Inspiration

Thomas und Petra Kamenar: Wir waren Flüchtlinge

Ö3-Star Thomas Kamenar und seine Frau Petra – früher Topmodel, heute gefragte Fotografin – flüchteten zur Zeit des Kalten Krieges aus der Slowakei und verbrachten ihre erste Zeit im Flüchtlingslager Traiskirchen in Niederösterreich. Sie erlebten selbst, was Armut, Hunger und Angst bedeutet. Hätte es damals eine andere Regierung in Österreich gegeben, wäre das Land heute wohl um zwei Talente ärmer. Für OOOM blicken sie zurück auf ihre eigene Geschichte.

Georg Kindel5. Dezember 2018 No Comments
ooom magazin thomas petra kamenar
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Waren die Leute nett?

Kamenar: In der Schule spürte ich eine Ablehnung, aber vorher überhaupt nicht. Ich wusste auch nicht, wie schwer es meine Eltern hatten. Diese Ablehnung gegenüber dem Fremden hat heutzutage eine ganz andere Qualität als damals. Die Menschen heute haben einen so viel besseren Einblick in die Welt, aber wissen so viel weniger.

Wie geht Ihnen dabei, wenn Sie sehen, wie heute mit Flüchtlingen umgegangen wird?

Kamenar: Wenn ich mir Beiträge von Politikern ansehe, die offensichtlich Hetze betreiben, werde ich depressiv. Ich lese sie nicht mehr, um Abstand zu bekommen. Für mich und Petra war die unerwartete Entwicklung 2015 schlimm und wir wollten etwas tun. Petra ist nah am Wasser gebaut, das empfinde ich als positiv, weil sie sich in jeden versucht hineinzuversetzen. Wir hatten beide nichts. Unsere Eltern hatten nichts. Und du siehst dann einfach die Welt mit anderen Augen.

Benovsky: Wie wir eine Familie gegründet haben, war einer meiner Hauptgedanken, wenn es um die Zukunft meiner Kinder ging: „Wie kann ich ihnen vermitteln, was ich erlebt habe, und wie mich diese Erfahrungen positiv geprägt haben?“ Meine Eltern haben es immer geschafft, das Negative von mir fernzuhalten. Ich habe sehr früh begriffen, dass wir nicht immer alles haben konnten, eher das Gegenteil. Thomas’ Familie ging es aufgrund des Berufswechsels seines Vaters schneller besser, bei uns dauerte es. Meine Mutter konnte nicht als Anwältin arbeiten. Sie musste in einer Textilfirma jobben und hat sich dann in zwei Wochen das Technische Zeichnen beigebracht, ohne das vorher jemals gemacht zu haben, um arbeiten zu können. Zum Schluss war sie bei der Telekom Austria. Bei uns zuhause war es anders aufgeteilt als in klassischen Familien. Mein Vater hat damals den Haushalt geführt und meine Mama sehr unterstützt. Sie haben sich sehr geliebt. Meine Mutter hat den Großteil des Geldes heimgebracht. Das war auch ein Thema, als meine Mutter 2001 mit nur 46 Jahren gestorben ist. Die Ärzte meinten, das sei eine klassische Kombination aus Vergangenheitstrauma und neuem Trauma aus der Gegenwart: Ein klassischer psychosomatischer Krebs. Die Flucht für sie war sehr traumatisch und sehr schwierig, mehr als für meinen Vater. Mein Vater ist ein extrem starker Mann, er blieb daheim und bügelte. Das zeigt von Größe. Heute ist er Journalist beim ORF. Meine Mutter hatte eine enge Beziehung zu meinen Großeltern. So eng, dass meine Großmutter kurz nach meiner Mutter gestorben ist, weil sie ohne ihr Kind keinen Sinn mehr im Leben gesehen hat. Ich glaube, meine Mutter war sehr froh, als wir dann in Österreich so weit waren, dass wir nicht betteln gehen mussten. Es gibt ein Foto aus dieser Zeit, wo meine Eltern ihren Einkauf fotografiert haben und ausgehungert wie KZ-Häftlinge danebenstehen. Das Fleisch, Gemüse, alles schön aufgelegt, weil sie das endlich kaufen konnten. Es war etwas ganz Besonderes. Mir hat es nie an etwas gefehlt, aber das ging nur, weil sie selbst Entbehrungen auf sich genommen haben.

Was haben Ihnen Ihre Eltern für Ihr Leben mitgegeben?

Benovsky: Solange wir uns haben, ist alles gut. Ich war als Teenager in einer katholischen Privatschule, sie haben alles, was sie verdienten, in diese Schule für mich gesteckt, weil sie gesagt haben, das sei die einzige Chance aus diesem Zirkel, in dem wir waren, auszubrechen. Aber ich habe einfach immer gemerkt, dass ich anders bin. Ich hatte keine coole Kleidung an. Jeder trug Levi’s-501-Jeans, doch wir konnten uns das alles nicht leisten. Ich trug meist Sachen von anderen Leuten. Ich kenne heutzutage niemanden in unserem Umfeld, der weiß, was es bedeutet, nicht zu wissen, was man morgen essen wird. Für meine Freunde klingt das wie eine Geschichte, nicht wie die Realität. Meine Eltern haben alles getan, damit es mir gut geht. Wenn ich jetzt mit Abstand auf das schaue, wie wir gelebt haben, so ist das eigentlich ein Wahnsinn.

Sie haben dann bald zu modeln angefangen.

Benovsky: Mit vierzehn Jahren.

Ausbruch in eine andere Welt oder Zufall?

Benovsky: Ich hatte das Glück, als Kind in einem Kinofilm mitspielen zu können, „Pumuckl und der blaue Klabauter“. Ich habe die Rolle unter 500 gecasteten Mädchen bekommen. Vor der Premiere ist der Hauptdarsteller Gustl Bayrhammer gestorben, es war der letzte Pumuckl, der jemals gedreht wurde.

War das nicht eine enorme Genugtuung für Sie?

Benovsky: Nein, es hat mich noch mehr zur Außenseiterin gemacht. Ich konnte aber gut damit umgehen. Ich wurde dafür ausgelacht, weil meine Mutter mir in Alufolie eingewickelte Brote mitgegeben hat. Das war damals uncool, da ist man zum Buffet gegangen und hat sich eine Wurstsemmel gekauft. Das Geld für diese Wurstsemmel hatten wir einfach nicht.

Kamenar: Die Außenseiterrolle hatte ich auch. Damals, als die Petra die weite Welt kennengelernt hat, aufgrund glücklicher Umstände und vor allem ihres Talents, bin ich eher in die tiefen Abgründe der Psyche gerutscht und habe erlebt, wie es ist, ein sehr schlechter Schüler zu sein. Nach der Volksschule bin ich in die Hauptschule gegangen. Leider hatte ich es nicht ins Gymnasium geschafft.

Benovsky: Tom ist das klassische Beispiel. Er hatte keine guten Noten in der Schule, ist zweimal sitzengeblieben, hat keine Matura; und es gibt keinen Menschen, der dir so glasklar logisch erklären kann, was Quantenphysik ist.

Kamenar: Damals hatte ich keine Ahnung, was ich machen soll. Mein Vater ist dann wieder zurück in die Slowakei und hat eine Firma aufgebaut. Ich machte Zivildienst bei der Lebenshilfe für geistig Behinderte in Innsbruck. In der Zwischenzeit hatte ich einen Job beim Radio bekommen. Sarah, meine erste große Liebe, war Werbesprecherin für mehrere Radiostationen in Tirol. Bei einem kleinen Radiosender suchten sie einen Moderator, ich habe mich beworben. Damals wusste keiner, wie Radio gemacht wird. Aber die, die so getan haben als ob sie‘s wüssten, bekamen die Jobs. Zwei Wochen später habe ich dann dort angefangen.

Petra, Sie wurden als Model entdeckt?

Benovsky: Während der Pumuckl-Premiere war dort die Bookerin einer Model­agentur und fragte mich, ob ich Model werden will. Ich war damals null fashion-affin, habe mich nie geschminkt und wusste nicht mal, wie man Mascara aufträgt. Das Modeln war nichts, was ich wollte, es ist mir passiert. Mit 14 fing ich an und mit 15 bin ich das erste Mal in Tokio gesessen. Mit einem fetten Vertrag, das war damals noch vor der japanischen Wirtschaftskrise, wo mit dem Geld noch um sich geworfen wurde, als gäbe es kein Morgen. Es waren Unsummen, die ich verdient habe. Da hatte ich teilweise meinen Eltern gegenüber ein schlechtes Gewissen, weil ich manchmal für einen Job mehr verdient habe als sie im ganzen Monat. Von 1995 bis 2000 war ich ständig im Ausland.

Wo waren Sie überall?

Benovsky: In Tokio, Athen, Paris, Mailand und vielen anderen Städten. Ich habe Palmers gemacht, bin nach Tokio für die Kenzo-Modenschau geflogen worden. Ich als Typ habe genau in dieses Schönheitsideal gepasst. Ich bin aber trotzdem sehr schlank gewesen.

Nach der harten Kindheit plötzlich enormes Geld. Was hat das aus Ihnen gemacht?

Benovsky: Am Anfang war es befremdlich, weil ich nicht wusste, was ich damit anfangen soll. Ich kann mich noch an den ersten Anruf erinnern, als ich in der Pause vom Münzautomaten in der Schule meine Agentur angerufen hab. Sie sagten: Du bekommst einen Vertrag für drei Monate in Tokio mit einer garantierten Mindestsumme von 20.000 US-Dollar. Selbst wenn du nichts arbeitest, bekommst du das Geld. Ich stand in der Aula und war sprachlos. Ich wusste erst gar nicht, mit wem ich das teilen könnte, weil ich ja keine Freunde hatte.

ooom thomas kamenar

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Sie lebten also zwei Leben?

Benovsky: Ich hatte die familiäre Welt, da wurde es auch nicht groß thematisiert, außer dass die Noten passen mussten, sodass ich wieder den nächsten Flug nehmen durfte. Und dann gab es meine Berufswelt. Ich war das Mädel, das jeden Job machen kann. Wenn man mir sagte, sei das unschuldige Schulmädchen, dann war ich es. Wenn es hieß, sei die Schlampe, dann war ich die Schlampe.

Waren Drogen für Sie damals ein Thema?

Benovsky: Ja. Aber für die Anzahl an Drogen, mit denen ich konfrontiert wurde, passierte herzlich wenig.

Wenn Sie sich damals schon kennengelernt hätten …?

Kamenar: Ich hätte mich fix in sie verliebt.

Benovsky: Wäre nichts gelaufen. Nicht, weil er mir nicht gefallen hätte, sondern weil er mir zu brav gewesen wäre. Ich war zu wild.

Was haben Sie so erlebt?

Viel. Einmal bin ich mit Jon Bon Jovi in einem Club gesessen, ohne zu wissen, wer er ist. Ich fragte ihn, was er in Tokio macht. Er meinte, er hätte gerade ein Konzert gespielt und ich darauf: „Ah, Musiker! Kann man davon wirklich leben?“

Wurden Ihnen Drogen angeboten?

Benovsky: In diesen Clubs hat man immer mal wieder Ecstasy angeboten bekommen. Ich hab‘s ausprobiert, aber habe irgendwann festgestellt, dass es mich extrem nervt, beim dritten Mal fand ich es nur mehr anstrengend.

Wie lange haben Sie den Modeljob gemacht?

Benovsky: Lang, hauptberuflich war ich Model, bis ich 25 Jahre alt war. Als die Japan-Krise kam, war das sehr stark spürbar. In Österreich hab ich alles gemacht, von Maresi bis Lindt, ÖBB, Telekom, Palmers, A1 usw.

Zur selben Zeit saß bei Welle 1 Thomas Kamenar.

Kamenar: Nach eineinhalb Jahren Welle 1 bin ich nach Klagenfurt gegangen zu einem kleinen Stadtradio, habe in Villach dann die Abendschule gemacht, bin zurück nach Tirol und dort Morning-Show-Host geworden. Das war eine der lustigsten Radio-Zeiten in meinem Leben. Irgendwann saß dann Andi Knoll bei mir zuhause in meiner WG und meinte, sie würden gerade jemanden suchen. Ich hatte mein Gespräch bei Ö3, sie riefen mich freitags in Tirol an und wollten wissen, wann ich denn anfangen könnte. Ich sagte: „Am Montag“ und zog nach Wien. Bei Ö3 wollten sie mich nach einem Jahr feuern, weil bei mir irgendwie nix weitergegangen ist. Ich hatte es nicht geschafft, als Moderator eine Verbindung zum Publikum aufzubauen.  Wer mich gerettet hat, war Gerda Rogers. Als sie gefragt wurde, mit wem sie gerne arbeiten würde, meinte sie mit mir. In den „Sternstunden“ habe ich dann wirklich das Moderieren gelernt.

Haben Sie Ö3 gehört?

Benovsky: Nein. Nie. Bis zu dem Zeitpunkt, wo ich Tom kennengelernt habe, hatte ich keine Ahnung, wer Thomas Kamenar ist. Nach meiner Zeit als Model habe ich fast fünf Jahre in einer Agentur als Bookerin gearbeitet. Die „Goldenen Zeiten“ im Modelbusiness waren vorbei. So habe ich begonnen, Fotos von den Mädchen für die Agentur zu machen. Eines Tages rief mich ein Kunde an und engagierte mich als Fotografin.

Glauben Sie an Schicksal?

Benovsky: Total. Ich bin davon überzeugt, dass manche Dinge einfach so sein müssen, auch wenn sie „schlecht“ sind. Ich glaube an die Liebe. Und dass wir zwei uns gefunden haben.

Ab welchem Zeitpunkt war es Ihnen beiden klar?

Benovsky: Sofort. Ich hatte das Pech, dass ich bei Männern immer in die Klomuschel gegriffen hatte. Bei Tom wusste ich: Mit ihm werde ich alt.

Kamenar: Nach drei Tagen chatten haben wir uns im Café Sperl getroffen. Ich war damals noch in einer Beziehung, die schon zehn Jahre dauerte.

Benovsky: Als ich ihn dann sah, war es Gedankenkino: Ich sah ein kleines lockiges Kind die Wiese hinunterhüpfen und ihn, den Vater meiner Kinder. Meine biologische Uhr hat in dieser Sekunde, als ich sein Gesicht gesehen habe, geläutet wie verrückt. Zwei Tage später schrieb er mir, dass er seine Freundin verlassen hat. Wir wussten beide, das ist etwas ganz Besonderes und wollten nichts in diese Beziehung hineinschleppen, was sie vergiften könnte. Erst nach drei Monaten waren wir dann offiziell zusammen.

Wären Sie nicht in den 90-Jahren, sondern heute nach Österreich gekommen: Wären Ihre Chancen die gleichen?

Kamenar: Ich glaube nicht, dass wir unter den heutigen Umständen in Österreich geblieben wären. Damals war das Thema Hilfsbereitschaft ganz groß. Das Gute war, dass Österreich uns damals mit offenen Armen empfangen hat. Der Rest war trotzdem ein Kampf.

Wie geht es Ihnen dabei, wenn Sie das Klima heute in Österreich ansehen?

Benovsky: Schlecht, es ist für mich unglaublich und macht mich sprachlos, was es da für Bewegungen gibt. Mir geht manchmal die Luft aus, wenn ich sehe, dass sich die Geschichte tatsächlich wiederholt.

Was möchten Sie gerne Ihren beiden Kindern Jakob und Emilia mitgeben?

Kamenar: Neugier und Liebe. Bescheidenheit. Und soziales Engagement – das ist eines der wichtigsten Dinge im Leben. Das macht uns zu Menschen.