Arts & Design

Thaddaeus Ropac – Der Herr der Bilder

Thaddaeus Ropac ist einer der bedeutendsten Galeristen der Welt. Er vertritt Künstler von Georg Baselitz, Gilbert & George, Erwin Wurm bis Anselm Kiefer und hat in London seine fünfte Galerie eröffnet. OOOM besuchte den Kunstmanager, der in Paris lebt, in seiner Villa Kast in Salzburg und sprach mit ihm über Inspiration, die Kunstwelt, wie Preise entstehen, die Konkurrenz – und was er mit Joseph Beuys und Andy Warhol alles erlebte.

Georg Kindel19. September 2017 No Comments
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Thaddaeus Ropac mit OOOM-Chefredakteur Georg Kindel.

Haben Sie Madonna damals mit ihrer Frida Kahlo/Diego Rivera-Sammlung geholfen?
Nein. Zu Madonna gab es auch nur einen losen Freundschaftskontakt. Ich habe Madonna damals bei Dennis Hopper in seinem Haus kennengelernt. Bei ihm hatte ich das Gefühl, man kann das Wort „Freund“ auch wirklich benützen. Wir haben uns oft gesehen. Und er hatte das Vertrauen von vielen Künstlern, er war mit allen befreundet, mit Basquiat genauso wie mit Warhol. Wir haben Baselitz und andere im Atelier besucht. Die Freundschaft war sehr stark.

Sie vertreten auch österreichische Künstler wie Erwin Wurm. Kommt ein Erwin Wurm zu Ihnen oder Sie zu ihm?
Wenn in der Presse steht, ich hätte Erwin Wurm entdeckt, dann ist das einfach falsch. Wir haben diese Verbindung relativ spät begonnen. Als wir uns getroffen haben, haben wir befunden, wir können gut zusammenarbeiten. Heute ist das komplexer. Wir haben in den letzten Jahren mehr Künstler aus völlig neuen Bereichen dazu genommen. Ali Banisadr aus dem Iran, Imran Qureshi aus Pakistan zum Beispiel. Da wird jede Position schon lange diskutiert. Wir können natürlich nicht laufend junge Künstler ins Programm nehmen, einmal alle 12 oder 18 Monate ist schon viel. Wir haben mittlerweile eine wunderbare Frau aus dem Kunstbereich ins Team holen können, Julia Peyton-Jones.

Die Sie von den Londoner Serpentine Galleries abgeworben haben.
Ja, sie war ja von vielen Galerien angefragt. Dass sie sich für uns entschieden hat, ehrt mich. Das hat natürlich auch viel mit Inhalt zu tun. Heute ist es ja nicht so, dass ich dasitze und die Entscheidungen alleine treffe.

Sie wollen sagen, da ist eine Runde in der Galerie Ropac, die demokratisch entscheidet?
Ja, seit einigen Jahren schon. Umso mehr man wächst, umso mehr geht’s in diese Richtung. Wenn man so jemanden wie Julia Peyton-Jones ins Team holt, dann ist klar, dass das viel mit dem Programm zu tun hat. Sie wird global mitwirken bei unseren ganzen internationalen Aktivitäten. Wir sind von Museen in China eingeladen, Teile unseres Programms zu zeigen.   

Werden Sie manchmal auch überstimmt?
Ja, auch. Jeder in diesem Creative Team, das sind 14 Leute, bringt Ideen ein.

Die Galerie ist nach Ihnen benannt. Ich könnte mir vorstellen, dass viele Sammler und Kuratoren am liebsten immer mit Ihnen reden. Können Sie das beiseiteschieben?
Ja, man kann sonst nicht wachsen. Ich ziehe mich aus bestimmten Bereichen wie dem Sales ganz bewusst zurück. Manchmal gehe ich gar nicht auf die Kunstmessen, meistens bin ich nur zur Eröffnung da. Ich bin dann bewusst nicht am Stand. Das akzeptieren die Sammler. Ich sage einem Sammler, wenn er von mir betreut wird, ist die Betreuung nicht so großartig. Ich habe nicht die Zeit. Leute wollen heute Expertise haben. Irgendwann steht die Galerie für eine gewisse Expertise, und die muss eingelöst werden. 

Erwin Wurm hatte früher einen deutlich geringeren Marktwert, den haben Sie professionell nach oben gezogen. Welchen Stellenwert hat Marketing bei der Platzierung eines Künstlers?
Sicher einen untergeordneten. Es ist die Qualität eines Künstlers und seiner Kunst, die über den Marktwert entscheidet. Wir könnten irgendeinen Künstler nehmen und die Sammler würden ihn kaufen. Aber das ist eine sehr kurzfristige Überlegung. In dem Moment, wo die Museen das nicht mitunterstützen, ist so etwas schneller wieder beendet, als es begonnen hat. Und die Museen sind die letzten, die einer Galerie einen Gefallen tun. Wir erleben das jetzt gerade mit Adrian Ghenie, einem Rumänen, der bei uns ist und vom Kunstmarkt gerade extrem umgarnt wird. Aber das ist nicht in unserem Sinne, wir wissen nicht, wie wir das stoppen können. Seine Bilder kosten im Wiederverkauf mindestens das 10-Fache. Er ist in seinen 30ern und wird noch 40 Jahre Kunst machen, diese Hysterie ist völlig unangebracht. Wir stehen da machtlos daneben.

Wie hoch ist der Anteil an Werken, die Sie an Museen verkaufen?
Sehr hoch. Darauf sind wir sehr, sehr stolz.

Bekommen Museen andere Kondition als Sammler?
Natürlich. Das wissen die Sammler auch. Wir strengen uns da sehr an, weil wir das wichtig finden.

Sie sammeln ja selbst. Wie viele Kunstwerke haben Sie privat?
Das ist schon eine Menge und teilweise auch schon in eine Foundation eingegliedert. Ich habe auch versucht, da wo ich die Möglichkeiten habe, die verschiedenen Perioden eines Künstlers abzudecken. Die Werke müssen teilweise auch von mir über Auktionen nachgekauft werden. Da muss ich zum Teil bluten dafür.

Gibt es Werke, die Sie früher gerne gehabt hätten, aber sich nicht mehr leisten können?
Natürlich! Die gibt es immer.
Eine Galerie, die eine gewisse Relevanz aufgebaut hat, überlebt letztendlich nur durch die Sammlung, die daraus resultiert. Alles andere verschwindet.

Zeigen Sie Ihre eigenen Kunstwerke auch?
Ständig. Es gibt eine eigene Mitarbeiterin, die betreut nur die Sammlung und den ganzen Leihvorgang. Es wird ständig angefragt und ich bin da sehr großzügig. Es gibt Werke, die sehe ich kaum, wie dieses berühmte Selbstporträt von Basquiat, das ist seit 20 Jahren ständig Leihgabe.

Früher gab es sehr viele Galeristen, die international Relevanz hatten. Momentan hat man den Eindruck, es gibt nur noch ein Match zwischen Ihnen und Larry Gagosian. Wie ist Ihr Verhältnis?
Das können Sie so jetzt nicht schreiben, das wäre prätentiös. Das Verhältnis ist kollegial. Wir laden uns zu Abendessen ein, sprechen auch bestimmte strategische Dinge ab, wir vertreten einige Künstler ja auch gemeinsam. Ein Basiskontakt ist also notwendig. Wir haben auch unsere Disagreements, die wir kultivieren.

Wird da mit harten Bandagen gekämpft?
Nicht so hart, wie das die Fantasie erlaubt. Sie haben schon recht: Es hat sich ein neuer Typus von Galerien entwickelt, die international an vielen Orten präsent sind. Da wird es schon relativ dünn, die Mitbewerber kann man an zwei Händen abzählen. Aber auf zwei zu reduzieren ist undenkbar!

Gibt es Bereiche, denen Sie sich gern widmen würden, wo Ihnen aber die Zeit fehlt?
Ja. Wenn ich so ganz große Denker bei mir zu Gast habe und deren Bücher sehe, dann fehlt mir der zeitliche Aufwand, um mich da durchzuarbeiten. Das kann man nicht lesen wie einen Roman. Da merke ich schon meine Grenzen.

Wie und wo finden Sie Ihre Inspiration?
Dass ich Zugang zu Menschen habe, die in ihrem Bereich außergewöhnlich sind, ist ein enormes Privileg. Das reizt und stimuliert und irritiert auch. Aber aus jeder Irritation, wenn man sich darauf einlässt, kommt auch etwas sehr Positives. 

Welche Rolle spielt die Digitalisierung in der Kunstwelt? Ist es einfacher geworden, Geschäfte zu machen?
Ja, viel einfacher. Manchmal ist es mir unheimlich: Wer sind diese 80.0000 Menschen, die uns jeden Tag auf Instagram folgen?

Ist Salzburg für Sie Heimat oder ist es Paris?
Ich lebe seit 25 Jahren in Paris, da ist es schon mehr meine Heimat.

Denken Sie Französisch oder Deutsch?
Deutsch. Mein Französisch ist nach wie vor mit einem schweren deutschen Akzent. 

Wenn wir in 10 Jahren wieder hier sitzen würden, was wäre alles passiert?
Ich hoffe, dass ich nach wie vor hier bin, ich mich aus der Verwaltung mehr lösen kann. Ich hoffe auch, dass wir dann ganz woanders stehen, denkerisch und konzeptionell. Aber die grundsätzliche Begeisterung und der grundsätzliche Respekt soll sich nicht ändern. Ich habe früher immer Angst gehabt, dass das zur Routine werden kann. Die habe ich nicht mehr. Nach wie vor, wenn ich zu einem Künstler ins Atelier komme, ist es dieselbe Neugier. Das habe ich mir bewahrt. Routine sind nur die Abläufe.

19. September 2017