senkt sich jene der Liebe. Ebenso, wenn wir mehr Gewicht in die Schale der Liebe legen. Liebe und Angst hängen zusammen. Wären wir vollständig frei von Angst, dann wäre unsere Liebe vollkommen. Wäre unsere Liebe vollkommen, dann wären wir vollständig frei von Angst.

Wenn wir also unsere Liebe entwickeln wollen, bleibt es uns nicht erspart, uns auch mit der Angst auseinanderzusetzen. In der Angst sind wir uns selbst fremd. Und andere sind uns ebenso fremd. Es entschwindet uns das Mitgefühl mit uns selbst und anderen. Wir werden uns selbst und anderen gegenüber taub und, folglich, böse, ungerecht, unberechenbar. Gedanken, Handlungen, Erfindungen, aus der Angst geboren, erweisen sich letztlich als zerstörerisch, als Ursache für neues Leid, für neue Krisen. Liebe und Liebe sind nicht das Gleiche. Um die beiden Qualitäten von Liebe unterscheidbar zu machen, bediene ich mich des bekannten Spruchs: „Ich liebe dich nicht, weil du so bist, wie du bist, sondern weil ich so bin, wie ich bin…“ 

In der Angst sind wir uns selber fremd, und andere sind uns ebenso fremd. Es entschwindet uns das Mitgefühl. Alle Krisen haben ein Ziel: dass wir unsere Angst überwinden.

Die Liebe. Ich liebe einfach deshalb, weil Liebe der Zustand ist, in dem ich mich befinde. Ich liebe, weil ich liebe. Diese Liebe ist nicht an Bedingungen geknüpft. Sie beschränkt sich auch nicht auf einen bestimmten Menschen, ein bestimmtes Tier oder Ding. Ich schaue mit wohlwollenden Augen in die Welt hinaus und liebe. Das ist die eine Qualität. Die andere: Ich liebe dich, weil du so bist, wie du bist. Weil du mein Kind, mein Partner, mein Vater, meine Mutter bist, weil du mir sympathisch bist, weil ich dich erotisch anziehend empfinde, weil du mir Gutes tust… Diese Liebe beschreibt nicht meinen generellen Zustand sondern bloß meine Haltung einem bestimmten Menschen, Tier oder Ding gegenüber.

Absehbare Krisen. Die Liebe, die die Welt von uns braucht, ist die erste: „Ich liebe, weil ich bin, wie ich bin.“ Liebe ist Teil unserer Natur. Sie bildet den Kern unseres Seins – ich liebe, deshalb bin ich. Wir sind fähig, wir sind berufen zu lieben. Ja, wir können es, wohlwollend auf uns selbst, auf andere, auf die Welt zu schauen. Und wir können wohlwollend mit uns selbst, anderen, der Welt umgehen. Und wenn wir’s mitunter nicht können, dann steht uns unsere Angst dazwischen. Dann will unsere Angst als solche erkannt und wohlwollend angenommen sein. Wir können lieben. Und sind herausgefordert, es auch zu tun. In dem Maße, in welchem wir, getrieben von unserer Liebe, aktiv werden, entwickeln wir sie auch weiter. Und die Angst nimmt ab. Die Finanzkrise, die Flüchtlingskrise, die Corona-Krise – weitere Krisen stehen schon, absehbar, in der Warteschlange. Das 21. Jahrhundert ist ein Jahrhundert der Krisen. Und alle diese Krisen haben ein gemeinsames Ziel: Dass wir unsere Angst überwinden und unsere Liebe leben. Je früher wir diese Lektion gelernt haben, desto weniger brauchen diese Krisen über uns hereinbrechen. 

Good News sind solche, die aus der Waagschale der Angst Gewicht herausnehmen und in jene der Liebe Gewicht hineinlegen Good News sind solche, die das Gute im Menschen stärken, ohne das Böse zu verurteilen. Good News sind solche, die uns befreien aus der Illusion der Ohnmacht und uns motivieren, unsere eigenen Geschicke, die Geschicke unseres Umfeldes, ja, die Geschicke der Menschheit in die Hand zu nehmen kraft unserer Liebe. Liebe ist die höchste Form der Macht. Nicht eine Macht über – sondern eine Macht für. Good News erzählen darüber.

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30. Juli 2020