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Thoma und Piëch: Haus des Geldes

Sie lenken Milliardenkonzerne und sind Experten, wenn es um die Zukunft der Medien und des Fernsehens geht: Helmut Thoma gründete RTL und machte den Luxemburger Garagensender zu Europas profitabelster TV-Sendergruppe. Er ist heute Aufsichtsratsvorsitzender der Freenet AG. Der Medienunternehmer Stefan Piech ist der Enkel von Ferdinand Porsche und die siebente Generation der Automobil-Dynastie. Mit seinem Unternehmen „Your Family Entertainment“ gehört er europaweit zu den Big Playern im Kinderfernsehen, dazu sitzt er im Aufsichtsrat der Porsche Holding SE. Im OOOM FUTURE TALK sprechen die beiden Medienexperten über die Zukunft des Fernsehens, der Printmedien, Streaming – und Elon Musk.

Georg Kindel20. Dezember 2019 No Comments
helmut thoma stefan piech ooom magazin

Wie werden wir 2030 fernsehen?

Helmut Thoma: Es geht immer um das Bewegtbild. Wie das zum Zuseher kommt, notfalls durch den Briefträger, ist völlig egal. Entscheidend sind die Inhalte. Meine Theorie ist, dass wir erst am Anfang des Fernsehens stehen. Seit Paul Nipkow 1883 die Scheibe erfunden hat, mit der die erste Übertragung von Bildern erfolgte, was ist seitdem passiert? Ich glaube, dass die virtuelle Realität sehr spannnd wird. Uns fehlt ja noch eine Dimension, nämlich die dritte. Noch ist Fernsehen sehr flach und eigentlich nicht mehr, als dass es farbig ist und man überall Zugang dazu hat. Es zeichnet sich schon bei den ersten Versuchen mit virtuellen Brillen ab, dass man irgendwann wahrscheinlich bei einem Fußballspiel virtuell dabei sein kann, direkt am Platz. Wir werden eines Tages mitten im Geschehen stehen. Mehr virtuelle Realität wird dann schwer gehen, aber diese ist erreichbar. Die Übertragungskapazitäten werden immer größer, die Pixelzahlen nehmen immer mehr zu, jetzt haben wir 8K, mit 32K ist die Stufe erreicht, wo ganze Räume entstehen, in denen man sich bewegen kann.

Stefan Piech: Da muss ich Herrn Thoma beipflichten. Was mich befremdet ist nur, dass man die technische Darbietung vor die Inhalte stellt. Wenn Sie heute ins Kino gehen ist es nebensächlich, ob ein digitaler Projektor den Film abspielt oder ein analoger: es kommt auf die Inhalte an. Streaming hat sicher eine Revolution im Inhalt gebracht, so ähnlich wie der Buchdruck beim Roman, denn man konnte davor keinen 10-Stunden-Film machen. Jetzt gibt es Episoden, die man nur mehr nacheinander sequenziell schauen kann. Es ist eigentlich ein 10-Stunden-Film, den man sich in einem Serienmarathon zu Gemüte führen kann. Die Produktionsqualitäten und Budgets für diese Fernsehdramen sind heute auf dem Niveau von früheren Kinofilmen.

Wir werden eines Tages mitten im Geschehen stehen, bei einem Fußballspiel direkt auf dem Platz. Mehr virtuelle Realität geht nicht. Helmut Thoma

Hat das Smartphone unsere Fernsehgewohnheiten verändert?

Piech: Das ist ein spannender Aspekt: man redet von 8K, und dann kommt man drauf, dass der meiste Content am Smartphone angesehen wird, dafür ist selbst HD zu hoch aufgelöst. Die Nebeneffekte sind unter anderem, dass die Leute, vor allem Kinder in Asien, Kurzsichtigkeiten entwickeln. Die verbreiten sich fast wie Epidemien, weil Content auf ganz kleinen Bildschirmen konsumiert wird. Gleichzeitig aber gab es noch nie so viele Fernsehverkäufe wie heute. Die Screens waren noch nie so überdimensioniert, in den USA gibt es im Schnitt sieben Screens pro Haushalt.

helmut thoma stefan piech ooom magazin

Werde ich in 10 Jahren noch eine virtuelle Brille aufsetzen müssen?

Thoma: Sie werden sie nicht mehr brauchen. Oculus Rift war der erste Durchbruch, ein Virtual-Reality-Headset. Es war eigentlich für Spiele gedacht und ist eine Technik, die man weiterentwickeln kann. Es gibt unzählige Anwendungsmöglichkeiten, zum Beispiel in der Architektur oder in der Medizin. Sie können dann bei medizinischen Operationen Organe von allen Seiten betrachten. Hier ist eine Entwicklung im Gange, die dazu führen wird, dass wir einmal keine Brillen mehr benötigen, sondern durch eine Art Projektion ganze Räume bespielt werden können.

Streaming hat eine Revolution im Inhalt gebracht, wie der Buchdruck beim Roman. Davor konnte man keinen 10-Stunden-Film machen. Stefan Piëch

Vor 30 Jahren saß bei Gottschalks „Wetten, dass…“ die ganze Familie vor dem Fernseher. Heute sehen Kinder und Eltern getrennt in ihren Zimmern fern. Hat dies nicht soziologisch äußerst negative Seiten?

Piech: Ja, absolut. Kinder ziehen durch den frühen Einstieg mit dem Smartphone bildungstechnisch keinen Vorteil daraus, sondern sind leider eher benachteiligt. Da gibt es neue Themen wie Attention Deficit Syndrom (Anm.: Aufmerksamkeitsdefizit-Störung) oder digitale Demenz. Aber es ist so wie am Anfang das Fernsehens: Damals wurde verteufelt, dass die Kinder nicht mehr miteinander spielen und nur mehr vor der Glotze sitzen. Jetzt hören wir als Anbieter von Kinderfernsehen, dass Eltern es lieber hätten, wenn deren Kinder vor dem Fernseher sitzen. Wenn die sich stattdessen irgendwo auf YouTube verlieren ist das nicht von Vorteil.

20. Dezember 2019