Inspiration

Oscarpreisträger Stefan Ruzowitzky: Fenster zum Hof

OOOM besuchte den Star-Regisseur in seiner Villa in Klosterneuburg. Und sprach mit ihm über Kris Kristoffersons Drogenerlebnisse, den Albtraum Kickl, Tilda Swinton, den enttäuschenden Kanzler Kurz, die Abgründe der menschlichen Seele und Masud – jenen afghanischen Flüchtling, der seit drei Jahren zur Familie gehört.

Georg Kindel8. Mai 2019 No Comments
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Sie sind mit der Sky-Serie „8 Tage“ in das Seriengeschäft eingestiegen. Wie radikal haben Streamingdienste wie Netflix, Amazon Prime und Sky die TV- und Film-Landschaft verändert?

Unsere Gewohnheiten, Filme zu konsumieren, haben sie ganz stark verändert. Ihre Devise ist: „Wir bieten etwas so Spektakuläres, das man nebenan im Free-TV nicht bekommen kann.“ Für uns Kreative ist das eine tolle Voraussetzung. Vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender drohten sanft zu entschlafen und hatten ein immer älteres Publikum. Da weht jetzt ein ganz frischer Wind. Die Streamingdienste wollen Provokantes, Kontroversielles, und die Vollprogramme versuchen mitzuziehen.

Boomt die Filmbranche wie nie zuvor?

Ja. Es gibt auf einmal sehr viel Geld und sehr viele Anbieter, die Programm benötigen. Ich habe gerade in Berlin mitbekommen, dass es immer schwieriger wird, Filmteams zusammen­zustellen, also Regieassistenten, Beleuchter etc. Die sind einfach alle das ganze Jahr über ausgebucht. Wir haben gegenüber der österreichischen Politik schon länger argumentiert, dass audio­visuelle Inhalte, wie der Spiegel sagte, das „Erdöl des 21. Jahrhunderts“ sind. Es gibt einen immer größer werdenden Bedarf. Und bei diesem Boom sollte man als Volkswirtschaft dabei sein.

Durch Streaming boomt die Filmbranche wie nie zuvor. Es gibt auf einmal sehr viel Geld und sehr viele Anbieterm die Programm benötigen.

Ist es anders, eine Serie für Sky zu drehen als einen Film fürs Kino?

Die Arbeit ist natürlich eine andere, weil du ein viel größeres Pensum hast. Du musst pro Tag 5 bis 6 Minuten drehen, beim Kinofilm in der Regel 2 bis 3 Minuten. Es erfordert aber auch einen anderen Zugang bei der Dramaturgie. Beim Kinofilm habe ich den Zuseher 90 Minuten lang unter Kontrolle, bei einer Serie weiß ich das nie. Es gibt Leute, die schauen eine ganze Nacht durch, Folge für Folge, andere wiederum schauen in kleinen Dosen.

Hat sich die Aufmerksamkeit des Zuschauers verändert?

Es war schon immer so, dass du im Kino die ungeteilte Aufmerksamkeit hattest. Dadurch kannst du im Kino mehr riskieren. Beim Fernsehen bügeln die Leute nebenbei, kochen, essen. Es muss sehr viel über den Ton passieren, weil das Zusehen nicht garantiert ist. Hören müssen sie, egal was sie auch nebenbei machen. Deswegen ist der Dialog wichtiger. Früher hat es geheißen, weite Totalen gehen im Fernsehen überhaupt nicht. Mittlerweile schon, weil die Leute jetzt tolle Hardware daheim haben.

RTL-Gründer Helmut Thoma sagt, Virtual Reality wird unsere Sehweise komplett verändern. Braucht man dann Kino überhaupt noch, wenn man daheim die Brille aufsetzt und plötzlich mitten in der Handlung steht?

Ich glaube, die Art, Filme zu sehen, wird sich tatsächlich radikal verändern. Aber ich glaube, niemand kann jetzt schon sagen, in welche Richtung. In den letzten zehn Jahren haben sich Dinge entwickelt, die niemand für möglich hielt. Es gibt ein ganz essenzielles Bedürfnis, Geschichten erzählt zu bekommen. Das wird nie aussterben. Und es müssen immer wieder neue Geschichten sein, die die Lebenswelten des Publikums reflektieren.

Ruzowitzky Musud interview
Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky nahm vor drei Jahren Masud (re.) aus Afghanistan bei sich auf.

Am Anfang jedes erfolgreichen Filmes steht immer ein gutes Drehbuch. Ihre größten Erfolge haben Sie selbst geschrieben. Sind die Skripts, die am Markt sind, großteils einfach schlecht?

Ja, natürlich. Für alle Beteiligten gleichzeitig schön und schmerzhaft ist, dass so ein Drehbuch weiterentwickelt wird. Die Zeiten, wo ein Drehbuchautor etwas abliefert und es dann genau so gemacht wird, sind längst vorbei. Es ist ein gemeinsamer Prozess. Das funktioniert manchmal gut, manchmal auch gar nicht. Manchmal wird etwas ganz Wunderbares durch den Input verschiedenster Leute daraus. Wenn ich ein eigenes Drehbuch verfilme, gibt es Redakteure, Produzenten und Verleiher, die mitreden. Manchmal sind das reine Machtspiele, manchmal sind es aber auch kompetente Leute, die einem wirklich weiterhelfen. Es gibt ja diese alte Filmweisheit: Eine Filmgeschichte wird dreimal erzählt – beim Drehbuch, beim Dreh und dann nochmals im Schneideraum. Da ist sehr viel Wahres dran.

Wie ist das bei internatio­nalen Produktionen, wo der Auftraggeber oft den Final Cut hat? Traut man sich seit Ihrem Oscar-Gewinn überhaupt noch, Ihnen beim Schnitt reinzureden?

Die mischen sich bei mir genauso ein wie bei jedem anderen. Als ich für den Oscar nominiert wurde, habe ich gerade einen Film geschnitten, bei dem die Produzentin, die zum ersten Mal überhaupt einen Kinofilm produzierte, entschied, sie könne den Film besser schneiden als ich, und ihn mir wegnahm. Man ist definitiv nie davor gefeit.

War das Ergebnis schlecht?

Es hat schon eine bestimmte Qualität, wenn sich eine künstlerische Handschrift durchzieht. Ein Filmemacher wie ich hat einen gewissen Stil. Den kannst du killen, wenn es ein Konsensding wird. Das passiert leider oft. Dann steht zwar mein Name darunter, doch in Wirklichkeit haben sehr viele Leute mitgekocht. Das ist jedes Mal mühsam und ein endloser Kampf.

Für „8 Tage“ hat Sky ganz­seitige Anzeigen in deutschen Zeitungen mit Headlines wie „Asteroid trifft Erde – war’s das?“ geschaltet. Haben manche wirklich geglaubt, die Erde geht unter?

Ja, eine Schrecksekunde lang, und das reicht für den Werbeeffekt. Wenn man die hatte, merkt man sich auch, wofür da geworben wurde. Da ist natürlich ein toller Coup gelungen. Sky hat vier bis fünf große Serienprojekte pro Jahr, da engagieren sie sich und haben ein großes Werbebudget.

Sie zeigen, wie Menschen damit umgehen, wenn in acht Tagen alles endet. Leben wir viel zu unbedarft in den Tag hinein?

Ich glaube, dass es auch Teil der Lebensqualität ist, in den Tag hineinzuleben und nicht alles planen und perfektionieren zu müssen. Ich habe einen Rhythmus, wo ich sehr intensive Zeiten habe, und dazwischen brauche ich Tage, wo ich nur wie ein Zombie auf der Couch liege und blöde Computerspiele spiele. In der Serie gibt es Personen, die auf den letzten Metern ihr Leben reparieren wollen, Dinge machen, von denen sie schon immer träumten. Da fragt man sich: Weshalb braucht man einen Weltuntergang dazu?

Gibt es etwas in Ihrem Leben, wo Sie sagen: Das steht noch auf meiner Bucket List?

Im Großen und Ganzen habe ich ein gutes Leben gelebt – mit allen Niederlagen und Versäumnissen. Es gibt gewisse Dinge, die hätten mit 20 Sinn gemacht, mit Mitte 50 sind sie albern. Ich habe meine großen Träume erfüllt, habe eine Familie, eine glückliche Ehe, beruflich viel erreicht – mehr, als ich je erhofft habe. Meine Bucket List ist voll von Reisen zu Orten, die ich noch gesehen haben möchte: Südamerika, speziell Brasilien ist etwas, wo ich schon ewig hin will.

Kris Kristofferson hat in seinem Leben schon viele Drogen genommen, seine Texte konnte er selten. Aber wenn du ein Close-Up machst, wie er nur dasteht, dann ist es trotzdem einfach gut.

Ja, ich habe mir die Latte immer hoch gelegt – wohlwissend im Hinterkopf, dass man es wohl nicht schaffen wird. Man bemüht sich aber, ein bisschen höher zu springen. Natürlich gehört auch immer Glück dazu. Vielleicht hätte der Film im Jahr davor und im Jahr danach nicht gewonnen.

Ist ein Oscar letztendlich Fluch oder Segen? Sie haben nach der Verleihung einmal gesagt, dass Sie lange Zeit niemand mehr wegen Werbefilmen kontaktiert hat, weil sich jeder dachte: Der Ruzowitzky ist jetzt sowieso zu teuer.

Nein, es ist schon ein Segen. Das ist einfach der größte Ritterschlag, den es in unserer Branche gibt und der überall auf der Welt bekannt ist. Und das kann man natürlich dann auch zu Geld machen. Immer, wenn Produzenten ein Projekt haben, brauchen sie einen Regisseur, den man auch gut verkaufen kann.

Christoph Waltz meinte, er war irritiert, als es geheißen hat: „Unser Oscargewinner!“ Sie waren auch, wie es Die Zeit nannte, „der typischen Wiener Umarmung ausgeliefert gewesen“.

Es ist schon ein großer Unterschied: Christoph Waltz hat in einem internationalen Film mitgespielt und es war seine persönliche Leistung. Ich finde es legitim, wenn Leute wie Waltz oder Elfriede Jelinek sagen, sie möchten diese Vereinnahmung nicht. Das sind ganz andere Situationen als bei mir. Mein Film, der gewonnen hat, ist von österreichischen Steuergeldern, mit Geldern der Kulturabteilung in Wien und von den Gebührenzahlern des ORF mitfinanziert worden. Da ist es schon okay, ganz Österreich an diesem Erfolg teilhaben zu lassen.

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Viele deutsche Regisseure wie Florian Henckel von Donnersmarck oder Oliver Hirschbiegel tun sich in Hollywood mit Erfolgen schwer. Woran liegt das?

Ich glaube, für niemanden ist es leicht, am internationalen Markt zu reüssieren. Jedes Jahr sind es ganz wenige Filme, die erfolgreich sind, und noch weniger Filmemacher, die es schaffen, kontinuierlich Erfolge zu liefern. Im internationalen Geschäft hängt es viel mehr von den Stars ab. Wenn Brad Pitt sagt, er findet ein Drehbuch interessant, dann ist das ein 50-Millionen-Film. Aber ohne das Interesse eines solchen Stars landet der Film schnell in der Schublade. Der Kinoeinsatz wird immer teurer, man muss genauso viel oder sogar mehr als die Produktionskosten eines Films ins Marketing stecken. Das muss man sich erst mal leisten können. Im Internet hast du keinen Verleiher oder Kinobetreiber, der mitkassiert.

Wo ist der Unterschied, ob man mit Eric Bana, Kris Kristofferson und Olivia Wilde dreht oder mit Simon Schwarz, Benno Fürmann und Gerald Votava?

Was du bei amerikanischen oder internationalen Stars oft hast: Sie vertrauen ihrem Charisma mehr. Ein Extremfall ist Kris Kristofferson: ein supernetter Kerl, aber er hat schon sehr viele Drogen genommen. Seinen Text konnte er selten, höflich gesagt. Er konnte sich an nichts erinnern, wusste, glaube ich, nicht mal genau, was das für ein Film ist, das war ihm immer fürchterlich peinlich. Aber wenn du ein Close-up von Kris Kristofferson machst, wie er nur dasteht, dann ist es trotzdem einfach gut. Du hast da diesen Menschen, der dieses unwahrscheinlich reiche, tolle Leben gehabt hat mit den faszinierendsten Frauen, der über 300 Lieder schrieb, Filmstar und Boxer war, der alles gemacht hat – und das siehst du in dieser einen Einstellung. Er strahlt es durch jede Pore aus. Was er sagt, ist dann in Wahrheit wurscht. Man sieht, der will nichts spielen oder ausdrücken, er ist einfach nur da. Bei uns heißt es vielmehr: „Ich muss das jetzt spielen, fühlen und denken!“

8. Mai 2019