Inspiration

Thomas und Petra Kamenar: Wir waren Flüchtlinge

Ö3-Star Thomas Kamenar und seine Frau Petra – früher Topmodel, heute gefragte Fotografin – flüchteten zur Zeit des Kalten Krieges aus der Slowakei und verbrachten ihre erste Zeit im Flüchtlingslager Traiskirchen in Niederösterreich. Sie erlebten selbst, was Armut, Hunger und Angst bedeutet. Hätte es damals eine andere Regierung in Österreich gegeben, wäre das Land heute wohl um zwei Talente ärmer. Für OOOM blicken sie zurück auf ihre eigene Geschichte.

Georg Kindel5. Dezember 2018 No Comments
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Sie trafen einander 2012 auf Facebook?

Benovsky (zur leichteren Unterscheidbarkeit verwenden wir im Interview Petra Kamenars Mädchenname): Ja. Wir sagen immer: Treffen sich zwei Slowaken auf Facebook. Wir haben uns drei Monate, bevor wir das erste Mal wirklich miteinander kommuniziert haben, geaddet. Ich hatte auf einmal wahnsinnig schöne Fotos in meiner Storyline von Fischern und Schulkindern aus Sri Lanka und dachte mir: „Oh, wer hat die gemacht?“ Da las ich: Thomas Kamenar, Moderator. Und weil ich eine passionierte Analog-Fotografin war, habe ich ihn angeschrieben: „Hallo, wunderschöne Fotos. Digital oder analog?“

Wann kam die Antwort?

Kamenar: Sofort.

Benovsky: Wir haben gefühlt Stunden in diesem Chat verbracht. Dann stellten wir fest, dass wir beide Slowaken sind. Ab da an haben wir Slowakisch geschrieben. Und in jedem weiteren Satz wurde klarer, dass es eigentlich unmöglich ist, dass wir uns nicht kennen. Es gab ein Ferienlager für Flüchtlinge aus der damaligen Tschechoslowakei in Pisa in den 1980er-Jahren, und wir waren beide dort. Aber nicht im selben Jahr.

Kamenar: Ab dem Zeitpunkt, wo du als Flüchtlingskind nach Österreich gekommen bist, hast du einfach sehr ähnliche Erlebnisse gehabt. Ich wurde 1979 in Banská Bystrica geboren, Petra 1980 in Bratislava. Es war die Zeit des Kalten Krieges.

Wie war das Leben im Ostblock?

Kamenar: Extrem hart. Viele Menschen waren wahnsinnig talentiert oder toll ausgebildet, konnten aber oft dort, wo ihre Talente lagen, nicht arbeiten. Meinen Großvater haben sie ohne Grund ins Gefängnis gesteckt. Man wusste aber noch nicht, dass das wenige Jahre später alles kippen sollte. Die Gesellschaft in der Slowakei war extrem paranoid.

Ihre Eltern nutzten eine Busfahrt nach Österreich mit Ihnen zur Flucht. Passierte das spontan?

Kamenar: Nein. Das war genau überlegt. Aber sie konnten es damals niemandem sagen, nicht einmal ihren Eltern. Petra ist ein Jahr später ebenfalls mit ihren Eltern geflüchtet.

Haben Sie Erinnerungen daran?

Benovsky: Meine Lebens­erinnerungen fangen genau mit der Flucht an. Das erste Bild, das ich habe, war, wie wir über Italien geflüchtet sind. Ich kann mich erinnern, wie ich aus dem Bett in Italien falle und den Steinboden auf mich zukommen sehe. Die Narbe habe ich heute noch.

Weihten Ihre Eltern die restliche Familie in ihre Fluchtpläne ein?

Benovsky: Meine Eltern haben niemandem etwas von der Flucht gesagt. Mein Großvater meinte im Nachhinein, dass es gut war, weil ansonsten hätte er uns damals verraten. Meine Großeltern haben an das Regime geglaubt. Meine Großmutter war politisch sehr engagiert, sie war eine der führenden Genossinnen in der Frauenpartei.

Wie war Ihre Flucht?

Benovsky: Es war während eines Urlaubs in Italien. Mein Vater wollte eigentlich nach Deutschland, aber dort hat er keine Arbeitsgenehmigung bekommen. Von anderen Flüchtenden hat er erfahren, dass man in Kanada sehr leicht die Green Card bekommt. Und nachdem wir sonst nicht wussten, wohin, haben wir das restliche Geld genommen, um Flugtickets nach Toronto zu bezahlen.

War der Glaube etwas, das Ihnen damals während der Flucht Kraft gab?

Benovsky: Ja. Meine Mutter war evangelisch, mein Vater römisch-katholisch, beide sehr gläubig. Ob Fatalismus bei der Flucht für ihn eine Rolle gespielt hat, weiß ich nicht. Aber ich glaube schon, dass mein Vater den Glauben hatte, dass alles gut wird.

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Wollte Ihre Familie in Kanada Fuß fassen?

Benovsky: Wir waren nur zehn Monate dort. Es war nicht als Übergangslösung geplant, es sollte unsere Heimat werden. Aber aus gesundheitlichen Gründen meiner Mutter wurde daraus nichts. Sie bekam Rheuma, auch wegen dem kalten Winter, den es dort gibt. Wir sind dann mehr oder weniger in Österreich gestrandet. Österreich stand auf der Wunschliste meines Vaters ganz weit unten, weil es so nahe an der Slowakei war. Er hatte sehr große Angst vor den zwei Jahren angedrohter Haft für Flüchtlinge. Das war auch immer wieder Thema, als ich Kind war. Ich habe halt oft gefragt, ob wir nicht mal wieder zurück können, um die Großeltern zu besuchen. Es ging nicht. Meine Cousinen habe ich dann wirklich erst beim Fall des Eisernen Vorhangs kennengelernt. Sie erzählten mir, dass über einen Zeitraum von sechs Monaten nach unserer Flucht jeden Tag die Polizei zu ihnen kam. Teilweise wurden die Kinder von den Eltern getrennt und verhört. Sie machten überhaupt ganz perfide Sachen. So haben meine Großeltern Visa bekommen und wurden auf der Wache indoktriniert, dass sie nach Österreich reisen und uns dazu bringen sollen, in die Slowakei zurückzukehren.

Wie war Österreich?

Benovsky: Wir wussten, dass es dieses Flüchtlingslager in Traiskirchen gibt. Und wir wussten auch, dass wir in Deutschland nicht weiterkommen. Meine Eltern wollten endlich Ruhe haben und nicht länger flüchten, vor allem, weil sie auch mit einem kleinen Kind unterwegs waren. Jetzt, wo wir selber Kinder haben, verstehen wir die Motivation unserer Eltern noch besser. Wir sind gleich nach der Ankunft nach Traiskirchen gekommen. Für mich war das mehr oder weniger ein Ausflug. Dass die Decken recht stechend waren, weiß ich noch. Wir waren drei Monate dort und sind dann in eine Katastrophen-Wohnung nach Wien gekommen, die uns zugeteilt wurde. Sie war in der Goldschlagstraße, hatte elf Quadratmeter, am Gang gab es das Klo und eine Gemeinschaftsdusche.

Konnte Ihr Vater in Österreich einen Job suchen?

Benovsky: Ja. Mein Vater konnte ein bisschen Deutsch, aber längst nicht so gut, dass er als Journalist – was er in der Slowakei war – hier hätte arbeiten können. Meine Mutter war ganz klassisch Putzfrau, obwohl sie Jus studiert hat. Mein Vater hat alles gemacht, was irgendwie ging, vom Botendienst bis zum Putzmittelvertreter.

Kamenar: Du siehst den Leuten damals wie heute ihre Intelligenz nicht an. Dein Vater war Journalist, mein Vater hatte ein Wirtschaftsstudium abgeschlossen und dann in Österreich als Gärtner gearbeitet, um uns durchzubringen. Der Bus aus der Slowakei ist am Südbahnhof stehen geblieben und wir sind nie wieder eingestiegen. Bei uns waren Aufpasser dabei, aber die haben auch Geld dazuverdient, wenn sie Flüchtlinge gehen ließen. Mein Vater hat von denen Pässe gekauft. Unser Plan war auch nach Kanada zu gehen. Aber meine Eltern haben sich dagegen entschieden.

War in den Köpfen Ihrer Eltern schon die Vorstellung, dass irgendwann der Eiserne Vorhang fallen wird?

Kamenar: Ich glaube schon.

Benovsky: Nein, bei uns nicht. Mein Vater konnte es nicht glauben, als der Vorhang fiel. Bei der ersten Gelegenheit, als es sicher war, ist er über die Grenze gefahren.

Kamenar: Wir sind dann auch nach Traiskirchen gekommen. Von der Zeit habe ich richtiggehend Filme im Kopf. Ich habe Erinnerungen daran, wie es Schokobrezeln gab, aber wir uns keine leisten konnten. Ich habe später als Ö3-Moderator von einer Frau, die diese Geschichte gehört hat, einen Sack voll Schokobrezeln geschenkt bekommen. Mir sind fast die Tränen dabei gekommen. Mein Vater wurde in Österreich mehrfach befragt, wo die Raketen in der Slowakei stationiert sind. Er ist ein Bär, zwei Meter groß, und er hat sie angeschrien, dass er damit nichts zu tun haben will. Mein Vater war Volleyballtrainer und hat viele Mannschaften trainiert. Dadurch, dass er in dieses Sportlergefüge hineingekommen ist, sind wir in ein ganz anderes soziales Netzwerk gelangt. Wir haben durch den Sport viele Freunde in Österreich gefunden.

Dann zogen Sie nach Innsbruck?

Kamenar: Wir waren dazwischen auch noch in Baden. In Traiskirchen sind wir gestrandet. Dann sind wir in das Schloss Senftenegg gekommen, das hat einem guten Menschen gehört, der es vermietet hat. Die Flüchtlinge haben Arbeit dort verrichtet. Damals war man noch froh, dass es diese Leute gibt. Wir haben ja auch nicht anders ausgesehen als die Österreicher – da hatten sie auch nicht so große Angst vor uns.