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Thoma und Piëch: Haus des Geldes

Sie lenken Milliardenkonzerne und sind Experten, wenn es um die Zukunft der Medien und des Fernsehens geht: Helmut Thoma gründete RTL und machte den Luxemburger Garagensender zu Europas profitabelster TV-Sendergruppe. Er ist heute Aufsichtsratsvorsitzender der Freenet AG. Der Medienunternehmer Stefan Piech ist der Enkel von Ferdinand Porsche und die siebente Generation der Automobil-Dynastie. Mit seinem Unternehmen „Your Family Entertainment“ gehört er europaweit zu den Big Playern im Kinderfernsehen, dazu sitzt er im Aufsichtsrat der Porsche Holding SE. Im OOOM FUTURE TALK sprechen die beiden Medienexperten über die Zukunft des Fernsehens, der Printmedien, Streaming – und Elon Musk.

Georg Kindel20. Dezember 2019 No Comments
helmut thoma stefan piech ooom magazin

helmut thoma stefan piech ooom magazin

Wird es das Erzählen von Geschichten in Printmedien nicht immer geben?

Piech: Ja. Und da ist es sehr interessant zu sehen, wie Sie das machen, Herr Kindel, mit der Vermischung von Print und Bewegtbild durch Augmented Reality. In Wahrheit geht es um Marken. Wenn ich mit Spiegel TV von einem bekannten Printmedium einen TV-Zweig entwickle, dann geht es um die Marke des Absenders. Wenn das eine gute Marke ist wie Der Spiegel, die New York Times oder BBC, wird es sie auch noch in 100 Jahren geben. Geschichten zu erzählen wird das zentrale Thema sein.

Was man früher Postwurfsendungen genannt hat, nennt man heute Gratiszeitungen. Der Begriff der Zeitung ist nur eine neue Verpackung für Reklame. Stefan Piëch

Auch in Ihrer Branche, dem Kinderfernsehen?

Piech: Es ist der größte Verlust, dass Kinder Dinge konsumieren, die keine Geschichte mehr sind. Das heißt: sie haben keinen Anfang und kein Ende mehr. Die Sagen und Märchen betreffen ja das klassische archetypische Bewältigen vom Erwachsenwerden. Es sind die deutschsprachen Märchen gewesen, die das groß gemacht haben. Das Schloss Neuschwanstein steht in der Mitte von Disneyland und zeigt, dass eigentlich der deutschsprachige Märchenschatz eine Universalgültigkeit hat. Die Amerikaner haben das erkannt. Die Moral der Geschichte ist auch eine typisch deutsche Sache, wie es sich die Gebrüder Grimm gedacht haben.

In Wahrheit geht es um Marken. Wenn es eine gute Marke ist wie Spiegel oder New York Times, wird es sie auch noch in 100 Jahren geben. Stefan Piëch

Thoma: Nur ändert das nichts daran, dass diese Märchen meistens ziemlich blutrünstig sind. Nur in Asien sind Märchen noch viel blutrünstiger. Sind „Die Simpsons“ ein Kinderprogramm? Nein, aber sie werden so dargeboten wie wenn sie es wären. Warum? Meine Vermutung ist, damit Erwachsene die Sendung halbwegs verstehen.

Piech: In Deutschland gibt es ja den Ausdruck „kinderleicht“. Es ist auch kein Geheimnis, dass unser Programm Fix & Foxi sehr gerne von älteren Personen angesehen und in Seniorenheimen gespielt wird.

US-Stardesigner Milton Glaser, der das New York Magazine mitgegründet hat, meint, dass wir keine gedruckten Bücher mehr brauchen. Sie verstauben nur ungelesen in Regalen.

Piech: Das Buch wird ganz sicher nicht sterben, und zwar aus mehreren Gründen. Wie die Washington Post schrieb, hat scheinbar unser Gehirn eine quantencomputerartige Mechanik. Es geht um die Frequenz der Bilder, also wie stark Bilder eingeprägt werden. Ich kann es nur aus meiner eigenen Erfahrung sagen: Ich muss immer, bevor ich Verträge unterschreibe, sie mir noch einmal ausgedruckt durchlesen. Die Millennials beispielsweise sind damit aufgewachsen, wo es auf Universitäten keine Textbücher mehr gibt, sondern alles online verfügbar ist. Aber ich glaube auch aus einem anderen Grund wird es gedruckte Bücher immer geben: Wenn ich ein Buch habe, dann ist es abgeschlossen. Ein digitales Asset kann im Nachhinein immer noch modifiziert werden.

Thoma: Ich bin da etwas skeptischer. Kurz- und mittelfristig wird das Buch überleben können, weil wir es sozial ja auch so gewohnt sind. Aber langfristig? Auch diese großen Bibliotheken, die man früher hatte, gibt es heute ja fast nicht mehr. Da ist durch die Digitalisierung schon viel passiert.

Film und Fernsehen produzieren Geschichten. Trotzdem hat man manchmal das Gefühl, es sei schon alles erzählt worden.

Thoma: Natürlich kann man alles wiederholen, aber ich sehe das nicht unendlich. Ich finde ja die Erotikschiene so spannend: Früher sind die Damen im Film vollbekleidet ins Bad gegangen. Dann irgendwann kam der Bikini, das war eine riesige Sensation. Und irgendwann waren sie halt nackt. Aber weiter geht es nicht. Was macht man dann? Man zieht sie wieder an.

Egal ob Erotikfilm, Drama oder Krimi: alles scheint nach demselben Muster gestrickt.

Thoma: Ja. Krimis zum Beispiel sind zwangsläufig ziemlich ähnlich. Einer wird erschlagen oder erschossen, dann rennen zwei Personen herum und versuchen den Täter zu finden. Irgendwo ist das endlich. Daher sehe ich auch ein großes Problem und eine Gefahr für die Streaming-Dienste, dass sie irgendwann einmal in einer gewissen Ermüdung enden.

20. Dezember 2019