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Tom Ford im Interview: „Mode hat keinen Wert“

Der inspirierendste Designer unserer Zeit spricht in OOOM offen über seinen kleinen Sohn Jack – und sein „langweilig glamouröses Leben“.

Elisabeth Sereda26. März 2017 No Comments

„A Single Man“

Er startete sein eigenes Fashionlabel und entdeckte seine Passion für den Film: Tom Ford ist der wohl inspirierendste Designer der letzten zwei Jahrzehnte. Seit seinem Erstlingswerk als Regisseur, „A Single Man“, vergingen sieben Jahre. Nun lässt er im Film „Nocturnal Animals“ die erfolgreiche Galeristin Susan (Amy Adams) ihre gesamte Existenz hinterfragen, nachdem ihr Ex Tony (Jake Gyllenhaal) ihr das Manuskript seines ersten Romans schickte, das sie verstört zurücklässt. Im OOOM-Interview spricht Tom Ford offen über sein glamouröses Leben, seinen kleinen Sohn Jack, die Tücken des Filmemachens, seine drei Jahrzehnte dauernde Beziehung zu Autor Richard Buckley – und warum Mode keinen Wert hat.

Schönheit ist ein Wort, das er nur für Inneres anwendet. Seine Zukunft sieht er nicht auf den Laufstegen der Modemetropolen, sondern in der Wüste New Mexicos. Film ist seine Passion. Tom Ford, das Symbol von Eleganz, der Charmeur auf jeder Party, die Inkarnation einer Popkultur-Ikone in den höchsten Sphären des Fashionbusiness, hat kein Interesse an oberflächlichem Glamour. Der geborene Texaner, der das Gucci-Label aus den Minuszahlen rettete und zu einer 10-Milliarden-Firma machte, lebt seit 30 Jahren mit dem Autor Richard Buckley, den er 2012 heiratete, zusammen. Der gemeinsame Sohn Jack ist vier. Seine Designs kleideten Michelle Obama, Jane Fonda, Julianne Moore, Tom Hanks, Johnny Depp, Colin Firth, Hugh Jackman und Ryan Gosling. Für Daniel Craig entwarf er alle James-Bond-Anzüge. Justin Timberlake sang und Jay Z rappte seinen Namen.

MODE IST NETT, ABER SIE VERGEHT. SIE HAT KEINEN WERT,
DER ÜBER EINE SAISON HINAUSGEHT.
FILME SIND DAS LOHNENDSTE, DAS ICH JE IN MEINEM LEBEN GEMACHT HABE –
AUSSER MEINEN SOHN GROSSZUZIEHEN.
DENN FILME SIND FÜR DIE EWIGKEIT.

2009 brachte er seinen ersten Film „A Single Man“ in die Kinos, die Story eines homosexuellen College-Professors. Beim heurigen Filmfestival von Venedig präsentierte er „Nocturnal Animals“, das den Jury-Preis gewann. Seine Filme sind visuell so stylish wie seine Designs, seine Inhalte besitzen einen Tiefgang, den wenige Regisseure und Autoren schaffen.

Tom Ford mag auf den ersten Blick wie ein wandelnder Widerspruch wirken. Seine Ziele und Werte sind jedoch so klar wie die Luft in Santa Fe, wo er seine Kindheit und Jugend verbrachte. Privat ist der 55-Jährige ein sensibler, hochintelligenter, gebildeter und charmanter Gesprächspartner, bei dessen Anblick Männer wie Frauen schwach werden. Tom Ford ist visuell wie intellektuell der Inbegriff der Sinnlichkeit. Ein Gespräch über die Leidenschaft Film, das Geschäft Mode, und die Wertigkeit von Liebe und Loyalität.

Können Sie Filmemachen mit Modedesign vergleichen?
Die beiden sind einander im Arbeitsprozess überraschend ähnlich. Nur das Resultat ist verschieden. Aber in beiden Fällen muss man eine Vision haben, sogar in der Mode. Wenn man eine Kollektion designt, wenn man seinen eigenen Brand kreiert. Was will ich damit sagen, was will ich damit erreichen, wen soll das interessieren? Das sind Fragen, die ich mir stellen muss. Dasselbe gilt fürs Filmemachen. Dann muss ich talentierte Leute engagieren und ihnen den Raum und die Möglichkeit geben, ihre eigene Kreativität einzubringen. Aber – und Schauspieler hören das nicht gern – ich muss sie führen, damit sie das tun, was ich mit dem Film sagen will. Im Gegensatz zur Mode muss ich beim Film viel mehr den Psychologen spielen. Ich liebe auch den Filmschnitt. Das ist für mich der Höhepunkt der Kreation, und dafür brauche ich Zeit. Ich habe sieben Monate mit dem Schnitt für „Nocturnal Animals“ verbracht, und jede Sekunde war nötig.

Sie sprechen mit sehr viel Leidenschaft über Ihre Regiearbeit. Bedeutet Ihnen Film mehr als Mode?
Filme sind das Lohnendste, das ich je in meinem Leben gemacht habe – außer meinen Sohn grossziehen. Denn Filme sind für die Ewigkeit. Das war der Grund, warum ich damit begonnen habe. Mode ist nett, sie ist eine Ausdrucksform, aber sie vergeht. Sie hat keinen Wert, der über eine Saison hinausgeht, sie hat ein Ablaufdatum. Auch wenn es heutzutage immer mehr Modeausstellungen gibt. Kleider Jahre später in einem Museum zu sehen, ist interessant, aber sie haben niemals dieselbe Wirkung, die sie in dem Moment hatten, als sie zum ersten Mal auf dem Laufsteg gezeigt wurden. Dasselbe gilt für abstrakte Kunst. Als die ersten abstrakten Gemälde gemalt wurden, ging diese Kunstform wie eine Schockwelle durch die Gesellschaft. Jetzt gibt es überall abstrakte Kunst, und sie hat die Power verloren. Film währt ewig. Er verliert diese Power nie. Du kannst dir einen Film aus den 1930er-Jahren anschauen und wirst mit den Charakteren mitfühlen, mitleben, mitweinen, mitfürchten, mitlachen. Der Regisseur ist tot, der Drehbuchautor ist tot, aber die menschliche Erfahrung lebt, die Geschichte stirbt nicht. Wenn mein Sohn älter ist und wissen will, was sein Vater gemacht hat, wer sein Vater als Künstler ist, dann kann er sich „A Single Man“ ansehen.