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Thoma und Piëch: Haus des Geldes

Sie lenken Milliardenkonzerne und sind Experten, wenn es um die Zukunft der Medien und des Fernsehens geht: Helmut Thoma gründete RTL und machte den Luxemburger Garagensender zu Europas profitabelster TV-Sendergruppe. Er ist heute Aufsichtsratsvorsitzender der Freenet AG. Der Medienunternehmer Stefan Piech ist der Enkel von Ferdinand Porsche und die siebente Generation der Automobil-Dynastie. Mit seinem Unternehmen „Your Family Entertainment“ gehört er europaweit zu den Big Playern im Kinderfernsehen, dazu sitzt er im Aufsichtsrat der Porsche Holding SE. Im OOOM FUTURE TALK sprechen die beiden Medienexperten über die Zukunft des Fernsehens, der Printmedien, Streaming – und Elon Musk.

Georg Kindel20. Dezember 2019 No Comments
helmut thoma stefan piech ooom magazin

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Trotzdem boomt das klassische Kino. „Titanic“ war der erste Film, der am Box Office die Milliarden-Dollar-Schallmauer durchbrochen hat. Alleine 2019 haben das gleich mehrere Filme wie „Avengers: Endgame“ geschafft.

Thoma: Aber das ist auch wegen der Preiserhöhung bei den Tickets so. Der immer noch erfolgreichsten Film aller Zeiten ist glaube ich „Vom Winde verweht“, wenn man das am Wert, was damals ausgegeben und eingespielt wurde, misst.

Piech: Man sieht ja auch an Avengers oder den ganzen Filmen: Das Box Office basiert heute nur mehr auf Comic. Das hat auch eine gewisse Logik, weil die Kreativität scheinbar immer niedriger wird. Ich glaube, dass die Filmbranche in Wahrheit keine wahnsinnig kreative Branche ist. Die Art und Weise, wie ein Drehbuch gemacht wird, ist ja fast wie das Accounting beim Buchhalter. Es gibt da eine Universalregel, wann ein Plot Point kommen und wie die Handlung aufgebaut sein muss. Durch die entwickelten Algorithmen auf Netflix weiß man genau, wo ein Zuschauer umschaltet. Der Inhalt, das Storytelling basiert heute vorwiegend auf Comics wie „Walking Dead“ oder „Star Wars“. Was meiner Meinung nach noch kommen wird ist, dass ähnlich wie bei Kinderbüchern, wo dein Name eingetragen wird, ganze Filme individualisiert werden.

Wird es soweit gehen, dass man jemanden zu Weihnachten den jeweiligen Lieblingsfilm mit der beschenkten Person als Hauptdarsteller schenkt?

Thoma: Das glaube ich nicht. Ich frage mich auch wozu. Die Technologie ist endlos, wenn man sich vorstellt was da alles möglich ist. Wir könnten wahrscheinlich wunderbare Ibiza-Filme mit anderen Personen herstellen, die noch ganz andere Sachen aufführen. Aber wozu?

Piech: Ich denke, gerade mit den Algorithmen, die zur Verfügung stehen, wird es Möglichkeiten geben, Themen zu individualisieren. Man darf ja die Gaming-Industrie nicht vergessen.

Thoma: Da ergibt es ja auch Sinn, dass man sich da sozusagen einbringt in das Spiel, da spielt die virtuelle Realität natürlich eine Rolle. Serien sind ja eigentlich ein Massenmedium und kein Individualmedium. Klar kann man es individualisieren, aber Sinn wird es eher bei Spielen machen.

Führt diese ständige Verfügbarkeit des Streamings zu einer gewissen Abhängigkeit des Konsumenten?

Piech: Dass es eine gewisse Körperverletzung ist, wenn man sich drei Tage hintereinander in einem Raum einsperrt und auf einen Bildschirm schaut, ist irgendwie logisch. Ein gewisses Suchtverhalten gab es aber auch schon früher, zum Beispiel wenn man die großen DVD-Boxen am Wochenende konsumiert hat.

Herr Dr. Piech, haben Sie bei Ihrer Firma „Your Familiy Entertainment“ einen pädagogischen Auftrag?

Piech: Wir sind ja aus dem Ravensburger Konzern entstanden, dem ältesten Kinderbuchverlag der Welt. Unser Prinzip heißt: elternaffin, Gewaltverzicht und edukativ. Dieses Prinzip haben wir im Fernsehbereich weiterentwickelt.

Sie haben in Schottland Betriebswirtschaft und Filmwissenschaften studiert, in Klagenfurt promoviert. War es für Sie klar, dass Sie in die Filmbranche gehen?

Piech: Ich habe mit 13 oder 14 Jahren bei uns im Keller damals einen Film gedreht, der hat „Space Schrott“ geheißen. Ich war damals sehr an Filmen über den Weltraum interessiert. In die Zeit fiel der Übergang vom klassischen 8mm-Film zum Video, was damals eine Sensation war. Ich habe damals auch alles fotografiert und bin nach wie vor ein großer Kamera- und Foto-Junkie.

Die  Automobilindustrie als Hauptberuf kam für Sie nicht in Frage?

Piech: Ich war mit drei oder vier Jahren das erste Mal in der Fabrik. Meine Großmutter hat die Firma in Salzburg aufgebaut und wir haben sehr viel Zeit miteinander verbracht. Es war in der Familie immer klar, dass die Arbeit im Unternehmen selbst keine Option ist: Es gab die Entscheidung in den 1970er Jahren, dass die Familie sich operativ zurückzieht. Mein Onkel hat dann Karriere bei Volkswagen gemacht, ein anderer im Design.

Sie gingen trotzdem in die Automobilbranche.

Piech: Ich habe zwei Jahre in Frankreich bei Mitsubishi, bei Chrysler und Porsche gearbeitet, dann in Japan bei einem Automobilimporteur. Autoverkauf verstehe ich und ist ein Thema, das mich eigentlich immer begleitet hat. Das Thema Automobil wurde mir in die Wiege gelegt.

20. Dezember 2019