Arts & Design

Thaddaeus Ropac – Der Herr der Bilder

Thaddaeus Ropac ist einer der bedeutendsten Galeristen der Welt. Er vertritt Künstler von Georg Baselitz, Gilbert & George, Erwin Wurm bis Anselm Kiefer und hat in London seine fünfte Galerie eröffnet. OOOM besuchte den Kunstmanager, der in Paris lebt, in seiner Villa Kast in Salzburg und sprach mit ihm über Inspiration, die Kunstwelt, wie Preise entstehen, die Konkurrenz – und was er mit Joseph Beuys und Andy Warhol alles erlebte.

Georg Kindel19. September 2017 No Comments
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Die Salzburger Galerie Ropac in der Villa Kast.

In diesem Jahr wurde London Ihr neuer Standort, wo es die wichtigsten Auktionshäuser der Welt gibt, die meisten Kunstkritiker, die besten Museen.
Das war einfach ein organisches Wachstum. Paris gibt es seit 25 Jahren. Die große neue Halle hat den Markt überrascht, wo ich entschieden hatte, in Paris eine zweite Großgalerie mit 5.000 Quadratmetern und mehreren Gebäuden zu eröffnen. Ich glaube nach wie vor stark an Paris, ich lebe auch in Paris und ziehe nicht nach London um. Wir haben in Paris auch die meisten Mitarbeiter. Paris und London sind die zwei wichtigsten Marktplätze, die es in Europa gibt. Damit erreicht man den Großteil der wichtigen Kunstsammler. London hat die Auktionshäuser, die Paris nicht hat, zumindest nicht in der zeitgenössischen Kunst. Das war schon mit eine der Überlegungen. Die Tate Gallery ist das wichtigste und erfolgreichste Museum zeitgenössischer Kunst – nicht von der Sammlung, da ist Paris weitaus wichtiger. Das Centre Pompidou ist, was die Sammlung betrifft, das wichtigste Museum, da kann London nicht mithalten. Aber was den Besucher­erfolg angeht, ist London weit voraus. London hat die „critical mass“. Viele Künstler leben nach wie vor dort, obwohl viele zu günstigeren Orten wie Berlin gezogen sind. Wobei Berlin mehr eine Modeerscheinung war. Berlin ist eine Stadt der Kunst, aber es ist weder eine Stadt der Museen noch der Sammler.

Ihre Karriere hat in Lienz begonnen, Sie waren dann eine Zeit lang in Amerika und haben Künstler von Jean-Michel Basquiat bis zu Warhol persönlich kennengelernt. Wie prägend war diese Zeit für Sie?
Lienz kann man nicht als Galerie bezeichnen, das war ein Kunstraum. Das hatte damit zu tun gehabt, dass damals der österreichische Bildhauer Karl Prantl dort seine Serpentinsteine geschliffen hat. Bevor ich die Idee mit der Galerie hatte, wollte ich ja Künstler werden. Mein erster Anstoß dort war Prantl, der mich eingeladen hat, wochenlang an einem Stein zu schleifen. Das war 1980.

Sie haben auch Nebenjobs gemacht, um sich über Wasser zu halten, wie Englischnachhilfe zu geben.
Ja, das war in Salzburg. Und dann bin ich nach Düsseldorf, weil ich wirklich geglaubt habe, dass ich eine künstlerische Karriere machen könnte, und bin auf Beuys gestoßen. Zu der Zeit, als ich kam, war er nicht mehr an der Akademie, aber ich hatte die Möglichkeit, eine Art Praktikum zu machen. Beuys wurde eingeladen an dieser wichtigen Ausstellung „Zeitgeist“ 1982 teilzunehmen. Und unmittelbar danach gab es die documenta in Kassel. Ich war Teil dieses Trosses, der daran aktiv beteiligt war. Diese Nähe zu Beuys war sehr prägend.

Was war er für ein Mensch?
Unglaublich charismatisch, unglaublich bestimmend. Es gab wenig Spielraum für Definition. Er hat einerseits gesagt: „Jeder ist ein Künstler“, und andererseits das schon sehr klar definiert. Er war so stark als künstlerische Persönlichkeit, dass man sehr genau wissen musste, was man machen wollte. Mir war rasch klar, dass ich nicht Künstler werden kann. Er hat es mir nicht ausgeredet, das würde überhaupt nicht seiner Haltung entsprechen. Ich habe es mir selbst ausgeredet. Ich habe mich als Künstler neben diesen vielen Künstlern, die ich dort kennengelernt habe wie beispielsweise Baselitz, überhaupt nicht mehr vorstellen können. Da ist dann 1982 die Idee gereift, eine Galerie aufzumachen. Wie ich von Beuys weggegangen bin, habe ich ihn gebeten, mir die Brücke zu Warhol zu legen. Er hat mir eine Empfehlung geschrieben und das war meine Fahrkarte nach Amerika. Ich habe 1982 Warhol kennengelernt, und er hat mich dann unmittelbar später Basquiat vorgestellt. Wie ich 1983 meine erste Galerie in Salzburg eröffnet habe, begann ich schon mit relativ vielen Amerikanern im Programm wie Keith Haring, Robert Mapplethorpe oder Francesco Clemente. Das war ein Glücksfall, aber auch ein schwieriger Anfang, weil wir Kunst gezeigt haben, die man – außer Warhol – nicht gekannt hat. Warhol war der einzige, der schon einen Markt hatte, wesentlich größer als Beuys. Beim Aufbau von „Zeitgeist“ war ich der, der die Kisten geschleppt hat und das Bier. Ich habe die minderen Arbeiten verrichtet, aber ich habe die Künstler erleben dürfen.

Warum haben Sie Ihre erste Galerie nicht in Wien eröffnet?
Es hat mich irgendwie abgeschreckt. Wien fand ich sehr auf sich konzentriert. Die Kunstwelt war sehr klein und von wenigen Figuren dominiert. Es hat mir nicht behagt. Dann ist mir ein Buch von Oskar Kokoschka in die Hände gefallen: Die Schule des Sehens. Und wenn man sich das kleine Büchlein durchliest, dann ist dort die Idee von Beuys schon vorgedacht. Er hat gesagt: „Wir müssen das Elitäre ablegen und den Menschen die Möglichkeit geben, Kunst zu machen.“ Das war der Grund, warum ich nach Salzburg kam. Ich kannte niemanden in Salzburg, ich kannte Salzburg nicht. Aber als ich das Buch gelesen habe, war es mir sympathisch, und da wollte ich hin. Es war natürlich ein großes Missverständnis, Salzburg als die große, liberale Stadt zu sehen. Ich dachte mir: „Nach Salzburg geht man für die Kunst und Kultur.“ Ich hab halt auch nicht gewusst, dass da im September die Rollladen auch wieder ein bisschen runter gehen. Aber ich wollte hierbleiben. Ich hab mir sofort ein Lokal gemietet, und es haben sich dann schon viele die Augen gerieben: „Was macht der denn da?“ Auch die Künstler kannte man in Österreich – bis auf Warhol, Beuys, Baselitz – nicht so wirklich. Und dann kam Paris 1990. 

Wie riskant war damals der Schritt?
Es war schon riskant. Ich habe kein Wort Französisch gesprochen, hatte auch keine Zeit dazu. Ich dachte, ich lerne die Sprache, wenn ich dort bin. Die Leute haben den Kopf geschüttelt und dachten sich: „Der Österreicher will uns jetzt Kunst erklären?“ Aber ich habe in den Jahren in Salzburg das Vertrauen der Künstler gewinnen können und einige sind mit mir dann gleich mit nach Paris, Gilbert & George zum Beispiel. Paris hat eigentlich der Galerie den Schub gegeben, den sie gebraucht hat. Es war dann schwierig, weil der Kunstmarkt 1991 in eine Krise hineinging.

Haben Sie jemals ans Aufgeben gedacht?
Ich wollte nie dran denken. Ich habe mir immer gedacht: „Wenn ich die nächste Ausstellung noch schaffe, und dann die nächste …“ Man hat sich mit der Finanzierung immer von einer Ausstellung zur nächsten gehangelt. Das ging schon ein paar Jahre so.

Haben Sie in Ihren Krisen mehr gelernt als in Ihren Erfolgen?
Ich denke schon. Weil in Krisen muss man wirklich einfallsreich sein. Und da kommt man auf das Wichtigste zurück: das Vertrauen der Künstler. Wenn man das hat, kommt man da durch. Man wird einfallsreich, weil man gezwungen ist, jede Möglichkeit auszuloten.

Ich kann mich an ein Abendessen bei Ihnen in der Villa Emslieb erinnern, da saß ich neben Maya Langes-Swarovski, am Nebentisch saß Dennis Hopper und noch einen Tisch weiter Steve Martin. Ist das eine Fähigkeit, die man besitzen muss: Menschen für sich einnehmen zu können?
Ja, ich denke schon. Letztendlich ging es immer über die Künstler. Dennis Hopper habe ich in der Kunstszene von New York kennengelernt. Das Vertrauen dieser Menschen zu bekommen war nicht so schwierig, weil sie ja gesehen haben, dass ich mit Künstlern sehr eng bin. Die Leute sagen immer, ich habe Steve Martin so viele Bilder verkauft – stimmt gar nicht, es waren nur ein paar. Es ist eine Freundschaft. Für die Leute war es exotisch nach Salzburg zu kommen. Nach wie vor ist das so.

Die Festspiele sind da ein wesentlicher Faktor?
Ja. Aber die Gesellschaft ist eher etwas, was die Leute abtörnt. Heute mache ich das viel diskreter, das kriegt kaum mehr einer mit. Emslieb ist so abgeschottet, da gibt es wirklich keine Öffentlichkeit mehr. Wenn Lang Lang da ist, dann kann er sich den ganzen Tag frei bewegen, sitzt am Klavier. Das kann nur so funktionieren, wenn keine Öffentlichkeit dran teilnimmt. Die Fehler, die mir passiert sind …

Würden Sie es Fehler nennen?
Indirekt schon. In Salzburg habe ich so viele Jahre gebraucht, davon loszukommen. Ich bin heute so darauf bedacht, dass Emslieb einfach außerhalb jeder Öffentlichkeit steht. In Paris habe ich diese Fehler nicht gemacht, weil ich aus Salzburg gelernt habe. Paris ist auch more sophisticated. Da ist die Presse nicht so dominant wie damals in Salzburg.

19. September 2017