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Tom Ford im Interview: „Mode hat keinen Wert“

Der inspirierendste Designer unserer Zeit spricht in OOOM offen über seinen kleinen Sohn Jack – und sein „langweilig glamouröses Leben“.

Elisabeth Sereda26. März 2017 No Comments

Amy Adams bei den Dreharbeiten mit Tom Ford.

Lassen Sie uns über das Oberflächliche sprechen: In den 1990ern entwarfen Sie Mode, die mit dem Begriff „Porno-chique“ bezeichnet wurde.
Dieser Begriff hat nicht beschrieben, was ich mit meinen Designs erreichen wollte. Das geschieht manchmal, darüber habe ich keine Kontrolle. Der Begriff war das Resultat der Werbung, die ich für die Kollektionen filmte, der G-Spot für Gucci.

Was war dann Ihre Intention dabei?
Ich fand es damals lächerlich, dass alle Designer ihre Logos riesengroß auf ihre Designs klatschten. Alles war Logo, Logo, Logo, von Vuitton bis Gucci. Gleichzeitig wurde in Los Angeles eine Frau mit ihren Schamhaardesigns berühmt. Das war die Zeit, in der Frauen ihre Schamhaare entweder komplett rasierten oder sich Logos machen ließen. Die Frau war bekannt für ihre Flaggen und Buchstaben. Es war der Höhepunkt des Lächerlichen. Ich wollte nichts anderes als diesen Trend auf ironische Weise aufzugreifen und mich darüber lustig zu machen.

Sie sprachen über die bewusste Entscheidung, ein Kind zu bekommen. Wie hat Ihr Sohn Ihr Leben verändert?
Vor seiner Geburt begann und endete meine Welt mit meiner Geburt und meinem Tod. Jetzt höre ich mir dabei zu, wie ich meinem Sohn Dinge vermittle, die mir mein Vater vermittelt hat. Und wenn Jack älter wird und eigene Kinder hat, wird er ihnen sicher dieselben Geschichten erzählen, dieselben Werte vermitteln. Auf einmal sieht man sich als Verbindungsglied in der menschlichen Evolution. Als Teil eines Ganzen.

Waren Sie als Kind beliebt oder ein Außenseiter?
Ich war ein Außenseiter, ohne dass mir das bewusst war, weil ich Eltern hatte, die mich so sein haben lassen wie ich wollte. Ich wollte als kleiner Bub einen Anzug tragen, obwohl das sonst niemand machte. Zur Schule ging ich mit einem kleinen Attachékoffer, weil mir eine Schultasche zu schlampig war. Meine Eltern sagten, du wirst vermutlich von deinen Schulkameraden verprügelt werden, aber sie haben mich machen lassen. Verprügelt wurde ich nicht, aber verspottet.

Es ist schwer vorstellbar, dass ein feinsinniger Mensch wie Sie als Homosexueller im Texas und New Mexico der 1980er-Jahre glücklich werden konnte.
Mir wurde erst in New York klar, dass ich schwul bin. Ich hatte eine Freundin in New Mexico, die zweimal schwanger war. Damals war dort Abtreibung immer noch eine Form der Verhütung. Im Manhattan der 80er-Jahre habe ich es mir ordentlich gegeben. Nichts ausgelassen, keinen Sex, keine Drogen, keine Partys. Bis AIDS alles veränderte. Und ich meinen Mann mit 25 traf.

Was eine der großartigsten Lovestorys ist, die ich je gehört habe.
Die Aufzug-Geschichte? Ja, ich bemerkte Richard zum ersten Mal bei einer Modeschau. Er war 38, 13 Jahre älter als ich, was damals ein Riesenunterschied war. Er hat die Augen eines Huskys. So intensiv, dass ich in Panik davonrannte. Eine Woche später traf ich ihn im Aufzug wieder. Es waren 12 Stockwerke, und als wir unten angekommen sind, wusste ich: Das ist mein Ehemann. Er hatte alles, was ich in einem Partner suchte. Aber die Erkenntnis versetzte mich wieder in Panik, weil ich in Wirklichkeit ein sehr scheuer Mensch bin. Meine Chefin spielte Kupplerin, als er Interesse bekundete. Dann hatten wir unser erstes Rendezvous. Drei Wochen später gab er mir den Schlüssel zu seinem Apartment, und seither leben wir zusammen. Durch die guten Zeiten und all unsere Erfolge, und die schlechten, als er Kehlkopfkrebs hatte. Wenn wir „Ich liebe dich“ zueinander sagen, dann meinen wir es. Es war und ist zwischen uns nie einfach so dahingesagt.

26. März 2017