Inspiration

Tsering Gellek: Die Tempelhüterin

Tsering Gellek ist die erste Frau, die mit der Renovierung des Swayambhu-Stupa beauftragt wurde, eines der bedeutendsten Heiligtümer des Buddhismus und UNESCO-Weltkulturerbe. Sie ist Direktorin des Sarnath International Nyingma Instituts (SINI) in Varanasi, Indien, das darauf ausgerichtet ist, Brücken des Guten zwischen Ost und West, Moderne und Tradition, Kontemplation und Handeln zu schaffen. Traditionell ausgebildete buddhistische Mönche werden in einem interdisziplinären Programm vorbereitet: auf das Leben und die Welt, die sie außerhalb ihres Tempels erwartet.

GABRIELA EULER-ROLLE22. Dezember 2020 No Comments
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Fällt Ihnen das durch Ihre Lebensgeschichte leichter?
Ich habe eine große Sensibilität entwickelt, was Unterschiede und Gemeinsamkeiten betrifft. Wenn du nur in einem Kulturkreis aufwächst und keine Berührungspunkte mit anderen hast, glaubst du, dass jeder so ähnlich denkt und tickt wie du selbst. Ich bin in eine ungewöhnliche Mischung von Geschichte und Kultur hineingeboren. Meine Eltern kamen nicht nur aus sehr unterschiedlichen Teilen der Erde, sie waren außerdem Einwanderer in den USA. Es gab also noch eine dritte Kultur in meinem Leben. Das hat meine Perspektive auf andere Kulturen geprägt.

Ihre Eltern haben einander in Indien kennengelernt, nachdem Ihr Vater schon 1958 seinem Guru Jamyang Khyentse Chökyi Lodrö nach Sikkim gefolgt war. Wie kam es denn zur Begegnung mit Ihrer Mutter?
Meine Mutter ist in London geboren und in Frankreich aufgewachsen. Sie ist Anfang der 1960er-Jahre nach Indien gereist, um einen Film über einen großen Yogi zu drehen. Sie war eine außergewöhnliche Frau. Sie war eine Suchende und fasziniert von der buddhistischen Lehre. Sie haben einander in Varanasi kennengelernt, der Stadt, in der ich jetzt arbeite. Das war ein Kapitel ihres Lebens, das 50 Jahre später zu einem Kapitel meines Lebens geworden ist.

War Ihre Mutter Teil der Hippie-Bewegung und hat sie sich deshalb von Indien angezogen gefühlt?
Nein, meine Mutter war unabhängig. Sie hat sich zwar für die spirituellen Lehren interessiert, wollte aber nicht Teil einer Bewegung sein. Sie hat nicht gegen das System gekämpft, sondern sich auf die Suche nach den alten Weisheiten der buddhistischen Lehre, dem Dharma, begeben. Sie war eine Denkerin und hat sich auf ihren spirituellen Weg begeben, um etwas zu erfahren, nicht um gegen etwas zu rebellieren.

In Europa wissen viele Menschen wenig über den Buddhismus. Was bedeutet Dharma?
Dharma bedeutet „Die Lehren“. Im Buddhismus gibt es drei Elemente: Buddha, Dharma und Sangha. Buddha wurde vor 2.500 Jahren als Prinz Siddharta in Nepal geboren, der Dharma ist seine Lehre, und Sangha ist die Gemeinschaft derer, die den Dharma studieren und praktizieren.

Ein wichtiges Prinzip des Buddhismus ist das Verständnis von Leerheit.

22. Dezember 2020